Von Jörg Niendorf
21. Januar 2008 Auf der Baustelle suchen alle das Holz. Architekt Tom Kaden kennt die Verwunderung seiner Gäste. Viele Besucher kommen zum Rohbau im Berliner Bötzowviertel. Immer stellen sie die gleiche Frage: Warum sieht man so wenig Holz? Schließlich hat man ihnen eine Weltneuheit versprochen: Die gesamte tragende Konstruktion des siebengeschossigen Wohnhauses besteht aus Holz. Doch genau das sieht man ihm auf den ersten Blick nicht an.
Wir haben beim Bau in jeder Beziehung Neuland betreten, sagt Tom Kaden. Das gilt auch für die Ästhetik: Das Haus bekommt keine Holzfassade. Vielmehr werden die Holzwände mit Steinwolle gedämmt und verputzt. Der Stil der Fassade ist sachlich. Das war eine klare Entscheidung unserer Baugruppe, erläutert der Architekt. Pragmatisch-ökologisch nennt man das wohl am ehesten. Auf den Inhalt kommt es an.
Die Verschalungen müssen aus Gipsplatten sein
Das mächtige Fachwerkgerüst versteckt sich mittlerweile. Alle Quer- und Längsbalken haben Verschalungen aus Gipsplatten erhalten, das war eine Vorschrift des Brandschutzes. Dafür sieht man sehr wohl die hölzernen Zwischendecken. Im Innern des Hauses ist der Baustoff aus dem Wald dagegen allgegenwärtig. Die Planer haben das Naturmaterial mit Beton kombiniert. Wände aus lasiertem Sichtbeton wird es in den Wohnungen an vielen Stellen geben. Gleich daneben glänzen dann die Rahmen der meist bodentiefen Fenster, sie sind aus dunklem Edelholz.
Auch dieser Materialmix steht eher für eine urbane Holzavantgarde als für ein Blockhausidyll. Außerdem reckt sich das Gebäude in die Höhe und ragt sogar ein wenig über seine Altbaunachbarn hinaus, als sollte selbst das ein Signal sein. Als Vorreiter wird das Projekt ohnehin gefeiert, Branchenverbände und Holzlobbyisten machen damit kräftig Werbung.
Der Baustoff Holz ist groß in Mode
Architekt Kaden muss den Bau Studentengruppen zeigen und Vorträge in Fachkreisen halten. Kürzlich etwa war er beim Holzbauforum in Garmisch-Partenkirchen, dem europäischen Treff aller Holzbauer, wo er das Projekt vorstellte. Holzbau vertikal, jubeln bei solchen Gelegenheiten dann die Anhänger des Baustoffes, der ohnehin groß in Mode ist.
Das Projekt mitten im steinernen Berlin macht in ihren Augen Holz als Tragwerk für den innerstädtischen Geschosswohnungsbau salonfähig. In Schweden, Österreich und der Schweiz sind Bauherren und Planer auf diesem Gebiet ebenfalls aktiv. Nur: So weit wie die kleine Baugruppe von Prenzlauer Berg in Berlin ist dort noch niemand.
Ein Holzbau mitten in einer Baulücke
Sechs Familien traten im Jahr 2006 an Kaden und seinen Kollegen Tom Klingbeil mit der Anfrage heran, ob ein Holzbau mit sieben Etagen in einer Baulücke mitten im Altbaubestand überhaupt genehmigungsfähig und technisch möglich wäre. Das im Holzhausbau erfahrene Architektenteam übernahm nicht nur den Auftrag, es schloss sich kurzerhand dem Unternehmen an. Seither sind Klingbeil und Kladen die siebte Partei der Baugruppe.
Im Erdgeschoss des Neubaus wird ihr Architekturbüro einziehen, schon im Frühjahr 2008 soll es so weit sein. Mit ihrem Konzept, klimaschonend mit einem nachwachsenden Rohstoff zu bauen, traf die familiäre Baugruppe seinerzeit auch den Nerv der Grundstücksverkäufer, einer Erbengemeinschaft aus Belgien. Die überließ ihnen das Grundstück zu einem günstigen Preis. Die nächste Hürde war die Berliner Bauordnung, die, wenn überhaupt, nur Holzbauten mit bis zu fünf Vollgeschossen vorsah.
Das Treppenhaus ist aus Beton
Um in der Gebäudeklasse 5 bauen zu dürfen, das heißt bis zu einer Traufhöhe von 22 Metern, waren Zugeständnisse nötig. Erfindungsreich gingen die Baugruppe und ihr Brandschutzingenieur zu Werk. Das Treppenhaus etwa steht als eigenständiger Betonbau neben dem Holzhaus, über Brücken gelangen die Bewohner in ihre jeweilige Etage. Damit gibt es selbst im Brandfall immer einen Fluchtweg. Zwar verringerte diese Variante die Wohnfläche, doch das nahmen die Mitglieder der Baugruppe in Kauf. Im Sommer 2007 erhielten sie die Baugenehmigung, in Windeseile wuchs das Skelett aus Stützen und Pfeilern empor.
Damit ist Tom Kaden bei einem seiner Lieblingsthemen: Dem schnellen Baufortschritt. Davon spricht er auf seinen Rundgängen besonders gern. In nur acht Wochen stand das gesamte Fachwerk, sagt der Architekt. Die vorgefertigten Fichten-Brettschichthölzer und Auskleidungen aus Massivholz kamen pünktlich aus einem süddeutschen Werk und wurden sofort verbaut. Sämtliche Betongüsse fanden parallel statt, die Baulogistik stand der anderer Projekte dieser Größenordnung in nichts nach.
Holzbau ist Hochtechnologie
Die Verfahren im Holzbau haben nichts Exotisches mehr, alles ist Hochtechnologie, sagt Kaden. An einer der massiven Stützen im Haus erläutert er das. Oben unter der Decke sieht man, wie sie mittels eines stählernen Beschlags mit zwei waagerechten Balken verbunden ist. 82 solcher Knotenpunkte gibt es im Haus. Nur fünf Minuten brauchten die Zimmermänner, um solch ein statisch sensibles Verbindungselement zu montieren, erläutert der Planer. Normale Hammer reichen dafür aus. Selbst bei solch groben Konstruktionen erzielt man heutzutage fast Tischlergenauigkeit.
Mit Holz macht es Spaß, resümiert auch Julius Natterer, ein Tragwerksingenieur, der jahrzehntelange Erfahrungen mit dem Baustoff hat und Autor des Holzbau-Atlas ist, ein Standardwerk der Branche. Endlich steige die Akzeptanz für Holz auch bei tragenden Konstruktionen. Diese Tendenz macht der in der Schweiz ansässige Deutsche aus. Das ist eine Initialzündung für die weitere Holzverwendung im Ausbau. Technisch ist ohnehin alles möglich, die Qualität von Bauhölzern ist hoch wie nie zuvor.
Verbundkonstruktionen gehört die Zukunft
Wie er denken viele Holz-Fachleute. Gerade in den Verbundkonstruktionen liegt laut Ingenieur Natterer die Zukunft, etwa in einer Kombination von Holz und Beton, wie sie beim Berliner Großprojekt zu finden ist. Dort erreicht man zum Beispiel durch die kombinierte Bauweise eine hohe Spannweite der Zwischendecken. Auf 16 Zentimeter starken Holzlamellen liegen hier jeweils zehn Zentimeter Beton. Darüber kommen dann Estrich und Parkett. Natterer propagiert zudem die Kombination von Holz mit Materialien wie Ziegel, Glas oder glasfaserverstärktem Holzleichtbeton, um architektonisch reizvolle Wände oder Decken zu bauen. Der Holzanteil sorge dabei für einen guten Schallschutz und beste thermische Eigenschaften.
Vor allem Österreich gilt auf dem Gebiet des Holzbaus als Vorreiter. Dort wird seit längerem im großen Stil mit dem heimischen Rohstoff gebaut, und das auch in der Verbindung zeitgenössischer Bauweise. Viele Privathäuser sind aus Holz entstanden, ebenso Verwaltungsbauten, Schulen, Feuerwehren, selbst in kleinen Dörfern. In Wien baut der Münchner TU-Professor Hermann Kaufmann eine ganze Wohnsiedlung aus vierstöckigen Holzhäusern, gefördert durch das Klimaschutzprogramm der Stadt.
Vor allem Kirchen werden in Deutschland aus Holz gebaut
In Deutschland hat der Baustoff dagegen nur einen schmalen Anteil von gerade einmal einem Prozent am Gesamtbauvolumen. Im Ein- und Zweifamilienhausbau sind es immerhin schon 15 Prozent. An die 40 Prozent des Energieverbrauchs in Deutschland gehen auf das Konto des Bauwesens. Der stärkere Einsatz von nachwachsenden Rohstoffen könnte in diesem Bereich eine enorme Wirkung für den Klimaschutz haben. Aber möglicherweise kommt ja der Tag, sagt der Berliner Architekt Ulrich Arndt, an dem ein Anteil von Holz in jedem Bau vorgeschrieben wird.
Auch Arndt zählt zu den vielen Besuchern, die den großen Holzbau in Berlin besuchen. Normalerweise baut er hölzerne Kirchen, meistens für freikirchliche Gemeinden, wo sehr aufs Geld geachtet werden muss, wie er erläutert. Mit Holz zu bauen sei eben mittlerweile günstig, sagt er. Allen landläufigen Meinungen zum Trotz. Selbst für einen Holzgroßbau gelte das, bestätigt der Architekt Kaden. So macht das Beispiel denn auch gleich Schule. Zwei Aufträge für kommende Stadthäuser aus Holz bearbeiten Kaden und Klingbeil schon.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.01.2008, Nr. 3 / Seite V15
Bildmaterial: AP, dpa
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