Zinedine Zidane

„Zierde des französischen Sports“

Von Roland Zorn, Berlin

Frankreich kann Zidane nicht böse sein, Chirac auch nicht

Frankreich kann Zidane nicht böse sein, Chirac auch nicht

10. Juli 2006 Ganz langsam, den Kopf gesenkt, verließ Zinedine Zidane inmitten eines ohrenbetäubenden Pfeifkonzerts den Rasen. Kurz blickte er noch einmal auf zum Himmel, sprach mit sich selbst und verschwand in die Katakomben mit Tränen in den Augen - vorbei an seinem Trainer Raymond Domenech, vorbei an dem zum Greifen nahen WM-Pokal. Es war der Abgang eines Superstars, der sein 108. Länderspiel mit der Eroberung des Titels krönen und danach seine Karriere hoch dekoriert beenden wollte. Aus der Traum!

Der Weltmeister von 1998 und Weltstar des Fußballs verschwand von seiner Bühne nach dem übelsten Foul der WM 2006. Als seine Kameraden im Anschluß an das 4:6 nach Elfmeterschießen (1:1, 3:5) für den zweiten Platz des Turniers mit Silbermedaillen geehrt wurden, fehlte „Zizou“, ihr Kapitän. Einsam, verstört und tieftraurig hockte der wieder einmal für einen unverzeihlichen Augenblick ausgerastete Sohn eines algerischen Frankreich-Immigranten am späten Sonntagabend in der Kabine und begriff sich selbst nicht mehr.

Lebensdoppelrolle als „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“

Die 110. Spielminute der Verlängerung war es, die ein hart umkämpftes, mehr und mehr von Frankreich dominiertes Finale aus der Balance riß. Nachdem der in Italiens Serie A als böser Bube vom Dienst geltende Innenverteidiger Marco Materazzi den französischen Starregisseur am Trikot gezogen hatte, trotteten die Widersacher nebeneinander her und lieferten sich ein kurzes Wortgefecht, das der zum Provozieren aufgelegte Italiener eröffnete.

Zidane, im Spiel wie im Leben oft von mönchischer Schweigsamkeit, fühlte sich in diesen Sekunden durch eine nicht überlieferte Bemerkung des Abwehrmanns von Inter Mailand schlagartig gekränkt. Der 34 Jahre alte Südfranzose, schon öfter in der Lebensdoppelrolle als „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ aufgefallen, blieb stehen, drehte sich um, rannte mit gebeugtem Haupt auf Materazzi zu und rammte ihm seinen kahlen Schädel gegen den Brustkorb. Rumms! Der baumlange, 1,93 Meter messende italienische Modellathlet fiel um, blieb lange liegen, und in der Zwischenzeit nahm der Abschied vom gestürzten Liebling dieser WM eine ganz andere Kontur als erhofft an.

Mal ganz oben, mal ganz unten

Aufgeregt lief Italiens großartiger Torwart Gianluigi Buffon auf die Unparteiischen zu. Er hatte alles gesehen, der argentinische Schiedsrichter Horacio Elizondo aber nicht. Und so befragte er seinen ersten Assistenten Dario Garcia. Der hatte sich in der Zwischenzeit beim vierten und fünften Offiziellen des Endspiels schlau gemacht. Die Spanier Medina Cantalejo und Victoriano Giraldez Carrasco hatten auf einem der Fernsehgeräte in der Nähe die Szene mehrmals in der Wiederholung gesehen, ließen aber hinterher verlauten, die Tätlichkeit mit eigenen Augen und nicht am Bildschirm gesehen zu haben. Sowohl Frankreichs Trainer Raymond Domenech als auch sein italienischer Kollege Marcello Lippi verbreiteten allerdings die Version vom Videobeweis einer traurigen Szene, in der Zidane zum gestürzten Engel eines Turniers wurde, das bis dahin seine WM war.

Alle, die sich vorher ein Idealbild von dem bekannt jähzornigen Franzosen ausgemalt hatten, sahen nun und einen Tag später die Fotos von einem Irregeleiteten, der sein Endspiel nicht unter Kontrolle hatte. Es war für ihn das Finale einer Achterbahnfahrt, die den gelegentlich verschlossen wie eine Auster wirkenden Mann während der vier turbulenten deutschen Wochen mal ganz nach oben katapultierte, mal ganz nach unten schleuderte. Zidane hielt sich, Frankreich und die Fußballwelt in Atem - und blieb damit trotz seiner kopfgesteuerten, aber gedankenlosen Missetat zum bösen Schluß einer der faszinierenden Hauptdarsteller der großen WM-Fußballshow.

„Zidane ist eine Zierde des französischen Sports“

Staatspräsident Jacques Chirac, der die französischen WM-Zweiten tags darauf im Elyseepalast empfing, ließ sich von den Widrigkeiten des Schlußauftritts in seiner Eloge auf den größten und schwierigsten französischen Fußballkünstler nicht aufhalten: „Ich habe allen Respekt vor einem Mann, der uns so oft die Schönheit seines Sports, verbunden mit großer menschlicher Qualität, gezeigt hat. Ich weiß nicht, was in dieser Szene passiert ist, aber Zinedine Zidane ist immer eine Zierde des französischen Sports und ganz Frankreichs gewesen.“

Als ein Großer wird dieser außergewöhnlich feinfühlige Herrscher über den Ball mit dem Blick für die Magie des Augenblicks in die Geschichte des Fußballs zweifellos eingehen. Es hat auch nicht viel gefehlt, und Zidane hätte sein zweites WM-Finale für „Les Bleus“ sportlich eindrucksvoll geprägt. Als der nun fußballmüde Spielmacher in der sechsten Minute mit einem Elfmetertor die Tür für den erhofften Triumph geöffnet hatte, schien er auch das Berliner Olympiastadion wie seinerzeit das Stade de France erobern zu können. Zwei Tore beim 3:0 über Brasilien 1998 und nun schon wieder einen Treffer vorgelegt, das Finale ließ sich für den adieu sagenden Franzosen famos an. In der 104. Minute hätte er mit einem plazierten Kopfball beinahe die sportlich zu rechtfertigende Entscheidung für Frankreich herbeigeführt - doch Buffon parierte. Dann nahm das Verhängnis seinen Lauf, weil derselbe Zidane sich gehen ließ wie so oft in seiner Karriere.

Kein Wort über Materazzis Worte

2001 verpaßte er, damals im Trikot von Juventus Turin, dem Hamburger Jochen Kientz im Champions-League-Duell mit dem HSV einen Kopfstoß und sah Rot. Bei der WM 1998 trat er im Vorrundenspiel gegen Saudi-Arabien nach einem Gegenspieler: Platzverweis und zwei Spiele Sperre für diese Tätlichkeit waren die Folge. Der charismatische Einzelgänger, der augenscheinlich zu selten aus seiner hermetischen Innenwelt herauskommt, war seitdem auch gebrandmarkt.

Bei der WM in Deutschland mußte der melancholische Choleriker nach der zweiten Gelben Karte im zweiten Gruppenspiel gegen Südkorea (1:1) pausieren. Wütend warf er seine Kapitänsbinde zu Boden, als ihn Trainer Domenech bar jeden Fingerspitzengefühls in letzter Minute auswechselte. Frankreich schaffte ohne seinen Anführer soeben den Sprung in die K.-o.-Runde; der Maitre kehrte stark und frisch wie lange nicht auf seine Weltbühne zurück, führte die Equipe Tricolore in ihr zweites WM-Finale - und dann so was. „Der Platzverweis für Zidane hat alles geändert“, behauptete Domenech am Sonntag. Er sagte aber auch: „Wir bedauern das Ganze und er auch, nachdem Zizou eine großartige WM gespielt hat.“

Bester Spieler des Turniers

Domenechs Spieler verweigerten am Sonntag abend nähere Auskünfte über den Dialog im Reizklima zwischen Zidane und Materazzi. David Trezeguet, dessen Strafstoß gegen die Latte der Anfang vom vierten italienischen Titelgewinn war, sagte aus Solidarität gegenüber dem Kapitän mit der Schlußattitüde eines Leichtmatrosen: „Zinedine kann erhobenen Hauptes dieses Turnier verlassen, Materazzi aber nicht. Es gibt mehr als Fußball im Leben.“

Das gilt ab sofort für den Fußball-Frührentner aus Marseille, dessen Ruhm zu glanzvoll bleiben wird, um von diesem trüben Schlußkapitel seiner Laufbahn überschattet werden zu können. Einen Beweis für diese nicht gewagte These gibt es schon: Zidane gewann die Journalistenwahl unter der Obhut der Fifa zum besten Spieler des Turniers. Vier Jahre nach Oliver Kahn wurde dem Franzosen der Goldene Ball zuteil - gleich nach dem düstersten und letzten Tag seiner Karriere.

Text: F.A.Z. vom 11. Juli 2006
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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