10. Juni 2006 Fußball-Deutschland feiert die erste Siegesparty. Im torreichsten Eröffnungsspiel der WM-Geschichte hielt die junge deutsche Mannschaft am Freitag in München auch ohne Michael Ballack dem Erwartungsdruck einer ganzen Nation Stand und nahm mit dem 4:2 (2:1) gegen Costa Rica die erste Hürde auf dem angestrebten Weg ins Achtelfinale.
Vor 59.416 Zuschauern erzielten Philipp Lahm (6.), Geburtstagskind Miroslav Klose (17./61.) als Doppel-Torschütze und der überragende Torsten Frings (87.) die Treffer für das Team von Bundestrainer Jürgen Klinsmann. Krasse Abwehrfehler wurden vom vermeintlich schwächsten Gruppengegner durch Paulo Wanchope (12./73.) gleich zwei Mal mit Toren bestraft.
Gratwanderung in der Abwehr
Wir freuen uns, daß wir den ersten Dreier haben. Es war doch ein bißchen Anspannung da, sagte Klinsmann nach dem Spiel: Wir wollten die Leute mitreißen und ihnen etwas bieten, das ist uns gelungen. Es wird immer wieder passieren, daß der Gegner Torchancen bekommt. Aber heute kann man sehr viel Positives rausziehen.(Siehe auch: Reaktionen: Drei Punkte, vier Tore: Das ist okay)
Statt des erhofften souveränen Auftaktsieges gegen den krassen Außenseiter wurde die erste WM-Partie für die deutsche Mannschaft nach dem Verwirrspiel um Ballack vorübergehend zu einer Gratwanderung, in der erst Klose und dann Frings für die Befreiung sorgten.
Frings wirkungsvoller als Borowski
Vor Spielbeginn hatte offenbar erst ein Machtwort von Klinsmann zur Entscheidung gegen Ballacks Einsatz geführt. Der Kapitän, der sich nach seiner Wadenverletzung in der Nacht überraschend für beschwerdefrei und fit für einen Einsatz erklärt hatte, wurde der Fifa offiziell als verletzt gemeldet. Es ist klar, daß Michael Ballack spielen wollte, aber da muß der Trainer sagen: Du hast eine Woche nicht trainiert. Deine Wade ist noch nicht da, wo sie hin muß. Man wolle kein Risiko eingehen, erläuterte Assistent Joachim Löw den Verzicht. Die Gesundheit steht über allem.
Ohne den etatmäßigen Spielführer, der beim Turnier-Start durch Bernd Schneider vertreten wurde, begann die deutsche Mannschaft schwungvoll. Dabei übernahm nicht der als Ballack-Vertreter auserkorene Tim Borowski, sondern dessen Bremer Klubkollege Torsten Frings die Führungsrolle im Mittelfeld. Der 29jährige leistete defensiv ein großes Arbeitspensum, war auch in der Offensive ein ständiger Ankurbler und krönte seine überragende Vorstellung mit dem achten Länderspiel-Tor. Dagegen blieb Borowski den Nachweis schuldig, daß er im Team mehr als ein Platzhalter für Ballack sein kann. 20 Minuten vor Schluß wurde der 26jährige gegen Sebastian Kehl ausgewechselt. (Siehe auch: Einzelkritik: Schweinsteiger bärenstark - Friedrich schwach)
Schneider und Schweinsteiger stark
Ihre stärksten Szenen hatte die Klinsmann-Elf dann, wenn schnell über die Flügel gespielt und Schneider und Schweinsteiger ins Kombinationsspiel einbezogen wurden. Im Angriff erzielte Klose nicht nur wegen seiner Tore deutlich mehr Wirkung als Lukas Podolski, der nur gelegentlich sein Können aufblitzen ließ. So ungefähr habe ich mir den Tag vorgestellt, sagte das Geburtstagskind: Es war schwer, aber wir sind froh, daß wir gewonnen haben. Die Probleme haben wir uns selbst zuzuschreiben, weil wir vieles aus dem Stand machen wollten. Wir müssen bei Ballverlusten schneller umschalten.
Wie befürchtet präsentierte sich die deutsche Abwehr alles andere als WM-reif. Arne Friedrich erwies sich auf der rechten Seite als großer Unsicherheitsfaktor und leitete durch seinen Stellungsfehler den Ausgleich ein. Aber auch die Innenverteidigung mit Christoph Metzelder und Per Mertesacker verriet wenig Harmonie. Gegen den schnellen Wanchope fehlte häufig die Abstimmung.
Lahm konnte überzeugen
Lediglich Lahm war dreieinhalb Wochen nach seiner Ellbogenverletzung auf der linken Seite schon wieder ganz der Alte und ließ sich von den Unsicherheiten nicht anstecken. Trotz seiner Armbandage ging der Münchner keinem Zweikampf aus dem Weg und erzielte auf spektakuläre Weise sein zweites Länderspiel-Tor.
Das war nicht zu 100 Prozent perfekt. Aber ich glaube, damit kann man im Eröffnungsspiel leben. Wir haben vier Tore gemacht. Das ist wichtig. Nur ist es klar, wir dürfen nicht mehr so viele Tore kassieren, sagte Lahm. Trotz der beiden Gegentore blieb der vom Münchner Publikum mit freundlichem Applaus empfangene Jens Lehmann praktisch ohne Beschäftigung.
Der Gerd Müller von Costa Rica traf zwei Mal
Im ersten Länderspiel gegen die Mittelamerikaner erwischten die WM-Gastgeber durch Lahms Blitztor einen Traumstart. Als Danny Fonseca wegrutschte, zog der Bayern-Abwehrspieler vom Strafraumeck ab und zirkelte den Ball nach 5:09 Minuten genau in den Torwinkel. Wenn ich es wüste, wie man so ein Tor erzielt, würde ich das in jedem Spiel machen. Dazu gehört auch ein bißchen Glück dazu.
Auf der Bank fielen sich Klinsmann und Ballack erleichtert in die Arme. Doch schon wenig später folgte der Dämpfer, als Ronald Gomez' Paß auf Wanchope die deutsche Abwehr aushebelte. Der allein aufs Tor zustrebende Gerd Müller von Costa Rica ließ Lehmann keine Chance.
Die Mannschaft soll ein Bierchen trinken
Weitere fünf Minuten später machte Klose den bisher spektakulärsten WM-Start perfekt, als er nach schöner Vorarbeit von Schneider und Schweinsteiger zum 2:1 vollstreckte. Doch damit hatte die deutsche Elf ihr Pulver vorerst verschossen. Die Klinsmänner hielten das Tempo nicht mehr hoch genug und ließen in der Konzentration merklich nach.
Selbst nach Kloses 3:1 mußte noch einmal gezittert werden. Als Kehl für Borowski ins Spiel kam, nutzte Wanchope die kurzzeitige Verwirrung in der deutschen Abwehr und erzielte aus abseitsverdächtiger Position das zweite Tor für den Außenseiter. Frings mit einem weiteren Treffer Marke Tor des Monats sorgte kurz vor Schluß für allgemeine Erleichterung. Fazit Klinsmann: Wenn die Mannschaft jetzt ein Bierchen trinken will, soll sie ein Bierchen trinken.
Deutschland - Costa Rica 4:2 (2:1)
Deutschland: Lehmann (FC Arsenal) - Friedrich (Hertha BSC), Mertesacker (Hannover 96), Metzelder (Borussia Dortmund), Lahm (Bayern München) - Schneider (Bayer Leverkusen - 90.+1 Odonkor/Borussia Dortmund), Frings (Werder Bremen), Borowski (Werder Bremen - 72. Kehl/Borussia Dortmund), Schweinsteiger (Bayern München) - Klose (Werder Bremen - 79. Neuville/Bor. Mönchengladbach) - Podolski (1. FC Köln/21/26)
Costa Rica: Porras (Deportivo Saprissa) - Umaña (Brujas FC), Sequeira (Real Salt Lake), Marín (Deportiva Alajuelense) - Martínez (Brescia Calcio - 66. Drummond/Deportivo Saprissa), Fonseca (CS Cartaginés), Solís (CSD Comunicaciones - 78. Bolaños/Deportivo Saprissa), González (CS Herediano) - Gómez (Deportivo Saprissa - 90.+1 Azofeifa/Deportivo Saprissa), Centeno (Deportivo Saprissa) - Wanchope (CS Herediano)
Schiedsrichter: Elizondo (Argentinien)
Zuschauer: 59 416 (ausverkauft)
Tore: 1:0 Lahm (6.), 1:1 Wanchope (12.), 2:1 Klose (17.), 3:1 Klose (61.), 3:2 Wanchope (73.), 4:2 Frings (87.)
Gelbe Karten: - / Fonseca
Text: FAZ.NET mit Material von dpa/sid
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS