
Ein rechtlicher Zwang zur Energieeinspeisung und zum Umweltschutz wird die Immobilienwelt verändern: Strommasten bei Frankfurt
11. April 2008 Schon heute lassen sich große Immobilienobjekte ohne Nachweis einer vorteilhaften Umwelt- und Energiebilanz nur noch mit Preisabschlägen verkaufen. Zu stark sind die von der Bundesregierung eingegangenen Verpflichtungen zur Verringerung umweltbelastender Treibhausgase und die noch weitergehenden Pläne der Europäischen Union.
Sie werden den Wert konventioneller Gebäude beeinträchtigen, denn sie sind mit ihrem Energieverbrauch - noch vor dem Verkehr - die größten Umweltverschmutzer. Zu diesem Thema haben Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft auf einem Werkstattgespräch der von der RWE Energy AG initiierten Ideenschmiede Enreso 2020 (Energy-Real Estate-Economy-Society) in Frankfurt zum ersten Mal Kriterien für ein Umweltzertifikat vorgestellt, das mit Hilfe der Europäischen Union internationalen Ansprüchen gerecht werden soll.
Energiebilanz wird auch für Vermieter wichtig
Eine nachvollziehbare Umwelt- und Energiebilanz mit ökonomischer Aussagekraft kann nicht nur Einfluss auf die Wertermittlung von Gebäuden ausüben, sondern auch auf die Vermietung, die Finanzierung, auf Förderprogramme und Versicherungen und womöglich auch auf die Baugenehmigung und auf die Steuerbelastung.
Ein aussagekräftiges Qualitätssiegel, so war auf dem Werkstattgespräch auch von Vertretern der Deutschen Bank und der Immobilienberatung Jones Lang LaSalle zu hören, werde die Wettbewerbsfähigkeit der Ingenieure, Architekten und Immobilienentwickler auf den Baustellen der Welt erhöhen, denn Deutschland zähle zu den führenden Technologieländern, nutze bei Neubauten aber statt eines eigenen Zertifizierungssystems alle möglichen Label aus anderen Ländern, die tendenziell nicht einmal den Standard der Energieeinsparverordnung erreichen.
Ganzheitliche Kennzeichnung gefordert
Gerd Hauser, Ordinarius der Technischen Universität München, Universitätsprofessor und Leiter des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik, sprach von einem ganzheitlichen Kennzeichnungssystem für Sustainability mit 66 Kriterien in einem dreigliedrigen Zertifikat aus Ökologie (Ökobilanz, Ressourceneinsatz, Umweltauswirkungen), Ökonomie (Kosten und Erträge für Planung, Bau, Betrieb und Entsorgung über den Lebenszyklus des Gebäudes hinweg) und soziokulturell-funktionalen Aspekten, darunter der thermische Komfort, der ästhetische, aber auch Luft, Beleuchtung und Sicherheit.
Hauser, der als Vater des Energiepasses gilt, warnte zugleich vor dem dafür erforderlichen Normenkatalog der EU; der würde alle Maßstäbe sprengen und inakzeptable Kosten verursachen, allein für die Messung des thermischen Komforts. Hier falle dem Wissenschaftler die ungewöhnliche Aufgabe des Bremsers zu.
Die Welt der Zertifizierung ist bunt
Ähnlich äußerte sich Nico B. Rottke vom Kompetenzcenter Energiemanagement der European Business School. Der Professor für Real Estate Management stellte eine wissenschaftliche Studie über Zertifizierungssysteme für Nachhaltigkeit vor, die den Diskussionsstand zahlreicher Gremien verarbeitet, darunter den vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung eingerichteten Runden Tisch für nachhaltiges Bauen und der der 2007 gegründeten Gesellschaft für nachhaltiges Bauen.
Welches Rating ein solches von Enreso vorgeschlagenes International Certification for Environmental Efficiency (ICEE) haben sollte, blieb offen. Das amerikanische Leed-System (Leadership in Energy and Environmental Design) vergibt zahlreiche unterschiedliche Zertifikate, darunter ein silbernes, goldenes und ein Platin-Zertifikat, das sich nun auch die Deutsche Bank bei der Sanierung ihrer beiden Türme in Frankfurt an die Pforten heften möchte. Ein ICEE-Zertifikat könnte ebenfalls Gold und Silber, aber auch Sterne wie bei den Hotels verleihen oder Schulnoten oder aber Buchstaben wie beim Credit-Rating mit AAA als beste Benotung.
Die Altbauten machen Sorgen
Regierungsdirektor Wolfgang Müller vom Bundesumweltministerium betonte, dass nicht so sehr der Neubau Sorgen mache - hier hinterlassen die Energieeffizienz- und Klimaschutzvorschriften ihre Spuren. Das Problem seien die 17 Millionen Wohnbauten mit 40 Millionen Wohnungen und 7 Millionen Gewerbe-, Sport- und Kulturbauten in Deutschland. Der größte Teil des Bestandes wird als Umweltverschmutzer angesehen. Probleme bereiten auch ein Wirrwarr an Förderprogrammen und die echtlichen Barrieren - vor allem durch das Mietrecht.
Es müsse einen fairen Ausgleich der Interessen von Mietern und Vermietern gewährleisten, zugleich aber auch den Weg für moderne Energiemanagementsysteme (Contrac- ting) frei machen. Auch könne man bestimmte Steuervorteile mit dem Qualitätssiegel verbinden, hieß es auf dem Werkstattgespräch, zum Beispiel die halbe Grunderwerbsteuer bei Vermögensübertragungen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS