Von Jens Friedemann
08. März 2008 Wenn sich in der kommenden Woche die Tore zum Palais des Festivals in Cannes zur Mipim öffnen, eine der größten internationalen Immobilienfachmessen der Welt, haben die meisten deutschen Teilnehmer keinen Grund zur Klage. Ihre Auftragsbücher sind prall gefüllt - darunter eine Vielzahl von Großprojekten.
Zum einen beginnen sich im Inland die Baukräne wieder zu drehen. Nach mehreren Jahren der Abstinenz hat eine regelrechte Renaissance der Projektentwicklung begonnen. Zum anderen ist Made in Germany auch im Ausland wieder gefragt. Von der Planung großer Stadtprojekte bis zum energie- und umweltfreundlichen Bauen sind deutsche Fachleute so stark engagiert, dass viele Unternehmen Schwierigkeiten haben, neue Aufträge entgegenzunehmen.
Gleich mehrere Aufträge aus Russland
Typisch dafür ist das Engagement von Albert Speer und Partner aus Frankfurt. Sie haben sich mit mehreren Aufträge aus Russland eingedeckt. Dabei hatten die Architekten und Städteplaner Russland eigentlich nicht im Visier. Jetzt überlegen sie sich, ob sie ein Büro in Moskau eröffnen. Auf der Mipim werden gleich mehrere dieser Projekte präsentiert.
Mit 144 Millionen Einwohnern und dem Milliardensegen aus dem Öl- und Gasexport zählt Russland zu den größten Auftraggebern der Welt. Moskau und viele andere russische Städte gleichen einer Großbaustelle und werden auf der Mipim zahlreiche ihrer spektakulären Projekte präsentieren.
A 101 heißt das neue Projekt bei Moskau
Dort wird Albert Speer mit seinen Kollegen auch einen Masterplan für eine neue Stadt südwestlich von Moskau vorstellen: das A 101-Projekt, benannt nach der Schnellstraße, die mitten durch das Planungsgebiet Richtung Moskau-Zentrum verläuft. Auf einem ehemaligen staatlichen Agrarbetrieb soll ein Stadtteil für eine Viertelmillion Menschen in vier Subzentren entstehen. Sie sollen über eine Ringstraße miteinander verbunden werden und Anschluss an eine Straßenbahntrasse in Richtung Moskauer Innenstadt erhalten.
Für den westlichen Quadranten mit Wohnungen für 60.000 Menschen und einem Stadtzentrum hat das Rotterdamer Büro Masterplan - das vor zwei Jahren das Wettbewerbsverfahren für das gesamte Planungsareal für sich gewinnen konnte - Albert Speer und Partner mit der Konkretisierung einer Gartenstadt beauftragt.
Natürliche Barrieren zum Schutz der Bewohner
Friedbert Greif, Stadtplaner, Städtebauarchitekt und geschäftsführender Gesellschafter bei Albert Speer, hat dafür die bekannten Nürnberger Landschaftsplaner von der WFG gewonnen und dem Auftraggeber - eine Tochtergesellschaft der Sobinbank - vor einigen Tagen einen für Russland ungewöhnlichen Plan präsentiert - mit naturschonenden Freiflächen und einer energieeffizienten Bebauung. Auch will Greif Schutzzäune für eine gated community verhindern und durch natürliche Abhangsbarrieren ersetzen, die den gleichen Zweck erfüllen.
Greif berichtet von einem großen Interesse der russischen Partner an einer engen Kooperation mit den Deutschen. Dabei sei es vorteilhaft, dass einige der russischen Spezialisten in Amerika studiert haben. Einen weiteren Großauftrag hat Speer von Roland Berger erhalten, der in Russland mit 90 Mitarbeitern vertreten ist, 80 davon Fachleute aus Russland, während Albert Speer mit seinen Partnern insgesamt nur 110 Mitarbeiter zählen.
Auch im Tourismus wird Speer aktiv
Roland Berger hat die Frankfurter Architekten und Städteplaner an einem touristischen Projekt der Superlative beteiligt. Dabei geht es um fünf Tourismusvorhaben, zwei darunter am Baikalsee. Tourismus gilt in Russland als eine der Wachstumsbranchen par Excellence; und Investitionskapital ist im Rohstoffland ausreichend vorhanden.
Außerdem hat die Stadt Moskau das Büro Albert Speer beauftragt, auf einer innerstädtischen Industriebrache ein neues Messe- und Ausstellungsprojekt zu planen. Und in St. Petersburg lassen die Architekten aus Frankfurt am Moskauer Bahnhof ein Hochhausprojekt mit Wohn- und Büroflächen entstehen.
Text: F.A.Z., 07.03.2008, Nr. 57 / Seite 47
Bildmaterial: F.A.Z. / Cornelia Sick, F.A.Z. / Mark Siemons
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