Sichtbeton

Wohnen ohne Kuschelfaktor

Von Birgit Ochs

05. Januar 2008 Heinrich Degelo schwärmt. Der Schweizer Architekt beschwört den archaischen Charakter des Werkstoffs, seinen inneren Reichtum, seinen skulpturalen Charakter. Wer glaubt, Degelos Begeisterung gelte dem Lehm, irrt. Degelo schwärmt vom Beton. Genauer vom Sichtbeton, jenem künstlichen Gestein, das unverputzt und unverkleidet beim Bau zum Einsatz kommt. „Das ist ein großartiges Material, so unglaublich plastisch“, sagt Degelo.

Auch sein deutscher Kollege Georg Poensgen lobt das Gemisch aus Zement, Sand und Wasser. „Mit diesem Werkstoff kann man einen ganz sauberen Raum bauen. Perfekte Proportionen erreichen“, sagt der Architekt vom Büro Denzer & Poensgen aus Marmagen. Unglaublich sensibel sei das Material, vielseitig wie kaum ein zweites.

Viele Planer entdecken den Baustoff wieder

Degelo und Poensgen sind in ihrer Zunft keinesfalls die einzigen Freunde des Sichtbetons. Seit einigen Jahren entdecken ihn die Planer wieder, nachdem er jahrzehntelang verpönt war. Als er in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts auf den Markt kam, hatte ihn die Branche noch als modernes Material bejubelt. Doch in der Nachkriegszeit massenhaft eingesetzt, erzeugte seine Allgegenwärtigkeit in den Städten beim Betrachter Widerwillen und Abscheu, der sich im Slogan „Schade, dass Beton nicht brennt“ ausdrückt.

Der Werkstoff stand und steht bis heute für eine ebenso schnelle wie billige Bauweise, deren Ergebnis ein nach kurzer Zeit abgetakelter Bau ist. In rasantem Tempo oft mit mangelnder Sorgfalt hochgezogen, wiesen die in der Vergangenheit entstandenen Brücken und Gebäude alsbald gravierende Schäden auf. Schlieren, Rostflecke und Risse verliehen ihnen ein abstoßendes Äußeres. Eine Ausnahme ist der Waschbeton, der sich als ausgesprochen resistent gegen Nässe und Frost erwiesen hat, dessen ästhetische Qualitäten aber wenig bestechen.

Sichtbeton ist besser geworden

Anders dagegen der optisch attraktivere Sichtbeton. „Die Industrie hat daran gearbeitet, seine Makel einzudämmen“, bescheinigt Tilman Schalk vom Institut für Baugestaltung der Universität Karlsruhe den Herstellern. Die Oberfläche des Materials sei mittlerweile viel perfekter und haltbarer, sagt er. Noch sind Häuser aus Sichtbeton etwas für Freunde der ambitionierten Architektur.

Vielen gilt die Fassade als zu eintönig, zu trist. Dabei muss der Ton der Wände keinesfalls grau sein. Die Hersteller bieten mittlerweile auch Beton mit zartweißen oder andersfarbigen Oberflächen an. Sichtbetonliebhaber Schalk sieht im ursprünglichen Grau zudem das Positive: „Das passt einfach zu allem.“ Noch sei das Einfamilienhaus aus Sichtbeton ein Nischenprodukt, allerdings auf dem „Sprung zur Konvention“.

Größere Akzeptanz in der Schweiz

In der Schweiz ist der unverhüllte Beton bereits stärker akzeptiert als in Deutschland. Auch Planer Degelo aus Basel hat ihn in den vergangenen Jahren mehrfach im Einfamilienhausbau eingesetzt, etwa bei einem Doppelhaus in Hanglage. „Beton war das ideale Material, das sich gut im Grund versenken lässt“, sagt er. Auch beim „Haus Müller“, wie das Projekt in einem Einfamilienhausgebiet in Staufen im Bürojargon heißt, kam der Baustoff zum Einsatz. Ursprünglich hatte sich die Bauherrin mit der Bitte an Degelo und seinen Kollegen Meinrad Morger gewandt, ein Holzhaus zu entwerfen.

Doch die Architekten schlugen ein Haus aus Sichtbeton vor. „Im Gespräch mit der Auftraggeberin kam schnell heraus, dass sie sich vor Einbrechern fürchtete“, erinnert sich Degelo. So entwarf sein Büro ein Gebäude, dessen Schlafzimmer nach außen fensterlos ist. Wie ein Findling erhebt sich das Haus auf Kiesfeld und Steingarten des Grundstücks.

Degelos Betonhaus erregt Aufsehen

Ob man es mag oder nicht - das Haus erregt in jedem Fall Aufsehen. Hunderte von Besuchern hat die Hausherrin in den ersten zwei Jahren durch ihr neues Anwesen geführt. Manche waren zufällig vorbeigekommen, hatten einfach geklingelt und vom Baumaterial Beton einen neuen Eindruck gewonnen. Architekten wie Degelo setzten auf die archaische Sachlichkeit der sichtbaren Betonflächen. Um diese Wirkung zu erzielen, betreiben sie einen hohen Aufwand.

Ohne großen gestalterischen Anspruch eingesetzt, sei das Material eigentlich sehr billig, sagt Architekt Poensgen. Doch wenn die Qualitätsansprüche steigen und vor allem Wärmedämmung ins Spiel kommt, dann wird das Bauen mit Sichtbeton für Außen- und Innenwand zum Luxus. Denn dann entfällt die sonst übliche Verkleidung der Wände mit Dämmstoffen. Da Beton an sich keine hohen Dämmeigenschaften besitzt, müssen die Wände sehr dick sein. Aus der Schweiz kommt mittlerweile sogenannter Isolationsbeton. Entwickelt hat ihn der Architekt Patrick Gartmann, um architektonisch-ästhetische mit technischen Anforderungen in Einklang zu bringen.

Die Rundum-Sichtbetonoptik kostet etwas mehr

Ein Haus, dass innen und außen eine Sichtbetonoptik besitzt, ist nach Poensgens Erfahrung bisher eher etwas für Bauherren mit relativ großem finanziellen Budget. So hat das Büro Denzer & Poensgen für einen gutbetuchten Kunden ein Haus auf dem Petrisberg in Trier geplant. Die Planer knüpften bei ihrem Entwurf an die römische Bautradition der Stadt an und entwarfen ein Einfamilienhaus mit Atrium.

„Wir haben den Goldenen Schnitt angestrebt, wollten einen Idealzustand erreichen“, erzählt der Planungsfachmann. Sichtbeton habe sich angeboten, das „Haus der Proportionen“ zu gestalten, weil sich mit ihm sehr exakt arbeiten lasse. Das Ergebnis ist keine düstere Betonfestung, sondern ein Bau, der verblüffend hell ist. „Die Sonne steht gut im Haus, es wirkt warm und behaglich“, sagt Poensgen.

Schalhaut und Saugverhalten spielen eine Rolle

Wer wie er auf die Betonoptik setzt, wählt eine spezielle Schalung, in welche die Masse vor Ort gegossen wird. Denn die Textur der Schalhaut (rauh, glatt, Strukturen) bestimmt die Oberflächenbeschaffenheit der Sichtbetonfläche. Auch das Saugverhalten der Schalung spielt eine Rolle: Sehr glatte und helle Oberflächen lassen sich beispielsweise nur mit nicht saugenden Schalhauttypen etwa aus Kunststoff herstellen.

Neben der Oberflächenbeschaffenheit zählen die sogenannten Ankerlöcher zu den Hauptgestaltungselementen der Planer. Sie entstehen durch Halteelemente, die ein Auseinanderdriften der Schalung und des frischen Betons verhindern. Werden diese Halterungen entfernt, bleiben Löcher. Von Stararchitekt Tadao Ando heißt es, er berücksichtige das Raster der Ankerlöcher schon in den ersten Zeichnungen seiner Entwürfe, um eine ganz bestimmte optische Wirkung zu erzielen.

Optik allein ist nicht genug

Die Optik ist das eine, die Technik das andere. Bei Wänden aus einem Guss muss die Frage, wo alle technischen Einbauten plaziert sein sollen, vorher geklärt sein. „Sonst haben Sie ein Problem. Man kann nicht hinterher einfach noch einen Lichtschalter anbringen“, warnt Poensgen. Besonderen Aufwand hat sein Büro beim „Haus der Proportionen“ hinsichtlich der Akustik betrieben.

Dazu hatte das Team extra einen Fachmann engagiert. „Der Schall ist bei Beton extrem stark“, erläutert der Architekt. Das große Wohnzimmer erhielt daher eine spezielle Akustikdecke. Schallmindernd wirken auch Holzoberflächen. Poensgen & Denzer haben für manche Böden zum Beispiel Eichenholzdielen gewählt. Auch bei der Küchenplanung haben sie auf Holz gesetzt.

Ohnehin lieben Planer gemeinhin die Kombination des Kunststeins mit gewachsenem Naturstoff. Architekt Degelo sieht zudem auch im Glas die ideale Ergänzung zum Beton. Da beide Materialien kristallin sind, passten sie hervorragend zusammen. Reine Betonbauer sind übrigens weder Degelo noch Poensgen. Die Entscheidung für einen Baustoff fällt je nach Objekt und Wünschen des Auftraggebers. Denn „schlechte Materialien gibt es eigentlich nicht“, sagt Degelo.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.01.2008, Nr. 1 / Seite V9
Bildmaterial: ddp, dpa, ZB

 
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