Tel Aviv

Weltkulturerbe in weiß

Von Birgit Ochs

08. April 2008 Wäre da nicht dieses Himmelsblau, die architektonische Eigenheit des Wohnhauses an der 35 Menahem Begin Road/Ecke 79 Mazeh Street in Tel Aviv würde nicht unbedingt ins Auge springen: es ist ein Mehrfamilienhaus aus der Zeit der klassischen Moderne, schmucklos, schlicht.

Im hellen Licht des Mittags leuchtet das Weiß der Fassade, wo die Balkone sie nicht mit ihrem strengen Schattenmuster überziehen. Die Front des Leon-Recanati-Hauses, wie das Gebäude heißt, sieht aus, als ob eine Zackenschere sie bearbeitet hätte. An den ausgesparten Stellen sitzen abgerundete Balkone, im obersten Stockwerk spenden auskragende Betonplatten Sonnenschutz. Sie gelten als typisch für das architektonische Bild der Stadt.

4000 Häuser im Stil der Klassischen Moderne

Der Schweizer Salomon Liaskowsky und der Wiener Jacov Ornstein entwarfen das Haus 1935. Es ist eines von 4000 Gebäuden, die überwiegend zwischen 1931 und 1948 im damals noch jungen Tel Aviv errichtet wurden und den Ruf der „Weißen Stadt“ begründeten. Die Schau „The White City of Tel Aviv. Tel Aviv's Modern Movement“, die seit 2004 durch die Welt tourt und derzeit im Architekturzentrum Wien (AzW) zu sehen ist, hebt es neben einigen anderen Beispielen besonders hervor.

Herzstück der Weißen Stadt in Tel Aviv: der Dizengoff-Platz, wie er 1935 aussah Das Esther Cinema am Zina Dizengoff Circle Im mediterranen Stil: das Leon-Recanati-Haus in der Menahem Begin Road Das Bruno Haus in der Strauss Street Haus im Bauhausstil am Rothschild-Boulevard in Tel Aviv Heute ist Tel Aviv eine brodelnde Großstadt, in der die “Weiße Stadt“ nur noc...

Die Ausstellung zeigt die Tel Aviver Variante des Neuen Bauens im mediterranem Stil, wie er auch im Libanon und in Marokko entstand - dort allerdings nur vereinzelt.

Die Architektur passte sich dem Klilma an

Die Gebäude erfüllen einerseits die Forderungen der klassischen Moderne nach Funktionalität. Andererseits aber sind sie den klimatischen Verhältnissen angepasst. Die Planer griffen auf die orientalische Bautradition zurück, indem sie etwa das Flachdach als Raum erschlossen und auf große Glasflächen verzichteten.

Erst in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts nahe der arabischen Stadt Jaffa an der Küste gegründet, entwickelte sich die Siedlung Anfang des 20. Jahrhunderts rasch zum Anziehungspunkt für die Einwanderer aus Europa. Im Jahr 1925 erhielt dann der schottische Stadtplaner Sir Patrick Geddes den Auftrag, einen Masterplan für Tel Aviv zu entwickeln. Er konzipierte in der Dünenlandschaft der Küste eine Stadt, die sich an der Gartenstadt-Idee des Engländers Ebenezer Howard orientierte.

Der Entwurf musste nachträglich verdichtet werden

Andernorts wurden Howards Pläne an der Peripherie der Städte umgesetzt: als Reihenhaussiedlungen mit großen Privatgärten, die zur Erholung wie zur Selbstversorgung dienen sollten. Geddes jedoch plante vom Zentrum aus eine Stadt mit Boulevards einerseits und ruhigen Wohnstraßen andererseits, Geschosswohnungsbauten statt Reihenhäusern, öffentlichen Grünflächen statt privater Gärten.

Entwarfen die Architekten zunächst noch Häuser mit historistischer Fassade, kamen in den dreißiger Jahren die Bauten im Stil der klassischen Moderne hinzu. Der gewaltige Zustrom an Einwanderern zwang die Planer zu einer stärkeren Verdichtung als ursprünglich vorgesehen. Allein zwischen 1930 und 1935 stieg die Zahl der Einwohner von 50.000 auf 120.000. Heute ist Tel Aviv Israels zweitgrößte Stadt. Geddes' Entwurf ist jedoch an vielen Stellen noch zu erkennen.

Geflüchtete Architekten aus ganz Europa

Die Architekten der „White City“ waren zumeist Immigranten, die in Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich oder der Schweiz studiert hatten. Auch ihnen widmet die Ausstellung einen Abschnitt. Das Vorbild war Le Corbusier, aber auch der deutsche Architekt Erich Mendelsohn. Zu den renommierten Planern, die das Gesicht der Weißen Stadt prägten, zählte der in Frankfurt geborene Richard Kaufmann, der 1920 nach Palästina ausgewandert war.

Die Wertschätzung des architektonischen Erbes der Stadt ist ein recht junges Phänomen. Erst in den achtziger Jahren erwachte das öffentliche Interesse am Ensemble aus der Zeit des Neuen Bauens. Über die Jahre sind viele Gebäude heruntergekommen. Balkone wurden verglast oder zugemauert. Das hat das ursprünglich Erscheinungsbild zerstört. Darüber berichtet die Ausstellung allerdings nur am Rande. Wie hoch der Sanierungsbedarf tatsächlich ist, erfährt der Besucher nicht. Ebenso fehlen nähere Informationen zur Frage, wie Stadt und Eigentümer sich den Anforderungen des Denkmalschutzes stellen, aber zugleich auch die Modernisierung der gealterten Bauten bewerkstelligen, um sie als Wohn- und Geschäftsräume zu erhalten.

Ausstellung in Wien

Interessant wäre es auch, zu erfahren, wie es sich heute in den Wohnungen lebt und ob die Auszeichnung als Weltkulturerbe mehr die Architekturfans unter den Touristen beeindruckt oder auch die Bewohner begeistert, die in den Häuser von Liaskowsky, Ornstein, Kaufmann und den anderen leben. In Berlin übrigens, wo in den zwanziger Jahren 135.000 Wohnungen nach Plänen von Architekten wie Bruno Taut, Hans Scharoun und Walter Gropius entstanden, hofft man jedenfalls auf beide Effekte. Die Stadt hat, unterstützt von jenen Wohnungsunternehmen, denen die Mehrheit des Bestands gehört, für die Bauten beantragt, was Tel Aviv schon erreicht hat: als Weltkulturerbe geadelt zu werden.

Eine Ausstellung über die Weiße Stadt ist bis zum 19. Mai 2008 im Architekturzentrum Wien zu sehen.

Die Ausstellung „The White City of Tel Aviv“ ist noch bis zum 19. Mai 2008 im Architekturzentrum Wien täglich von 10 bis 19 Uhr zu sehen. Dazu erscheint die AzW-Publikation „Hintergrund“, die 7 Euro kostet. Außerdem zum Thema: „Sie legten den Grundstein. Leben und Wirken deutschsprachiger jüdischer Architekten in Palästina 1918-1948“ von Myra Warhaftig, Verlag Wasmuth, 20 Euro.



Text: F.A.S., 6. April 2008
Bildmaterial: AFP, Nitza Metzger-Szmuk, Dwelling on the dunes, picture-alliance / dpa/dpaweb

 
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