Von Elisabeth Schlammerl, Nürnberg
22. Juni 2006 Ghana hatte sich in den vergangenen Wochen, während des Aufenthalts in Würzburg, offenbar viel Freunde in Franken gemacht. Die Zuschauer in Nürnberg, die nicht gerade amerikanischer Herkunft oder sonst irgendwie mit den Vereinigten Staaten verbunden waren, zeigten ihre Sympathie auch farblich. Viele Fahnen in rot-gelb-grün, den Farben Ghanas, wehten im Stadion, und als die Afrikaner mit dem Einzug ins Achtelfinale die erste kleine Überraschung der WM vollbracht hatten, feierten die Franken und die ghanaische Gemeinde gemeinsam eine lautstarke Siegerparty.
2:1 besiegte Ghana am Donnerstag im letzten Vorrundenspiel der Gruppe E die Vereinigten Staaten, die vor vier Jahren in Japan und Südkorea erst im Viertelfinale an Deutschland gescheitert waren und wie Tschechien die Heimreise antreten müssen. Im Achtelfinale trifft Ghana nun auf Weltmeister Brasilien.
Die amerikanische Nationalelf hatten Ghana einen großen Kampf geliefert, waren zweimal durch Draman (22. Minute) und Appiah (45., Foulelfmeter) in Rückstand geraten, aber nur eine der vielen guten Chancen verwertet (Dempsey, 43.). Jetzt haben wir es geschafft. Für uns beide war es ein sehr wichtiges Spiel. Trotzdem haben wir die ganze Zeit auch auf das andere Spiel zwischen Tschechien und Italien geschaut. Wir sind sehr glücklich, daß wir jetzt gegen Brasilien spielen dürfen. Sie sind die besten der Welt, sagte Ghanas Trainer Ratomir Dujkovic.
Im Achtelfinale ohne Essien
Für die Ghanaer war es in diesem Spiel auch um die Ehrenrettung des schwarzafrikanischen Fußballs gegangen. Sie hatten gegen Tschechien für den ersten Erfolg einer Mannschaft aus Afrika bei dieser WM gesorgt und stehen nun als einzige im Achtelfinale. Vor diesem Turnier war dies eher der Elfenbeinküste zugetraut worden, aber die Mannschaft von Henri Michel scheiterte in einer sehr starken Gruppe. Die Ghanaer hatten mit Italien, Tschechien und den Vereinigten Staaten zwar ebenfalls starke Konkurrenz, aber sie waren abgeklärter und disziplinierter als die technisch versierten, aber verspielten Debütanten von der Elfenbeinküste. Nun darf Ghana seinen Deutschland-Aufenthalt verlängern, mindestens bis Dienstag, da trifft es in Dortmund auf den Sieger der Gruppe F.
In der Gruppe E war an diesem finalen Spieltag fast alles möglich und nichts unmöglich, zuviel Risiko konnte deshalb ebenso das Aus bedeuten wie zu wenig. Allerdings war Ghana, das ohne die gesperrten Torschützen gegen Tschechien, Sulley Muntari und Asamoah Gyan, antreten mußte, in der etwas besseren Situation, mit zwei Punkten mehr, und deshalb konnten es sich die Mannschaft von Trainer Ratomir Dujkovic eher erlauben, zunächst vor auf Sicherheit bedacht zu sein. Michel Essien setzte nach vier Minuten im Mittelfeld ein Zeichen, allerdings ein teuer bezahltes, als er sich für eine rüde Attacke die Gelbe Karte einhandelte. Er wird im Achtelfinale fehlen, weil es seine zweite Verwarnung war.
Merk übersah Foul an Reyna
Was zunächst wie ein Moment der Unachtsamkeit von Claudio Reyna in der 22. Minute aussah, stellte sich hinterher als böses Foul heraus, das der deutsche Schiedsrichter Markus Merk übersah. Der ehemalige Bundesliga-Profi Reyna verlor dadurch 20 Meter vor dem Tor als letzter Mann seines Teams den Ball an Haminu Draman. Der Ghanaer spazierte ungehindert Richtung Tor und nutzte - auch das ist eine Ausnahme für eine afrikanische Mannschaft - gleich die erste Chance zum 1:0. Reyna verletzte sich bei dieser Aktion obendrein am Knie und mußte später ausgewechselt werden.
Als dann auch noch Razak Pimpong, der den gesperrten Asamoah Gyan vertrat, ein paar Minuten die Chance vergab, auf 2:0 zu erhöhen, fühlte sich Ghana dann vielleicht zu sicher, die Partie für sich entscheiden zu können. Sie überließen den Vereinigten Staaten die Regie, und die Mannschaft von Trainer Bruce Arena hatte natürlich nach einer halben Stunde natürlich noch nicht aufgegeben im Kampf um einen Platz im Achtelfinale.
Unberechtigter Strafstoß für Ghana
Den ersten Warnschuß gab Donovan in der 35. Minute ab, als er aus halbrechter Position den Ball über das Tor drosch. Acht Minuten später machte es Clint Dempsey besser, als er eine Hereingabe von Beasley aus kurzer Distanz zum 1:1 verwandelte. Aber mit freundlicher Unterstürzung von Schiedsrichter Markus Merk, der nach einem Mini-Rempler von Oguchi Onyewu an Pimpong schmeichelhaft auf Elfmeter entschied, hielt Ghana den Kurs auf das Achtelfinale. Kapitän Stephen Appiah verwandelte kurz vor dem Pausenpfiff zum 2:1. Es ist sehr enttäuschend und hart, damit fertig zu werden. Der Elfmeter war keine gute Entscheidung des Schiedsrichters, sagte der amerikanische Coach Bruce Arena. Dadurch mußten wir einem Rückstand hinterherlaufen, das war die entscheidende Szene. Wenn man bei jeder Berührung im Strafraum pfeifen würde, gäbe es in jedem Spiel 15 Elfmeter. Trotzdem haben wir gut gespielt.
Nach der Pause versuchten die Amerikaner alles, um das nun immer unmöglicher Erscheinende vielleicht doch noch möglich zu machen. Immerhin kamen ihnen die Italiener zu Hilfe, die gegen Tschechien bald in Führung gegangen waren. Die Amerikaner gefielen mit forschem Angriffsfußball, aber der Ball wollte einfach nicht mehr ins Tor. Ghana überzeugte mit einer guten Defensivleistung und blieb trotz des amerikanischen Drucks gefährlich. Aber die Afrikaner wurden ihrem Ruf in der zweiten Halbzeit gerecht, zu nachlässig beim Verwerten guter Möglichkeiten zu sein.
Ghana - Amerika 2:1 (2:1)
Ghana: Kingston - Pantsil, Mensah, Shilla, Mohamed - Boateng (46. Otto Addo), Essien, Appiah, Draman (80. Tachie-Mensah) - Amoah (59. Eric Addo), Pimpong
Amerika: Keller - Cherundolo (60. Johnson), Onyewu, Conrad, Bocanegra - Reyna (40. Olsen), Dempsey, Beasley, Lewis (74. Convey) - Donovan, McBride
Schiedsrichter: Merk (Otterbach)
Zuschauer: 41.000 (ausverkauft)
Tore: 1:0 Draman (22.), 1:1 Dempsey (43.), 2:1 Appiah (45.+ 2/Foulelfmeter)
Gelbe Karten: Shilla, Essien, Mensah, Appiah / Lewis
Text: F.A.Z. vom 23. Juni 2006
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS