Henry trifft zum 1:0 gegen Brasilien

Frankreich wirft den Weltmeister raus

Von Cai Tore Philippsen, Frankfurt

Frankreichs Sieger: Henry dankt Vorbereiter Zidane

Frankreichs Sieger: Henry dankt Vorbereiter Zidane

01. Juli 2006 Das kleine Frankreich bleibt für den Fußball-Riesen Brasilien bei Weltmeisterschaften eine schier unüberwindliche Hürde. Der große Favorit, für den in Deutschland nicht weniger als der sechste Titel - die Hexa - zählte, ist kläglich gescheitert. Im Viertelfinale besiegte die Equipe Tricolore die wie gelähmt agierenden Brasilianer 1:0 (0:0).

Der überragende Zinedine Zidane machte für Frankreich ein grandioses Spiel. Seinen mit viel Gefühl auf den zweiten Pfosten gezogenen Freistoß verwandelte der freistehende Thierry Henry in der 57. Minute mit der rechten Innenseite aus nächster Nähe zum Tor des Abends. Die bislang größte Sensation dieses Turniers kommentierte Henry mit den Worten: „Das war kein gestohlener Sieg. Wir haben verdient gewonnen. Wir haben gezeigt, daß wir keine Weicheier sind.“ Sein Trainer Raymond Domenech sagte nach dem Schlußpfiff: „Das ist ein außergewöhnlicher Moment. Wir sind noch da. Ich bin sehr glücklich und habe meiner Mannschaft in der Kabine gesagt: Jetzt wollen wir mehr.“

Rätsel um Ronaldo

Acht Jahre nach dem 0:3 der Brasilianer im WM-Finale von Paris mißlang damit in der mit 48.000 Zuschauern ausverkauften Frankfurter WM-Arena die heißersehnte Revanche für die Südamerikaner. Vielmehr erlebten die alternden Franzosen vor ihrem Staatspräsidenten Jacques Chirac ein wunderschönes Revival, das ihnen noch in der Vorrunde niemand mehr zugetraut hatte. Im Halbfinale trifft Frankreich nun auf Portugal (Siehe auch: Beckham tritt als Kapitän zurück - Rooney der Sündenbock) mit dem brasilianischen Weltmeistertrainer Luiz Felipe Scolari.

So endet die Karriere des französischen Weltstars Zinedine Zidane noch immer nicht, sie erhielt einen weiteren Glanzpunkt. Wie schon 1998 war Ronaldo abermals der Verlierer im Duell der Ikonen ihres Sports. Um seinen desolaten Auftritt im Finale 1998 ranken sich noch heute Legenden. Niemand konnte bisher aufklären, warum der vor acht Jahren rasante Stürmer ausgerechnet im Endspiel zum depressiven Schleicher mutierte. Und Ronaldo schweigt bis heute. Auch auf dem Feld ließ er keine Taten für sich sprechen. „O Fenomeno“ stand verloren auf dem Platz, trabte im Stile eines übergewichtigen Altherrenkickers in Richtung Ball. Sein Auftritt stand symbolisch für die gesamte brasilianische Mannschaft. Die unerklärlichen Fragen des Jahres 2006 lauten: Warum hat Parreira den 29jährigen immer wieder aufgestellt? Und: warum kann Ronaldinho in der Nationalmannschaf nicht einmal ansatzweise an seine Leistungen anknüpfen, die er für den FC Barcelona zeigt?

Brasilianer langsam und ideenlos

Neben Ronaldo standen beim Wiedersehen in Frankfurt Cafu und Carlos Roberto aus der Elf von 1998 auf dem Platz. „Wir müssen vergessen, daß wir damals verloren haben“, hatte der Ronaldo ihnen zugerufen. Bei den Franzosen waren mit Zidane, Torwart Fabien Barthez, Patrick Vieira und Lilian Thuram sogar noch vier Weltmeister auf dem Platz, und die erinnerten sich gerne an das Match, in dem sie den auch damals übermächtigen Gegner bezwungen hatten. „Wir müssen einen gewaltigen Sprung nach vorne machen, sonst fahren wir nach Hause“, hatte Carlos Alberto Parreira seinen Stars vor dem Spiel eingeimpft. „Wir müssen uns in allen Aspekten verbessern: physisch, technisch, emotional und taktisch.“ Doch es war eher Stagnation, was die Selecao zu bieten hatte.

Langsam und ideenlos trat der Titelfavorit auf. Ein Kopfball von Ronaldo nach einem Freistoß von Ronaldinho, mehr war in der ersten Hälfte nicht zu notieren. Kaka und Ronaldinho, dessen schwarzes Stirnband ein leuchtend gelbes „R“ zierte, zeigten ein paar Kunststücke - mehr nicht. Dabei hatte Parreira es seinen Spielern vorgemacht, war über den eigenen Schatten gesprungen und hat seine Lieblingsformation verändert. Ronaldos schwerfälliger Sturmpartner Adriano saß bis zur 63. Minute nur auf der Bank, für ihn kam der schußgewaltige Mittelfeldspieler Juninho in die Mannschaft. Und Emerson mußte im defensiven Mittelfeld trotz überwundener Kniebeschwerden dem agileren Gilberto Silva weichen. Brasiliens Heil im Angriff wollte Parreira also erst einmal nicht suchen. Ronaldo, mit 15 Toren seit dem Achtelfinale gegen Ghana bester WM-Schütze aller Zeiten, war viel zu lange sein einziger Stürmer.

Domenech wählte defensive Taktik

Auch Raymond Domenech blieb seiner Taktik der verhaltenen Offensive treu, Thierry Henry blieb in der Spitze ohne Unterstützung. Dahinter sollten Zidane, Frank Ribery und Florent Malouda wie schon gegen Spanien für Druck sorgen. In seinem 26. Spiel als Verantwortlicher der „Equipe Tricolore“ setzte Domenech zum ersten Mal auf die gleiche Formation wie in der Partie zuvor. Nachdem die hektische Anfangsphase überstanden war, erspielten sich „les bleus“ deutliche Vorteile im Mittelfeld. Kurz vor dem Pausenpfiff tanzte Zidane gleich drei Südamerikaner am Mittelkreis aus und schickte Patrick Vieira. Leverkusens Juan konnte den langen Mittelfeldspieler der Franzosen nur mit einem Foul bremsen und hatte Glück, daß Schiedsrichter Luis Medina Cantalejo aus Spanien nur die Gelbe Karte zeigte. Den fälligen Freistoß blockte Ronaldo in der brasilianischen Mauer mit der Hand und sah ebenfalls Gelb. Wieder Freistoß, fast von der Strafraumgrenze. Doch Zidanes Ball traf nur die Mauer. Direkt nach dem Wiederanstoß verfehlte Vieiras Kopfball sein Ziel.

Erst mit Adriano und dem in der 79. Minute eingewechselten Robinho erhöhte sich der Druck, doch die glänzende französische Defensive hielt Stand. Ronaldinhos Freistoß in der 89. Minute strich nur knapp über das Tor. Der letzte Sieg bei einer Weltmeisterschaft gegen Frankreich war Brasilien 1958 gelungen. Damals hatte Pele, der das Spiel am Fernseher in Berlin verfolgte, Frankreich fast im Alleingang aus dem Turnier geschossen. Das war vor 48 Jahren.

Brasilien - Frankreich 0:1 (0:0)
Brasilien: Dida - Cafú (76. Cicinho), Lucio, Juan, Roberto Carlos - Kaká (79. Robinho), Gilberto Silva, Juninho (63. Adriano), Zé Roberto - Ronaldinho, Ronaldo
Frankreich: Barthez - Sagnol, Thuram, Gallas, Abidal - Vieira, Makelele - Ribéry (77. Govou), Zidane, Malouda (81. Wiltord) - Henry (86. Saha)
Schiedsrichter: Medina Cantalejo (Spanien)
Zuschauer: 48 000 (ausverkauft)
Tor: 0:1 Henry (57.)
Gelbe Karten: Cafú, Juan, Ronaldo, Lucio / Sagnol, Saha, Thuram



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS

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