Von Marcus Stölb
10. April 2008 Trier. Es begann mit einem Scherz. Zumindest dachte Harald Thein-Regelin anfangs, dass es sich um einen solchen handeln musste. Altes Bauernhaus: 50 000 DM, las er in einer Immobilienanzeige. 50 000 Mark? Das kann nicht sein, war sich der Polizist sofort sicher. Wenige Tage später schon hatte er die Immobilie im Trierer Stadtteil Ruwer erworben - für 45 000 Mark.
Ich hab mich gleich in das Haus verliebt, berichtet der 61-Jährige und blickt stolz auf die pittoreske Fassade seines Domizils. Zwei Jahrzehnte ist das nun her, und Thein-Regelin, der damals eigentlich kein Bauernhaus suchte, hat den Kauf nie bereut. Allerdings kam das Angebot wohl auch zur rechten Zeit: Ich war da schon in einem Alter, in dem ich mit krummen Wänden kein Problem mehr hatte, erinnert er sich, mit 30 musste noch alles rechtwinkelig sein, scherzt er.
Thein-Regelins Zuhause wirkt winzig, gemessen an jenem Anwesen, das Rainer Bohn und sein Bruder Hans-Werner im kleinen Eifel-Dorf Trimport erwarben. Dabei handelt es sich bei beiden Gebäuden um alte, im Stil des sogenannten Trierer Hauses errichtete Bauernhöfe. Bei diesem in Eifel, Moseltal und Hunsrück verbreiteten Bauernhaustyp liegen Wohn- und Wirtschaftsgebäude unter einem Dach. So erstreckt sich die Fassade der Bohns über eine Länge von 20 Metern; zusammen mit einer in den 1960er Jahren angebauten Scheune sogar auf 40.
Viel Raum für Wohnen und Arbeit
Als die Brüder das Anwesen erwarben, kannten sie es in- und auswendig. Schließlich hatten sie dort zuvor zur Miete gewohnt - und gearbeitet. Das sei für ihre Kaufentscheidung mit ausschlaggebend gewesen, denn so liegt ihr gemeinsames Foto- und Graphikstudio gleich neben den Wohnräumen.
Ein großzügiges Raumangebot ist einer der Vorzüge, der die Mehrzahl der einst landwirtschaftlich genutzten Anwesen auszeichnet, sagt Dietrich Maschmeyer, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Bauernhaus. Der promovierte Chemiker weiß aber auch, dass zu viel Platz zum Problem werden kann. Es ist wichtig, dass man sich vor dem Kauf einer solchen Immobilie Gedanken darüber macht, wie man die Räume optimal nutzt, rät er.
Maschmeyer steht einem Verband vor, dem aktuell rund 6000 Mitglieder angehören und der sich den Erhalt landschaftsprägender Bauten auf die Fahnen geschrieben hat - und zwar auch solcher, die sich in der unteren Grenze des Denkmalbegriffs oder sogar darunter befinden. Es geht hier um den Erhalt einer Kulturlandschaft, nennt Maschmeyer das erklärte Ziel. Jedes vor dem Abriss bewahrte Bauernhaus, von denen viele auch in von größeren Städten eingemeindeten Orten stehen, bringt Menschen wie Maschmeyer ihrem Ziel ein Stück näher.
Es fehlen die Käufer
Doch es gibt nicht genügend Käufer für die oft maroden und sanierungsbedürftigen Immobilien. Denn während im Einzugsgebiet von Ballungszentren und Großstädten die Nachfrage das Angebot meist übersteigt, ist es im Osten der Republik sowie in den eher ländlichen Gebieten Westdeutschlands oft schlecht bestellt um den Erhalt von Bauernhäusern. Und häufig seien es ausgerechnet die vorherigen Bewohner, die dem Charme des Alten nicht mehr viel abgewinnen könnten und sich gleich nebenan einen Neubau hinsetzten, berichtet Maschmeyer.
Oft gammelten die Bauernhäuser dann über Jahre vor sich hin, bis tatsächlich nur noch der Abriss in Betracht komme. Harald Thein-Regelin bestätigt: Früher sahen hier in unserer Straße alle Häuser ähnlich aus, sagt er. Inzwischen steht sein Anwesen allein auf weiter Flur, wurden sämtliche Gebäude in der Nachbarschaft ihrer Ursprünglichkeit beraubt.
Auch Elke Ries kennt das Problem. Die Innenarchitektin lebt gemeinsam mit ihrem Lebenspartner Thomas Sonntag in dessen Elternhaus, einem in den Jahren 1912/1913 errichteten Weingut in Nittel an der Obermosel. Vor kurzem wurde nur wenige Meter entfernt ein altes Bauernhaus abgerissen, berichtet Elke Ries, die ihr Unverständnis ob solcherart Abrissmentalität nicht verhehlt. Viele Jahre lebte sie in einem Neubau, jetzt schwärme und lebe ich für Altbauten, erklärt sie ein wenig pathetisch, denn so ein Haus wie unser Weingut erzählt doch eine Geschichte, da entdeckt man immer wieder etwas Neues.
Flexibilität und Kreativität sind gefragt
Allerdings: Flexibilität ist bei der Sanierung alter Höfe gefragt, Kreativität ebenso, und auch die nötige Sensibilität für die Eigenheiten eines in die Jahre gekommenen Anwesens sollte nicht fehlen. Solche Häuser haben eine Seele, bringt es der Trierer Architekt Dominik Heinrich auf den Punkt.
Den Brückenschlag zwischen alter Bausubstanz und Moderne so zu schaffen, dass es dennoch eine Einheit bildet, nennt Elke Ries die Herausforderung. Das zeigt sich auch bei ihrem aktuellen Vorhaben, dem Umbau der alten Scheune in einen neuen Wohnbereich. Hier hat es einiger Überlegungen bedurft, bis eine Lösung gefunden wurde, die ausreichend Tageslicht in das gut zehn Meter tiefe Gebäude lässt.
Anders als bei Ries und Sonntag wechselt die Mehrzahl alter Bauernhäuser und Weingüter nicht mehr innerhalb der Familie den Besitzer, sondern wird meist an Ortsfremde veräußert. Bauernhaus-Lobbyist Maschmeyer rät potentiellen Interessenten gerade deshalb, sich den Kauf gut zu überlegen. Denn ausschlaggebend für die Entscheidung, ein Bauernhaus zu erwerben, dürfe nicht allein dessen baulicher Zustand sein, warnt er. Meist handelt es sich bei den Käufern um intellektuell anspruchsvolle Menschen, die häufig aus Städten kommen, gibt er zu bedenken. Ziehen diese dann aufs Dorf und treffen dort auf eine nicht eben urban geprägte Nachbarschaft, könne es schon mal zu soziokulturellen Konflikten kommen, meint Maschmeyer.
Keine Basteleien von Baumarktqualität
Eine Erfahrung, die Rainer Bohn und sein Bruder nicht machen mussten, im Gegenteil: Ich habe den Eindruck, dass wir hier ein sehr viel liberaleres Wohnumfeld haben, als wir es beispielsweise im Neubauviertel einer Stadt haben könnten, lobt er die Nachbarschaft. Als die beiden sich vor 17 Jahren auf die Suche nach einer Immobilie machten, blieben sie in Trimport hängen. In der Scheune beherbergen die beiden seither ihr Studio, im Wohnhaus nebenan wird gelebt. Und bald schon soll Mutter Bohn einziehen - in die alte Brennerei, die derzeit saniert und komplett barrierefrei umgebaut wird. Für uns war immer klar, dass wir nicht in einem Gewerbegebiet arbeiten oder in ein Neubauquartier ziehen wollten, erzählt Rainer Bohn.
Doch sosehr Bohn auch von seinem Anwesen überzeugt ist - die Defizite leugnet er nicht. Man muss schon an der ein oder anderen Stelle Abstriche machen, räumt er ein und nennt beispielhaft die fehlende Horizontalsperre. Aus dem Boden aufsteigende Feuchtigkeit ist die Folge, das Mauerwerk wird so in Mitleidenschaft gezogen. Auch das Verhältnis von Wand- zu Fensterfläche sei alles andere als optimal, klagt Bohn. Die Fenster seien schlicht zu klein. Ein Eindruck, der durch die vor wenigen Jahren eingesetzten doppelt verglasten Holzsprossenfenster verstärkt wird.
Schritt für Schritt bringen die beiden Besitzer ihr Haus auf Vordermann, und Rainer Bohn hat schon einige Erfahrungen gesammelt, die er an Nachahmer weitergeben möchte. Zum Beispiel die, dass man sich im Zweifel ein völlig urtypisches Anwesen zulegen und nicht von einem oberflächlich renovierten blenden lassen sollte. Das sieht auch Maschmeyer so und warnt eindringlich vor Häusern, in denen erkennbar herumgefummelt wurde und Basteleien von Baumarktqualität sichtbar werden. Nicht selten verberge sich dann hinter einer Rigips-Wand ein größeres Übel. Auch warnt er davor, die finanziellen Belastungen zu unterschätzen.
Die Rolle der Muskelhypothek
Tatsächlich führt an einem beträchtlichen Anteil Eigenarbeit meist kein Weg vorbei, weshalb ein gewisses handwerkliches Geschick nicht schaden kann. In einem alten Bauernhaus steckt schließlich ein Bauvolumen von mehreren Einfamilienhäusern, beziffert Maschmeyer, im Übrigen erwerbe man oft nicht viel mehr als einen Rohbau. Auch das sei ein Grund, weshalb Käufer ohne den Einsatz von Muskelhypothek in aller Regel nicht weit kämen.
Zeit sollte man sich in jedem Falle lassen, raten Bohn, Maschmeyer und Elke Ries unisono. Aber auch das macht ja den Charme alter Bauern- und Winzerhäuser aus - dass es sich um gewachsene Kulturgüter handelt, die einem ständigen Wandel unterworfen sind und sich dennoch treu bleiben. Zumindest so lange, wie es ihre Besitzer wollen.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Marcus Stölb
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