Von Birgit Ochs
11. Februar 2008 Als Kind ihrer Zeit liebte Madame des Genlis es gesellig, und das auch im Bade. Wenn die adlige Französin (1746 bis 1830) sich von den Strapazen eines langen Tages erholen wollte, stieg sie in eine jener damals hochmodernen Wannen aus verzinntem Kupfer. Die müden Glieder ins heiße Wasser getaucht, erfrischte die Comtesse ihren Geist durch anregende Gespräche über Gott und die Welt: 1779 badete ich in Rom oft jeden Abend. Sobald ich mich im Bad befand, rief man den Kardinal de Bernis herbei, der mit seinem Neffen kam. Dann unterhielten wir uns eine Dreiviertelstunde, schreibt die Adlige in ihren Memoiren.
Hofhalten von der Badewanne aus war unter ihresgleichen durchaus üblich. Damals waren die Wannen noch mobil und das eigene Badezimmer eine Vision von morgen. Der bürgerliche Haushalt, der fein säuberlich zwischen öffentlich und privat, Arbeit, Wohnen und Freizeit unterscheidet, begann sich im 18. Jahrhundert gerade erst zu entwickeln.
Es herrscht ein ausgesprochener Körperkult
Mehr als 200 Jahre und etliche kulturgeschichtliche Entwicklungsschritte später werden die Räume nun abermals durchlässig. Durch die neuen Medien rücken Wohn- und Geschäftswelten zusammen: zum Beispiel beim Check der Dienst-E-Mails vom heimischen Schreibtisch aus, beim Erledigen von Bankgeschäften oder Einkäufen über das Internet. Es kommt nicht von ungefähr, dass, da die Grenzen zwischen Raum und Zeit schwinden, gleichzeitig ein ausgesprochener Körperkult herrscht, ein Verlangen nach Entspannung, Erholung und Stärkung im Hier und Jetzt, gerne Wellness genannt.
Und so verlässt auch das Bad seine Nische im Grundriss. In den Neubauten der Moderne war es Standard geworden, im Geist jener Zeit rein funktional gehalten. Möglichst wenig Platz für eine schlichte Notwendigkeit verschwenden, lautete die Devise der Planer, die sich bis in die neunziger Jahre hinein fortsetzte. Das Ergebnis waren vier bis sechs Quadratmeter Nasszelle, meist fensterlos als Transitstation der Bewohner auf ihrem Weg zwischen Schlafen und Wachen.
Das Bad entwickelt sich zum Zimmer
Diese Bäder sehen heute in jeder Hinsicht alt aus, sagt Karin Rabausch, Innenarchitektin und Autorin des Buchs Bäder - Handbuch zur Planung. Als entsprechend groß gilt der Sanierungsbedarf der Badezimmer. Wer eine Immobilie kauft, investiert immer ins Bad, hat Maklerin Renate Setzer, Geschäftsführerin des Immobilienvermittlers Eschner und Partner, beobachtet. Die Ausstattung des Vorbesitzers wird ihrer Erfahrung nach heute so gut wie nie akzeptiert. Wenn es geht, wird der Raum vergrößert. Mindestens acht Quadratmeter verlangten die Bewohner.
Wenn keine begrenzte Quadratmeterzahl die Planungsfreiheit hemmt, entwickeln sich die Bäder zu Zimmern. Fertighausanbieter wie Schwörer, die ein gutes Gespür für Trends besitzen, zeigen mittlerweile Musterhäuser, in denen ein Bad mit angeschlossenem Fitnessraum weite Flächen des ersten Stocks einnimmt, dort, wo einst ein Kinderzimmer vorgesehen war. Auch Bad und Schlafzimmer werden zunehmend verbunden. Doch man sollte sie mit einer Tür trennen können, denn im Bad herrscht ein anderes Raumklima, rät Planungsexpertin Rabausch.
Großzügige Arrangements statt Gedränge
In den großzügigen Bädern liegt die Ausstattung nicht mehr dicht gedrängt nebeneinander, um in den letzten Winkel vielleicht noch die Waschmaschine quetschen zu können. Hier ist alles großzügig arrangiert. Das WC, wenn es nicht gleich anderen Orts untergebracht wird, verschwindet oft in einer Nische. Dafür rücken Designer wie Philip Starck oder der Mailänder Antonio Citterio, die Badelinien für die Marke Axor von Hansgrohe entworfen haben, die Wanne gerne in den Raum und plazieren sie am liebsten so, dass der Badende aus dem Fenster hinaus ins Grüne oder den Abendhimmel schauen kann.
In vielen neuen Entwürfen taucht ein Element aus den Salons vornehmer Damen wieder auf: Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist das ideale Bad ein Raum, der auf Geselligkeit eingerichtet ist. Allerdings: nur auf vertraute. Damit ein Plauderstündchen in der Wanne wie zu Zeiten Madame des Genlis möglich ist, schaffen die Inneneinrichter Sitzgelegenheiten für den Gesellschafter. Gemauerte Bänke, Sitzwürfel, Sessel oder Liege flankieren die Badewanne.
Der Waschraum wird wohnlich - und repräsentativ
Der Waschraum zeigt sich mit einem Mal von seiner wohnlichen Seite und zugleich wie der Salon von seiner repräsentativen. Denn im durchgestylten Badezimmer liegen zwar lässig drapierte Hochglanzillustrierte aus und stehen kunstvoll arrangierte Accessoires. All die hässlichen kleinen Alltagsgegenstände aber wie Shampoo-Flaschen, Föhn und Reinigungsmittel, die üblicherweise das Bad bevölkern, werden dem Blickfeld möglichst entzogen.
Die Wanne wird übrigens gerne mit Platz für zwei gewählt. Gemeinsames Baden liegt eindeutig im Trend, sagt Marcus Möllers vom Sanitäranbieter Kaldewei und weist auf eine Studie hin, der zufolge gut ein Viertel der Bevölkerung das Bad zu zweit schätzt. Seit die Sanitärwirtschaft und Architekten vor etwa zwölf Jahren entdeckt haben, dass das Bad mehr sein kann als ein notwendiger Funktionsraum, versuchen sie die Bedürfnisse der Nutzer zu ergründen - und zu wecken. Wellnesstempel und Spa heißen die Etiketten, unter denen die neuen Bäder firmieren.
Mosaiken statt Kacheln sind heute gefragt
Ähnlich wie bei der Küchenplanung gibt es reichlich Extravaganzen für das Bad, sagt Innenarchitektin Rabausch: Waschschüsseln wie Pferdetröge, Wannen wie Zuber, Naturstein oder Holz für den Boden. Die Wände werden längst nicht mehr bis unter die Decke gefliest. Auch ist die Mode der großen Kacheln vorbei. Es wird mittlerweile viel mit Mosaiken gearbeitet, sagt die Planerin. Vor allem warme Farben seien gefragt - passend zur Idee vom Bad als Wohlfühloase. Für die Sanierung eines kleinen Bades muss man ihren Angaben nach mindestens mit 10.000 bis 20.000 Euro rechnen. Bei der Einrichtung der Badezimmer sind Sie schnell bei 50.000 Euro und mehr, sagt sie.
Die Wünsche sind groß. Laut einer Umfrage des Maklerunternehmens Planet Home zählt das Bad zum wichtigsten Ausstattungsmerkmal einer Immobilie. Für die Mehrheit der Befragten ist es der wichtigste Wohnwunsch - knapp hinter dem Balkon übrigens.
Singles und Paare machen keine Kompromisse mehr
Der Stellenwert ist mittlerweile immens, bestätigt auch Maklerin Setzer. Die schönste Wohnung lässt sich ihrer Erfahrung nach kaum noch vermarkten, wenn die Gestaltungsmöglichkeit des Bades fehlt. Zumindest, wenn es sich um teure Wohnungen handelt.
Familien machen bei der Ausstattung vielleicht noch zwangsläufig Kompromisse. Nicht so Singles und Paare, sagt Kaldewei-Sprecher Möllers. Vor allem Angehörige der sogenannten Generation 50 plus treiben die Modernisierung und Gestaltung der neuen Bäder voran. Der Grund, den Möllers nennt: In etwas reiferem Alter und ohne Kinder im Haushalt bleibt mehr Zeit für Körperpflege. Und mit den Jahren geht das dann auch nicht mehr so schnell, sagt der Sanitärfachmann.
Große Duschen für den Rollstuhl im Alter
Mit speziellen altengerechten Produkten allerdings braucht die Branche diese Zielgruppe nicht zu umwerben. Das hat man mittlerweile verstanden. Das Schlagwort heißt Universaldesign und meint Produkte, die für alle Lebensphasen tauglich sind, wie etwa eine Dusche mit dem Raummaß 1,50 Meter mal 1,50. Das ist luxuriös und elegant, und ein Rollstuhl passt auch hinein, erläutert Möllers.
Gleich, für welches Bad man sich entscheidet, Innenarchitektin Rabausch rät angesichts der relativ großen Investition zur sorgfältigen Auswahl und zum Einsatz guter Handwerker. Wenn schlampig gearbeitet wird, sieht man das dem Bad schnell an, sagt die Planerin. Und eine falsche Designwahl lässt sich nicht ohne weiteres korrigieren. Schließlich kann man nicht wie Madame des Genlis die Wanne einfach aus dem Salon schieben.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.02.2008, Nr. 6 / Seite V15
Bildmaterial: ddp, dpa/dpaweb, Hansgrohe, Kaldewei, obs, Zorro Film/ Cinetext
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