Von Jens Friedemann
10. Januar 2008 Nach dem Terroranschlag auf das New Yorker World Trade Center schien die Zeit der Wolkenkratzer besiegelt zu sein. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Rund um den Globus sind ungefähr zehntausend Gebäude mit mehr als 200 Metern Höhe geplant oder schon im Bau. Darunter sind die ersten Hochhäuser einer neuen Generation.
Angefangen hat es mit dem Burj Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten, mit gut 800 Meter das höchste Gebäude der Welt. Er wird in diesem Jahr fertiggestellt; und seine Wohnungen und Büros, Hotels, Einkaufspassagen und Dienstleistungseinrichtungen sind nach Angaben des Bauherrn fast alle schon verkauft. Dieser Turm auf heißem Wüstensand hat Bauherrn, Ingenieure und Architekten aus aller Welt inspiriert.
Türme mit einem Kilometer Höhe
Jetzt befinden sich noch ambitioniertere Gebäude in der Planung. Zwei von ihnen sollen bis zu einen Kilometer in die Höhe ragen. Dabei handelt es sich nicht um Bürotürme oder Wohnhochhäuser, sondern um vertikale Städte, die von den dort lebenden Menschen im Grunde weder am Tag noch des Nachts verlassen werden müssen. Wer will auch schon bei 40 oder 50 Grad im Schatten nach draußen?
In den Gebäuden dieser Generation sollen Arbeit, Wohnen, Einkauf, Kultur und Freizeit für Tausende von Menschen unter einem Dach vereint werden, mit grünen Oasen über den Wolken - ähnlich wie in der Commerzbank in Frankfurt, dem bisher höchsten Bürogebäude in Europa.
Die Wolkenkratzer der neuen Generation aber sollen, wie Antony Wood, Executive Director des Council on Tall Buildings and Urban Habitat, in einem Beitrag für das Urban Land Institute schreibt, durch moderne Außenhauttechnik und Windräder weitgehend energieautark sein, einschließlich Recycling-Technik aus der Raumfahrt, mit Biogasanlagen und Abwasseraufbereitung. Einen ersten Eindruck der neuen Generation vermitteln auch die beiden Türme des Bahrein World Trade Center, zwischen denen mächtige Windrotoren Energie erzeugen.
Sky-Living soll urbanes Leben bringen
Eine Verdichtung des innerstädtischen Lebens in zentral organisierten Quartieren wird als Voraussetzung für Klimaschutz, Globalisierung und individuelle Sicherheit angesehen. Es gehe darum, für global tätige Unternehmen die fähigsten und engagiertesten Mitarbeiter heranzuziehen, die 18 bis 20 Stunden in ihren Hightech-Büros, im Fitnessraum oder im Coffeeshop verbringen.
In solchen konzentrierten Stadtquartieren gehen die Lichter nicht mehr aus, denn vier Uhr nachmittags an der amerikanischen Ostküste bedeuten vier Uhr morgens in Asien. Sky-Living bringe den Vorteil urbanen Lebens in einem global vernetzten Umfeld, ohne sich um Ver- und Entsorgungsprobleme Gedanken machen zu müssen. Hier eröffnet sich ein Kosmos verändeter Räumlichkeiten und gesellschaftlicher Regeln, die der Konzeption der europäischen Stadt konträr gegenübersteht. Tatsächlich aber versuchen auch Planungsämter in westlichen Metropolen, Innenstadtzentren mit ihren Monostrukturen durch spektakuläre Projekte dieser Art zu ersetzen.
Ein Ring aus Wolkenkratzern für Moskau
Eine neue Generation von Hochhäusern entsteht auch in Moskau. Hier wächst ein Ring von Wolkenkratzern um die Stadt herum, darunter die höchsten Europas. Auch hier sollen die Menschen wohnen und arbeiten, möglichst ohne öffentliche Verkehrsmittel benutzen oder ins Auto steigen zu müssen. Noch mehr gilt das für China, wo in wenigen Jahrzehnten Städte für fast eine Milliarde Menschen geplant sind. Hier sollen vertikale Erlebniswelten weit über den Wolken, mit drehbaren Geschossen, neue Perspektiven bieten.
Selbst Frankfurt am Main könnte ein Dutzend neuer Hochhäuser erhalten, wie sie der Stadtplaner und Architekt Jochem Jourdan im neuen Hochhausrahmenplan vorgeschlagen hat - mit einer Öffnung der Räume auf Straßenebene.
Text: F.A.Z., 11.01.2008, Nr. 9 / Seite 41
Bildmaterial: AFP, AP