10. Juli 2006 In der allgemeinen Wahrnehmung des Fußballfans gelten vor allem Italiener als unfaire und Engländer als ruppige Spieler, die sich oft mit zweifelhaften Methoden versuchen, einen Vorteil zu verschaffen. Liest man indes die Tabelle der Disziplinarmaßnahmen gegen die Mannschaften bei der diesjährigen Weltmeisterschaft, kommt doch so manches Aha-Erlebnis zustande.
Daß Portugal ganz an der Spitze der Rangfolge des wenig Sportlichen rangiert, mag noch nicht all zu sehr überraschen. Mit 24 gelben Karten sammelten der Vierte der WM um ein Drittel mehr Karten als der Zweitplazierte. Auch bei den roten Karten bringen es die Portugiesen mit zwei Exemplaren auf einen Spitzenplatz.
Viele Karten: Portugal, Ghana und Frankreich
Doch danach beginnen die Überraschungen. Platz zwei geht nämlich schon an eine Mannschaft, die über das Achtelfinale nicht hinauskam - an Ghana. 18 gelbe und eine rote Karte in vier Spielen, das ist mit einem Schnitt von 4,5 gelben und 0,25 roten Karten pro Spiel deutlich mehr als Portugal (3,43 bzw. 0,29).
Die nächste Überraschung bietet Platz drei. Dort findet sich der Vizeweltmeister Frankreich - nicht nur wegen Zidanes roter Karte. Zwar gab es insgesamt weniger Karten gegen französische Spieler als gegen niederländische (beide 16 gelbe Karten, Niederlande zweimal rot, Frankreich einmal). Doch mit 125 gegenüber 85 begangenen Fouls schiebt sich der Zweite deutlich an den Holländern vorbei. Indes ist das etwas unfair, denn im Schnitt stehen die Holländer deutlich schlechter da.
Überhaupt hat es der Durchschnitt in sich. Interessanterweise wurden nämlich die insgesamt meisten Fouls von der deutschen und der französischen Mannschaft begangen - doch im Durchschnitt liegen afrikanische Teams an der Spitze. Ghana bringt es auf 25, Angola auf 24,7. Gut dabei auch noch die Soccaroos mit 24. Deutschland und Frankreich tummeln sich dagegen mit 17,86 eher im Mittelfeld.
Kaum Karten: Deutschland, Spanien und Italien
Die wenigsten Fouls leisteten sich übrigens die Japaner sowohl absolut (39) als auch im Durchschnitt (13), vor Brasilien und der Elfenbeinküste. Die Italiener liegen übrigens auf Platz sechs - noch deutlich vor Deutschland.
Die meisten gelben Karten gab es im Durchschnitt auch gegen Afrikaner. Ghana brachte es auf 4,5 pro Spiele, Tunesien sogar auf 4,7. Hier zeigt sich endlich, daß die deutsche Mannschaft durchaus auch zu den fairsten des Turniers gehört hat. Mit lediglich 1,71 gelben Karten pro Spiel ist das Platz drei - übrigens hinter Spanien und Italien (1,5 und 1,57). Und England? Mit 1,8 gelben Karten pro Spiel und 15 begangenen Fouls ist die Weste ziemlich sauber - wenn man von der roten Karte für Rooney absieht.
Gäbe es eine goldene Himbeere für den Unfair-Play-Preis, wem müßte man ihm dann verleihen? Betrachtet man die absoluten Zahlen, so wäre Portugal praktisch konkurrenzlos. Schwieriger ist das mit dem Durchschnitt. Hier wäre Ghana ein heißer Kandidat, aber auch Serbien-Montenegro mit immerhin den meisten roten (zwei Stück in drei Spielen) und den viertmeisten gelben Karten.
Kartenkönige: Costinha und Gyan Asamoah
Noch schwieriger ist es, den Fairplay-Preis nach der Statistik zu vergeben, bei der es keine eindeutige Tendenz gibt. Japan, Spanien, Saudi-Arabien und die Elfenbeinküste - alle wetteifern um den Sieg. Im Turnier kamen sie allerdings nicht sehr weit, sonst wäre es vielleicht auch anders ausgegangen.
Eindeutiger ist die Statistik der Spieler, die sich durch viele Karten und Fouls hervorgetan haben. Geht es um begangenen Fouls belegen mit Thierry Henry, Patrick Vieira und Claude Makelele französische Spieler drei der ersten vier Plätze.
Die Kartenkönige aber sind eindeutig der Portugiese Costinha, der in fünf Spielen viermal den gelben und einmal den roten Karton sah sowie der Ghanaer Gyan Asamoah, der es in nur drei Spielen auf viermal Gelb und einmal rot brachte. Den rüdesten Durchschnitt schaffte dagegen Cyrille Domoraud von der Elfenbeinküste, der es in seinem einzigen Spiel zweimal den gelben Karton und konsequenterweise danach auch noch den roten Karton sah.
Auch Andre aus Angola kam in zwei Spielen auf eine stolze Strecke: dreimal gelb und einmal rot. Unangenehm fiel auch der Spanier Carlos Marchena auf, der in seinem einzigen Spiel gleich fünf Fouls verursachte.
Text: @mho
Bildmaterial: FAZ.NET, picture-alliance/ dpa
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