Wohnkultur

Auf gute Nachbarschaft im Netz

Von Anja Martin

Im Internet macht Klatsch mindestens genauso viel Spaß wie an der Haustür

Im Internet macht Klatsch mindestens genauso viel Spaß wie an der Haustür

05. März 2008 Warum gibt es eigentlich auf der Heerstraße immer Stau? Welcher Bäcker hat sonntags offen? Und wo gibt es noch DDR-Brötchen? Mit 11 in die Skatehalle - ist das nicht zu früh? Und wer schießt hier mit Spielzeugpistolen auf meine Balkonpflanzen?

Was nach Tratsch im Treppenhaus klingt, spielt sich in Wahrheit im Internet ab. Neuerdings plaudern Nachbarn auch online statt über den Gartenzaun hinweg. „Werde Auskenner für deine Stadt!“, werben die einen etwas ungelenk. „Kennst du deinen Nachbarn schon?“, die anderen. Die in der Regel kosten- und werbefreien Portale, die man seit wenigen Monaten im Internet findet, wollen die Kommunikation fördern, Tipps transportieren und im besten Fall Nachbarschaftshilfe anleiern.

Plausch und gute Ratschläge

Der Online-User liegt einem oft näher als der Nachbar: Vorbereitungen zur Cebit

Der Online-User liegt einem oft näher als der Nachbar: Vorbereitungen zur Cebit

Natürlich stehen der Plausch und die guten Ratschläge im Vordergrund. Man sucht einen guten Italiener, schöne Spielplätze und will Meinungen austauschen übers neue Rauchverbot, kommt manches Mal richtig ins Diskutieren. „Ich habe selten im Stiegenhaus so tiefschürfende Fragen erörtert wie hier im Forum“, schreibt eine in Hamburg lebende Österreicherin, die sich online Vienetta nennt. Da werden Fotoalben angelegt und Videos eingestellt, interessante Orte verraten oder Stadtklatsch ausgetauscht.

Man will wissen, wie es sich wo lebt und ob jemand von einer freien Wohnung weiß. Teils kann man sich von Nachbarn Empfohlenes auf eingebundenen Karten und Satellitenbildern von Google Maps oder Microsoft Virtual Earth anschauen. Je nach Anbieter wird eine lokale Suche kombiniert, und es finden sich in der Umgebungskarte gleich noch Hinweise auf Änderungsschneider, Tankstellen, Kinderkrippen, Ämter, Apotheken und dergleichen mehr.

Im Netz gibt es sogar Klingelstreiche

Dabei ist vieles dem wahren Leben abgeschaut. My Neighborhood (www.myneighborhood.net oder www.meinenachbarschaft.eu) etwa zeigt dem Nutzer an, wie viele Kilometer entfernt die anderen Mitglieder wohnen, und berechnet gleich die Route, falls man dort mal vorbeischauen will. Neulinge auf der Plattform begrüßt der Hausmeister. Man kann Klingelstreiche machen, seinen eigenen Flohmarkt abhalten. Natürlich dürfen bei Communities die Freundeslisten und Dankespunkte nicht fehlen. Schließlich spricht es sich auch in der echten Nachbarschaft herum, wenn jemand gute Tipps parat hat oder schnell mal mit einem Liter Milch aushelfen kann.

Der Nutzen für die Nutzer liegt auf der Hand. Doch warum stellen die Portalbetreiber diese Plattformen zur Verfügung? Hinter Meine Nachbarschaft (www.meine-nachbarschaft.de) steckt Immobilienscout 24, nach eigenen Angaben Marktführer in Deutschland, wenn es ums Verkaufen und Vermieten von Häusern und Wohnungen geht. Dort spricht man von einem Feld, das es strategisch zu besetzen galt, von einer logischen Ergänzung der Kernkompetenz, zusätzlichem Service, Nachfragerbindung und Nutzergenerierung. Oder kurz: „Es passt einfach zu uns“, sagt Pressesprecher Ergin Iyilikci.

Informationen aus erster Hand über die neue Wohngegend

Die Community startete im Oktober vergangenen Jahres und verzeichnete innerhalb von drei Monaten immerhin eine Million Besuche, die dem Immobilienmarktplatz nebenbei neue User bescherten. „Die Community ist als reines Servicetool angelegt, wir wollen damit kein Geld verdienen“, erläutert Iyilikci. Jedes Immobilienexposé wird mit der Community verlinkt, so dass sich Interessenten aus erster Hand über die neue Wohngegend informieren und sich in der möglicherweise künftigen Nachbarschaft umhören können.

Ist Friedrichshain nun ein gefährlicher Stadtteil? Was darf eine Wohnung in München kosten? Wo wohnt man am besten mit Hund? Das sind Fragen, bei denen man der Antwort eines Nachbarn mehr traut als der eines Maklers. Der Informationsbedarf erscheint groß, immerhin hat eine Umfrage von Innofact im Auftrag von Meine Nachbarschaft ergeben, dass 46 Prozent der Deutschen in ihrem Leben schon mehr als fünfmal umgezogen sind und 60 Prozent aller Umzüge in einen neuen Ort führen.

„Die Menschen wollen auch Informationen geben“

Wie geschaffen als Basis für Nachbarschafts-Communities sah sich auch Meine Stadt (www.meinestadt.de). Die Initiatoren hatten innerhalb von acht Jahren Portale für alle Städte und Gemeinden Deutschlands aufgebaut, mit lokaler Suche, Stellenangeboten, Automarkt und vielem mehr - Kooperationspartner und Redakteure sorgten für die Inhalte. „Doch im Zuge von Web 2.0“, sagt Sprecher Thorsten Laumann, „möchten sich die Menschen beteiligen. Man will nicht nur Infos saugen, sondern auch welche geben.“

So kam 2007 das Parallelportal Meine Leute (www.meineleute.de) dazu. Nun gibt es für jede der 12.241 Städte und Gemeinden Deutschlands eine Community - doch nicht alle sind aktiv. 13.000 Mitglieder in 3200 Gemeinden haben sich bisher registriert. Nachbarschaften wachsen langsam. Auch im Netz.

Der typische Online-Nachbar ist ein Städter

Obwohl sich die Portale bemühen, flächendeckend vertreten zu sein, sind Online-Nachbarschaften noch ein städtisches Phänomen. Sei es, dass auf dem Dorf der Plausch über den Gartenzaun noch funktioniert oder dass die Menschen nicht so häufig umziehen. Vielleicht liegt es einfach daran, dass die Bevölkerungsdichte geringer ist und eine gewisse Anzahl aktiver Mitglieder nötig ist, um die Sache in Gang zu halten.

Berlin, Hamburg, Köln, Leipzig und München stehen generell auf den vorderen Plätzen. Der typische Nachbar im Internet ist 35 Jahre alt. Knapp mehr als die Hälfte sind Nachbarinnen. Dabei dehnt sich das Altersspektrum von der sechzehnjährigen Schülerin bis zum Rentner. „Wir hatten zuerst als höchste Altersangabe 75 zum Auswählen“, erzählt Meine-Stadt-Sprecher Laumann, „bis uns Leute geschrieben haben, sie seien 80. Das ist doch rührend.“

Das Netz liegt oft näher als der Nachbar

Die Community My Neighborhood gründet sich auf eine Studie, die das Hamburger Brand Science Institute vor ein paar Jahren in den Vereinigten Staaten für einen großen Chip-Hersteller durchgeführt hat. Dort fand man heraus, dass die Menschen, die sich räumlich am nächsten sind, überhaupt nicht miteinander sprechen, die am weitesten entfernt leben, umso mehr. Dabei interessieren sie sich eigentlich am meisten für ihr direktes Umfeld und ihre Nachbarn. „Man möchte diese Entfremdung nicht“, sagt Nils Andres, der Geschäftsführer, „aber man hat ein Problem damit, aufeinander zuzugehen.“

Online-Communities können da als Medium funktionieren, über das man erst mal vorsichtig Kontakt aufnimmt, im besten Fall gegenseitig helfen kann: „Diese Austauschgeschäfte Computer reparieren gegen Kuchen backen hören sich trivial an, sind aber durchaus wichtig“, sagt Andres.

Das Internet wird zum Sprungbrett in die Wirklichkeit

Auch Peter Wehner, einer der Gründer von Lokalisten (www.lokalisten.de), einer Gemeinschaft, die von fünf Freunden auf einen Kreis von 1,6 Millionen Menschen angewachsen ist, sieht die Plattform immer als Hilfsmittel für die Mitglieder, um das richtige Leben besser zu gestalten: „Wir kamen alle aus Kleinstädten vom Land“, erzählt der Wahlmünchner. „Da kennt man einfach alle, weil es nur eine Schule gab, ein Bistro und einen Sportverein. In der Stadt würden sich zwar viele gern unterhalten, aber das ist uncool. Über die Plattform bin ich sofort im Gespräch, ohne als Anmacher zu gelten.“

Das globale Internet offenbart seinen Ortsbezug und wird zum Sprungbrett in die Wirklichkeit. Man wendet sich weg vom Anonymen, von Avataren, von einem Second Life. „Richtige Emotionen“, resümiert Wehner von den Lokalisten, „gibt es draußen auf der Straße. Wenn ich jemanden treffe, ihm die Hand schüttle. Das kann das ganze Virtuelle nicht abbilden.“

Nachbarschafts-Communities bauen Anonymität ab

Dabei gilt: Je lokaler die Informationen im Netz, umso eher treffen sich die Leute. „Da sagt man sich: Der wohnt drei Straßen weiter, warum sollte man sich da nicht mal auf einen Kaffee oder auf ein Eis sehen“, erzählt Andres vom Brand Science Institute. Auf dem Weg zu weniger Anonymität hat Meine Leute gerade sogar die Spitznamen der Mitglieder auf deren wirkliche Namen umgestellt. „Ich weiß ja gar nicht, ob vielleicht gute Freunde von mir angemeldet sind“, argumentiert der Pressesprecher. „So hat es mehr Realbezug, ist einen Tacken persönlicher.“

In den Vereinigten Staaten kennt man solche Nachbarschafts-Communities übrigens bereits seit zehn Jahren. Die bekanntesten sind vermutlich Neighborhoodlink und Mystreet. Dort geht es allerdings auch um die Sicherheitsfrage und die Vernetzung mit den Stadtbehörden. So bekommt man teils den Polizeibericht für die Gegend geliefert, und Nachbarn werden dazu angeregt, anderen von „verdächtigen“ Autos oder Personen zu erzählen.

Die neugierige Nachbarin mit dem Notebook hinterm Vorhang? In Deutschland sind solche Hinweise unter den Netznachbarn noch nicht üblich. Allerdings zeigte sich bei einer Umfrage im Auftrag von Immobilienscout 24, dass sich fast jeder zweite Deutsche vor dem Umzug mehr Informationen über Sicherheit und Verbrechen am neuen Wohnort gewünscht hätte.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.03.2008, Nr. 9 / Seite V15
Bildmaterial: AFP, ddp

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