Hausbau

Das Eigenheim, der Beziehungskiller

Von Sabine Hildebrandt-Woeckel

Gefährlicher Balanceakt: Der Bau des Eigenheims kann auch die Ehe gefährden

Gefährlicher Balanceakt: Der Bau des Eigenheims kann auch die Ehe gefährden

13. Februar 2008 Herbert Ostermaier, Leiter des Kreditservice bei der Bausparkasse LBS, schaudert, wenn er nur daran denkt. „Eine Trennung während des Hausbaus oder kurz danach, das ist wirklich fast immer eine Katastrophe.“ Dennoch, sagt der Finanzierungsexperte, sei das leider gar nicht selten der Fall. Genaue Zahlen kennt man zwar weder bei der LBS noch in der Finanzierungs- oder Baubranche überhaupt. „Doch gefühlt“, sagt nicht nur Ostermaier, „ist der Prozentsatz schon erheblich.“

Auch Anette von Holt, freie Architektin in München, kennt das Phänomen. Seit 30 Jahren plant sie überwiegend Eigenheime und hat in dieser Zeit schon diverse Beziehungen scheitern sehen. „Auch solche, von denen ich anfangs dachte, da würde alles passen.“

Ein Hausbau verdrängt leicht alles andere

Der Gang zum Baumarkt sollte nicht wichtiger werden als die Freizeit mit dem Ehepartner

Der Gang zum Baumarkt sollte nicht wichtiger werden als die Freizeit mit dem Ehepartner

Zwei Szenarien sind es, die im Zusammenhang mit dem Hausbau zur Trennung führen, weiß auch Angela Roethe, Mediatorin bei der in verschiedenen Städten Deutschlands tätigen Streitschule. Entweder das Paar konzentriert sich zwar gemeinsam, aber dermaßen intensiv auf den Hausbau, dass überhaupt kein Platz mehr für andere Dinge bleibt. Ist dann alles geschafft, stellen die Partner fest, dass sie sich sonst nichts mehr zu sagen haben.

Oder aber einem von beiden ist der Hausbau wichtiger als dem anderen. „Jedes Wochenende war er am Bau, ich saß mit den Kindern in der kleinen Bude, wir sind nicht weggegangen, hatten keinen Sex und auch sonst keinen Spaß mehr zusammen“, schreibt eine junge Frau in einem der zahlreichen Internetchatrooms zum Thema. Zwei Jahre hat sie gelitten, dann die Scheidung eingereicht.

Die meisten Paare unterschätzen die Belastung

Die meisten Paare unterschätzen, was ein Hausbau schon im Normalfall für eine Belastung ist, erläutert Expertin von Holt. Fast immer wird die Zeit zu knapp kalkuliert, oft auch das Geld. Und nicht selten kommt beides zusammen. Die Bauherren wollen die Bauzeit möglichst gering halten und setzen sich selbst unter Druck.

Es bleibt zu wenig Zeit, um über Verträge oder Handwerkerkosten zu verhandeln, das treibt die Kosten in die Höhe. Viele Bauherren versuchen, das finanzielle Budget zu schonen, indem sie selbst Hand anlegen. Die Folge sind häufig Fehler und zusätzlicher Zeitdruck. „Ich hätte nie gedacht, wie lange es dauert, Material einzukaufen, Umtäusche zu machen. Sich mal Ideen zu holen“, lautet ein anderer Chat-Beitrag.

Die Familiengründung ist ein schlechter Zeitpunkt

Richtig schwierig wird es, wenn der Hausbau dann auch noch mit einer Phase des Umbruchs zusammenfällt. „Sehr oft“, berichtet Angela Rothe, beginnen Paare genau dann mit dem Bau, wenn sie auch eine Familie gründen oder gerade gegründet haben. Tatsächlich jedoch ist dies ein schlechter Zeitpunkt. Viele Paare sind schon damit überfordert, dass sie Eltern werden. Werden sie dann auch noch Bauherren, bleibt fast zwangsläufig etwas auf der Strecke. Das zeigen auch die Statistiken der deutschen Erziehungsberater: Beratungsstellen in Neubaugebieten werden bis zu viermal häufiger in Anspruch genommen als in normalen Wohngebieten.

Schuften mit den Kumpels auf dem Bau statt Spaß mit der Ehefrau - das killt leicht eine Beziehung

Schuften mit den Kumpels auf dem Bau statt Spaß mit der Ehefrau - das killt leicht eine Beziehung

Das Problem: Die meisten Paare sind mit diesem Riesenprojekt auf sich alleine gestellt. Zwar gibt es Hilfe bei der Finanzierung, doch was drum herum passiert, davon will niemand etwas wissen. Nicht nur die Deutschen Bausparkassen winken ab. „Das ist nun wirklich nicht unser Thema“, heißt es fast wortgleich bei Wüstenrot und LBS, in anderen Häusern reagiert man gar nicht erst auf entsprechende Anfragen.

In Österreich gibt es schon Hausbau-Coaching

Auch Architektenkammern und selbst Psychologen interessieren sich nur in Einzelfällen für die Problematik. Dabei wäre durchaus ein Markt vorhanden, wie sich im Nachbarland Österreich zeigt. Nach eigener leidvoller Erfahrung, die mit Trennung von seiner Frau endete, entwickelte dort der Bautechniker und Umweltpsychologe Herbert Reichl ein regelrechtes Hausbau-Coaching - und ist seitdem ein gefragter Mann.

Sein wichtigster Rat an Bauinteressenten: Zeit lassen. Der Weg von der Traumvorstellung bis zur passenden Innenausstattung ist weit, bleut er seinen Seminarteilnehmern immer wieder ein, und darf daher ruhig etwas länger dauern. Und Auszeiten, gemeinsame freie Wochenenden, mal ein kleiner Urlaub gehören unbedingt dazu. Denn wer alles Schöne auf die Zeit nach dem Hausbau verschiebt, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass daraus nichts mehr wird.

Ein guter Freund kann in dieser Phase helfen

Von der Ideenfindung bis zum Einzug sollte man daher in Jahren rechnen, nicht in Monaten, wie das viele euphorische Häusleplaner gerne tun. Eine Einschätzung, die Mediatorin Roethe uneingeschränkt teilt. Damit gute Vorsätze nicht vergessen werden, empfiehlt sie, einen Freund zum Begleiter zu bestimmen und ihm einen Freibrief zu erteilen. Beobachtet er, dass die Anspannung zu groß wird, ist es sein Job, den Pausenknopf zu drücken.

Und auch im zweiten wichtigen Punkt ist Roethe sich mit ihrem österreichischen Kollegen einig: Wer gemeinsam ein Haus bauen will, muss vor allem eines: Reden. Insofern, hebt Streitlehrerin Roethe hervor, unterscheide sich die Stresssituation Hausbau eigentlich nicht von anderen schwierigen Lebensphasen. Nur wer miteinander im Gespräch bleibt, hat eine Chance, sie zu überstehen. Entscheidend dabei: Schon vor Baubeginn, eigentlich sogar schon vor Planungsbeginn müssen alle Fragen angesprochen und geklärt werden.

Streit beim Kauf der Einbauküche

Die wichtigsten: Wer ist bereit, welche Einschränkungen zu tragen? Und welche Bedürfnisse sollen durch den Hausbau befriedigt werden? Sind sich die Partner einig, ergänzen sie sich oder treten hier erste Probleme auf, etwa weil einer auf dem Land leben will, der andere in der Stadt, oder weil sich der eine vom eigenen Haus einen Hort der Ruhe verspricht, der andere dagegen einen Ort, an dem viele Gäste ein- und ausgehen sollen.

Mehr als einmal, erzählt Architektin von Holt, habe sie im Laufe eines Bauvorhabens erlebt, dass die Beteiligten zwar auf den ersten Blick einig erschienen, tatsächlich aber „ganz andere Bilder im Kopf hatten“. Dann fahre man gemeinsam zum Küchenfachhändler und fände sich plötzlich inmitten einer Ehekrise wieder. Der Mann kocht gerne und wünscht sich eine perfekt ausgestattete Küche, in der er seine Gäste auch bewirten kann, während es für seine Frau außer Frage steht, dass genau an dieser Stelle gespart wird. Sie will das Geld lieber in Garten und Terrasse investieren.

Schon die Farbwahl kann Krisen herbeiführen

Selbst über Banalitäten wie die rote Wand im Treppenhaus, so von Holts Erfahrung, könne man vollkommen verschiedene Vorstellungen haben, und wer als Architekt nicht aufpasst, gerät schnell zwischen die Fronten. „Erklären Sie meinem Mann doch mal, dass das nicht aussieht.“ Sogar nachträgliche Umbauten hat von Holt schon mehr als einmal erlebt, weil der eine Partner nicht akzeptieren konnte, was der andere ausgesucht hatte. Um dies zu vermeiden, hat sie es sich inzwischen zur Gewohnheit gemacht, alles von beiden Beteiligten absegnen zu lassen.

Wesentlich einfacher, so auch der Tipp der erfahrenen Architektin, gestalte sich ein Bau, wenn solche Fragen bereits im Vorfeld geklärt sind. Sie empfiehlt Bauwilligen daher, sich lange vor Baubeginn an einen ruhigen Ort zurückzuziehen und sich tatsächlich ein gemeinsames Bild der eigenen vier Wände zu erarbeiten - und zwar bis ins Detail.

Ein Mediator kann helfen

Wer sich das alleine nicht zutraut, rät von Holt, sollte keine Hemmungen haben, sich einen Mediator zur Seite zu holen. Hilfreich ist, wenn jeder für sich zunächst einen Themenkatalog mit seinen Bedürfnissen und Interessen aufstellt. Also: In der Küche hätte ich gerne eine großen Kühlschrank und einen Gasherd, weil ich gerne koche . . .

Die baulichen Entscheidungen müssen sich aus den persönlichen Befindlichkeiten ergeben - und nicht umgekehrt. Darauf legt auch Hausbau-Coach Reichl den größten Wert. Denn ist das Haus erst fertig und die Wünsche lassen sich nicht mehr erfüllen, ist auch der Beziehungsstress auf Jahre zementiert. Im besten Fall. Im schlimmsten führt er zur Trennung.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.02.2008, Nr. 6 / Seite V17
Bildmaterial: AP, ddp

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche