Von Anja Martin
21. April 2008 In tapsigen Sprüngen, unsicheren Pirouetten, völlig versunken in ihr Spiel, tanzt die kleine Lorraine über den glatten Boden des Schlosshofs. Die Füße stecken in rosafarbenen Ballerinas, Strumpfhosen schützen vor der Kühle des südfranzösischen Aprilmorgens - so hüpft das Mädchen über ihre Bühne, die sie nur mit einer Venusskulptur teilt.
Kokett wirft sie die blonden Locken zurück, schielt zu Papa. Wenigstens ein bisschen Publikum braucht man doch als Prinzessin auf Zeit. Der Vater ist nicht Schlossherr, sondern Hausmeister, wohnt im Verwaltergebäude und kümmert sich ums verwaiste Château de Mirabel. Denn das hübsche 16-Zimmer-Schloss östlich von Toulouse steht zum Verkauf.
Verwunschene Parks und verwegene Türmchen
43.000 Châteaux und Manoirs (Herrensitze) zählt man in Frankreich. Ein verführerisches Erbe, aus dem jährlich rund 450 Objekte neue Besitzer suchen. Wer könnte schon verwunschenen Parks und verwegenen Türmchen widerstehen, geheimnisvollen Tapetentüren und prächtigen Spiegelsälen, Marmorböden, Stuck, Kronleuchtern und Zimmerkaminen.
Geschichte und Geschichten lauern überall. Wer hatte wohl vor hundert Jahren diesen Türknauf in der Hand? Wer schlitterte frech übers frisch gewienerte Parkett? In ein Schloss einzuziehen ist wie einen Roman in der Mitte aufschlagen, dessen Anfang man nicht kennt.
Darf's mit Bergfried sein?
Die Schlösserlandschaft der Grande Nation zeigt sich vielfältig. Es gibt unter den Angeboten ernste Bergfriede und Ritterburgen genauso wie original Renaissance- und Rokokkoschlösser, aber vor allem die vielen Neo-Stil-Châteaux der vergangenen zwei Jahrhunderte, in denen erlaubt war, was gefiel, und sich jeder, der etwas auf sich hielt, einen Landsitz für Jagd und Sommerfrische leistete.
So findet sich das größte Angebot um Städte wie Bordeaux, Paris oder Toulouse. Wohnflächen reichen von 400 bis 2000 Quadratmeter oder mehr. Dazu kommen die Nebengebäude. Mal gehören ein oder zwei Hektar Park dazu, dann wieder riesige Ländereien mit Seen und Wäldern, Landwirtschaft oder Weinbergen.
Neogotik mit Blick auf die Berge
Was neben der Architektur fasziniert, sind die Lagen, denn man wählte die schönsten Aussichtsplätze - sei es, um zu sehen oder um gesehen zu werden. Und so dominieren Schlösser noch heute die Landschaft. Nur ein paar Hügel vom eleganten Château de Mirabel entfernt thront eine neogotische Schlossvariante mit Blick auf die Pyrenäen.
Spitze schmale Fenster geben dem Bau etwas Sakrales, an zwei Ecken wachen Rundtürme, im Vorgarten blühen Schwertlilien, das Symbol der französischen Könige, während hinterm Haus Libanonzedern in den Himmel ragen.
Schlösser erkennt man an den Libanonzedern
Wo man ihre Kronen entdeckt, findet sich meist auch ein Château. Nur Schlossherren durften sie pflanzen, Bauern mussten sich mit Eichen und Eschen begnügen, erzählt Günter, der auf dem Rasenmäher angetuckert kommt und in seinen Arbeitsklamotten so gar nicht wie ein Schlossbesitzer aussieht.
Offensichtlich müssen Privilegien heute nicht mehr so verbissen demonstriert werden wie Jahrhunderte zuvor. Der Nachrichteningenieur ist ein echter Château-Liebhaber und historisch interessiert. Als verfallene Ruine kam das Schloss vor fünfzehn Jahren in seine Hände, hatte mehr oder weniger als Dreingabe auf dem Gelände gestanden, das er wegen eines Bauernhofs und einer geweihten Kapelle erwarb. Eigentlich wollte ich es so lassen und nachts anstrahlen, erinnert er sich.
Schlossherren brauchen Leidenschaft
Heute findet man im Inneren feine Terrakottaböden, über fünf Meter hohe Räume mit verzierten Balkendecken, geheime Wandnischen, mächtige Kamine und antike Möbel mit Löwenfüßen. Andere haben als Hobby eine Eisenbahn im Keller, die die Erben irgendwann zersägen, weil sie nicht wissen, wohin damit. Da ihn fertige Projekte langweilen, trennt sich der Pole nun von seinem Château. Schließlich hat er bereits ein neues gekauft, mit Mariengrotte und so nah, dass man sich mit Flagge hissen verständigen kann.
Leidenschaftliche Schlossherren werden rar, immer mehr Anleger treten auf den Plan. Das beobachtet der Makler Oliver Kirner (www.villafrance.com). Die Preise sind entflohen, reine Liebhaber können sich das gar nicht mehr leisten, berichtet Kirner und erzählt von Objekten, deren Preise in den letzten zehn Jahren von 70.000 auf 500.000 Euro oder von 300.000 auf 2 Millionen Euro gestiegen sind.
Russen und Chinesen zahlen die hohen Preise
Die Käufergruppe wird immer internationaler und macht nach Angaben der Agenturen zwischen 40 und 80 Prozent aus. Wobei die Mehrzahl der Schlosskäufer aus dem britischen Königreich stammt. Für die teuersten Objekte interessieren sich dann oft Amerikaner, erzählt Guillaume Chassaigne von Mercure Bourges, die unter anderem in der für ihre Schlösser berühmten Loire-Region tätig sind (www.agencemercure.fr/bourges).
Auch Russen und Chinesen treten seit vergangenem Jahr auf den Plan. Gerade in Zeiten der Börsen- und Bankenkrisen scheinen dicke Schlossmauern ein sicheres Investment, und mancher kauft gleich im Doppelpack.
Die meisten Schlösser kosten eine Million
Wie Anfang des Jahres ein Spanier, der bei der Agence-Mercure-Gruppe zwei Châteaux für eine Summe von 8 Millionen Euro übernahm. Preise starten meist bei 600.000 Euro und klettern auf 30 Millionen, etwa für Einmaliges mitten in Paris oder an der Côte d'Azur. Die meisten Schlösser kosten aber um eine Million. Beruhigend zu wissen: Seit 2007 legen die Preise eine Verschnaufpause ein.
Gerade kam das Schloss von Valéry Giscard d'Estaing in der Auvergne auf den Markt, seit den dreißiger Jahren in Familienbesitz, Preis auf Anfrage. Offenbar sind selbst für einen Expräsidenten die laufenden Kosten eines 23-Zimmer-Schlosses ein wenig hoch, wo er nur ein paar Tage im Jahr dort verbringt und ein zweites in Südfrankreich besitzt. Oft ist es die schiere Größe, die den Besitzern finanziell über den Kopf steigt.
Die Kosten steigen schnell ins Unermessliche
Möchte man das Parkett abschleifen oder gar das Dach neu decken, werden Quadratmeter augenfällig. Wie viele Rollen edler Tapete braucht man eigentlich für 1000 Quadratmeter Wohnfläche und vier Meter hohe Räume? Ein wenig locker muss einem das Geld schon sitzen, will man Schlossherr spielen. Schließlich gehört der entsprechende Lebensstil zumindest ab und an dazu.
Wer nicht jeden Samstag stundenlang Buchshecken trimmen und Rosen schneiden will, wird ohne Personal nicht auskommen. Vielleicht muss es nicht gleich die festangestellte Köchin sein, aber Catering für ein Dinner mit Gästen wäre dem Rahmen durchaus angemessen. Schließlich ist der Satz Noblesse oblige plötzlich keine leere Phrase mehr.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, AP, F.A.Z./Florian Schuh, Markus Kirchgessner, picture-alliance / dpa