29. Januar 2008 Das Projekt hieß nicht umsonst Wagnis, sagen Oliver Bastert und seine Frau Petra heute. Hätten sie vorher gewusst, wie lange sich ihr Hausbau hinziehen würde, hätten sie vielleicht nicht bis zum Ende durchgehalten. 1998 hatten sie sich einer mutigen Baugemeinschaft angeschlossen, die zusammen ein riesiges Bauareal beackerte und darauf vier Häuserkomplexe errichtete.
Für viele der 26 Bauherren war es die einzige Möglichkeit, ihren Traum zu verwirklichen: Wohneigentum mitten in der Stadt. Dazu noch halbwegs im Grünen und sogar in einem Haus, das jeder Bauherr selbst mitgestaltet hat. Baugemeinschaften machen das alles möglich.
Private Wohnungsbaugruppen haben Konjunktur

Florian Grams - sucht Gleichgesinnte, die mit ihm eine Baugemeinschaft zur Errichtung von selbstgenutzem Wohnraum bilden
Die Idee bekommt Schub. Inzwischen wird es deutschlandweit etliche hundert solcher Privatgruppen geben, die in Gemeinschaft bauen, schätzt die Bundesvereinigung Forum für gemeinschaftliches Wohnen (FGW). Auch wenn es so klingt: Mit Kommunen-Gedanken oder WG-Bewegung hat das Ganze wenig zu tun. Es geht den Bewohnern nur darum, viel selbst zu planen, eine funktionierende Nachbarschaft aufzubauen und dabei Geld zu sparen. Bis zu 20 Prozent billiger soll das Wohneigentum werden, rechnen Verbände vor: Mengenrabatte winken, Provisionen für Bauträger entfallen, und der Fiskus gewährt Steuererleichterungen.
Mal arbeiten drei Bauherren zusammen, mal 20. Vor allem junge Familien und Stadtbewohner ab 50 springen auf solche Hausprojekte an. Bei den Bauwilligen rennen wir damit offene Türen ein, sagt Adelheid Drehlmann vom Büro für Stadtentwicklung Hannover, denn der Gedanke, mit netten Nachbarn und guten Freunden zusammenzuwohnen, gefällt vielen.
Städte fördern Gemeinschaften
Deshalb fördern Städte wie Hamburg, München, Hannover, Freiburg oder Tübingen mittlerweile die Idee. Einige bieten Agenturen, die Grundstücke an Bauwillige vermitteln. Andere reservieren Bauplätze für die Gemeinschaftsbauer oder spendieren Zuschüsse. Auch die Kreditanstalt KfW stiftet Fördergelder. So lassen sich schon mal 400 Euro pro Quadratmeter sparen, 40 000 Euro pro 100-Quadratmeter-Wohnung.
Was für Häuser da am Ende stehen, wenn viele Bauherren mit noch mehr Geschmäckern über einem Plan brüten, das ist oft überraschend. Die Häuser sind eigenwilliger eingeteilt, ökologischer gebaut und luftiger geplant als andere. Aber in allen fühlen sich die Bauherren extrem wohl.
Einigkeit ist nicht einfach
Doch bis dahin ist es ein langer Weg und kein ungefährlicher, das wissen Bauherren wie die Basterts. Ihre Wagnis-Gemeinschaft suchte in München mehrere Jahre nach einem bezahlbaren Grundstück. Die Baugemeinschaft von Florian Grams in Hannover wartete lange auf einen passenden Altbau. Das ist oft so, wie Stadtentwicklerin Dahlmann erzählt. Viele Immobilien bekämen die Gemeinschaften gar nicht, weil ein Verkauf an private Bauträger für die Besitzer lukrativer sei.
Dazu kommt: Vor dem Kauf müssen sich alle Mitglieder der Baugemeinschaft einig sein. Das dauert. Aber interessante Objekte warten nicht, sagt Architekt Christian Grubert, der schon viele Baugemeinschaften betreut hat.
Im Schnitt setzt er eineinhalb bis zwei Jahre an, bis eine Gemeinschaft ihr Grundstück findet. Dann erst beginnen Feinabstimmung, Bauphase und Materialbesprechung - möglichst individuell und möglichst günstig soll alles sein. Für die künftigen Eigentümer bedeutet das viel Arbeit und viele Kompromisse. Zwei Abende die Woche und viele Wochenenden hat sich das Ehepaar Grams am runden Tisch um die Ohren geschlagen. So sparen Bauherren Geld, aber nicht immer Nerven.
Gefährliche Eigenleistung
Manche geben da wieder auf. Das ist ganz normal, sagt Architekt Friedhelm Birth, der auch schwierige Projekte begleitet hat. Manchmal würden sich die Mitglieder nicht einig, denn Familien mit Kindern wollten schnell fertig werden, Ältere lieber genau planen. Oder bei der Feinabstimmung liefen die Kosten aus dem Ruder. So war es bei Florian Grams. Seine Gruppe löste sich nach zwei Jahren auf.
Die Bauphase ist immer der heikelste Punkt, warnen Verbraucherschützer: Die meisten Projekte setzen auf viel Eigenleistung. Wird aber einer der Bauherren krank oder ist er beruflich verhindert, kann das den ganzen Prozess ins Stocken bringen. Dann wird auch die Finanzierung teurer.
Und schließlich haftet die Baugemeinschaft auch als Gemeinschaft: Springt einer ab, müssen die Übrigen für dessen Anteil aufkommen. Solche Risiken lassen sich eindämmen (siehe Gewusst, wie), aber als Bauherr steht man im Feuer, Fehlplanungen werden später auf alle umgelegt. Man fragt sich oft, worauf man sich eingelassen hat, geben die Basterts zu.
Am Ende lohnt sich aber das Wagnis Gemeinschaft, sagen die, deren Haus steht: Sie haben eine Nachbarschaft mit Zusammenhalt, etliche Gemeinschaftsräume und endlich die ganz eigenen vier Wände.
Billig bauen - so klappt's mit der Baugemeinschaft
Mitstreiter finden. Über die Bundesvereinigung „Forum für Gemeinschaftliches Wohnen” oder über das „Forum Baugemeinschaften” finden künftige Bauherren Gleichgesinnte.
Grundstück suchen. Manche Bundesländer wie Niedersachsen unterhalten Treuhandstellen für die Grundstücksvermarktung. In einigen Städten gibt es auch Agenturen, die Bauwillige an Grundstücksbesitzer vermitteln. Auch in der lokalen Zeitung werden Grundstücke angeboten. Heißer Tipp von Stadtentwicklern: an die Kirchen wenden, die verkaufen derzeit etliche Gemeindehäuser.
Rechtsform wählen. Baugemeinschaften firmieren meist als eingetragene Vereine (e.V.), als Gemeinschaften bürgerlichen Rechts (GbR) oder als Gesellschaften mit beschränkter Haftung (GmbH). GbR und GmbH gelten bei Banken als kreditwürdiger.
Haftung begrenzen. Vor dem Bau und Grundstückskauf sollten so viele Einzelheiten wie möglich akribisch durchkalkuliert werden. Dann gibt's oft eine Bankbürgschaft: Die Bank haftet für Verzögerungen und Aufschläge.
Berater hinzuziehen. Für alle baulichen und vertraglichen Fragen sollten Baugemeinschaften mit einem Berater zusammenarbeiten. So viele Dinge wie möglich sollten Fachleuten wie Architekten und Notaren überlassen bleiben. Das kostet nicht die Welt, erspart aber viel Ärger. Moderatoren verhindern oft größeren Gruppenzwist. Einer der beliebtesten Streitpunkte ist übrigens: Sind alle Wohneinheiten denselben Betrag pro Quadratmeter wert?
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.12.2007, Nr. 49 / Seite 55
Bildmaterial: Denzel, Jesco, Roeder,Jan
Wieder Tote bei Protesten in ![]()
Die Stunde des schwarzen Stromzählers schlägt
Fahrtbericht: Audi A5 Sportback
Gescheiterter Anschlag in Amerika angeblich im Jemen geplant
Finanzminister Schäuble: "Ich zahle meine Steuern gerne"
18:20"Raubritter und Strauchdiebe" sagt der Schäuble - und er hat recht!
18:20