15. Mai 2006 Im größten Skandal in der Geschichte des italienischen Fußballs steht Rekordmeister Juventus Turin vor einem Absturz in die Zweitklassigkeit. Aberkennung des Meistertitels, Zwangsabstieg und Ausschluß aus der Champions League würden Juve nach Schätzungen über 300 Millionen Euro kosten.
Die aktuelle Affäre überschattete am Sonntag auch den Gewinn des 29. Meistertitels in der Vereinsgeschichte von Juventus. Die Turiner siegten 2:0 bei Reggina Calcio und beendeten die Saison mit 91 Punkten, drei Zähler vor dem AC Mailand, der den AS Rom 2:1 bezwang.
Torhüter Buffon bangt um WM-Teilnahme
Mit Verhören und Durchsuchungen setzten die Staatsanwälte die Jagd auf Italiens Fußball-Mafia auch am Wochenende fort. WM-Schiedsrichter Massimo De Santis wurde vom italienischen Fußballverband (FIGC) für die WM in Deutschland zurückgezogen, während Nationaltorhüter Gianluigi Buffon weiter um die Teilnahme bangt.
Ja, er habe auf ausländische Spiele gewettet, sagte der Juve-Torhüter gegenüber der Staatsanwaltschaft Turin. Seit dem Wettverbot im Herbst 2005 habe er aber nicht mehr gespielt. Stimmt dies, würde Buffon wohl mit einem Entgegenkommen rechnen können - und vermutlich auch mit der Reise nach Deutschland.
Auf die Drahtzieher der Manipulation zugunsten von Juventus Turin machen die fünf Staatsanwaltschaften dagegen immer mehr Druck. Zusammen mit Juve-Manager Luciano Moggi, Juve-Geschäftsführer Antonio Giraudo, dem zurückgetretenen FIGC-Vizepräsidenten Innocenzo Mazzini und den ehemaligen Schiedsrichter-Koordinatoren Paolo Bergamo und Luigi Pairetto hält die Staatsanwaltschaft Neapel De Santis für einen der Köpfe der kriminellen Vereinigung. Das ist alles unwahr, behauptete indes De Santis.
Das System Moggi
Die Fahnder sprechen vom System Moggi. Der ehemalige Präsident des FC Bologna, Giuseppe Gazzoni, redet offen von Mafia. Bergamo und Pairetto, denen der FIGC ebenfalls die WM-Akkreditierung entzog, habe Moggi die Schiedsrichter für die Juve-Spiele vorgeschrieben.
Die Schiedsrichter anderer Spiele hätten auf Moggis Anweisungen hin gezielt Spieler mit Gelben Karten für die nächsten Spiele außer Gefecht gesetzt. So soll Moggi die Juve-Gegner geschwächt haben. Auch offene Gewalt gehörte anscheinend zu Moggis Repertoire. Schiedsrichter Gianluca Paparesti sperrten Moggi und Giraudo nach Juves 2:3-Niederlage bei Reggina Calcio wutentbrannt in der Kabine ein, weil der Unparteiische wohl tatsächlich unparteiisch war.
Am Samstag äußerten sich Paparesti und seine damaligen Linienrichterkollegen acht Stunden lang bei der Staatsanwaltschaft in Rom. Hätte ich damals was gesagt, hätte ich nie wieder gepfiffen, sagte Paparesti. Die Staatsanwaltschaft prüfte jetzt eine Anklage wegen Freiheitsberaubung.
Nationaltrainer Lippi nicht unter Verdacht
Die haben uns und 40 Millionen Italiener verarscht, sagte Inter Mailands Trainer Roberto Mancini. Die Ermittlungsbescheide gegen 41 Personen seien erst der Anfang, sagte Neapels Staatsanwalt Filippo Beatrice.
Dies ist ein Skandal ohnegleichen, dagegen war der Wettskandal in den 80er Jahren ein Lausbubenstreich, so Italiens IOC-Mitglied Mario Pescante. Man empfinde tiefen Ekel über den Fußballskandal, ließ sogar der Vatikan in ungewohnt scharfen Worten durch seine Zeitung L'Osservatore Romano verlauten.
Auch die Regierung ist entsetzt und wird am Dienstag einen kommissarischen Leiter an die Spitze des führungslosen Fußballverbandes bestellen. Gerüchte, wonach auch Nationaltrainer Lippi in den Skandal verstrickt sei, bewahrheiteten sich nicht. Bestätigt wurde dagegen, daß nun auch der AC Mailand ins Visier der Staatsanwaltschaft Neapel geraten ist. Wir sind aber nur die Opfer, hieß es in Mailand.
Text: F.A.Z., 15.05.2006
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, REUTERS
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