Gespräch mit Multimillionär Douglas Tompkins

„Wir müssten Miete zahlen für unseren Platz auf der Welt“

13. Juni 2008 Douglas Tompkins gehört zu den reichsten Menschen auf der Welt. Sein Unternehmen Esprit hat er verkauft und widmet sich zusammen mit seiner Frau dem Schutz der Natur in Südamerika. Im Interview spricht er unter anderem über den ungezügelten Kapitalismus.

Herr Tompkins, mit Ihrem privaten Vermögen kaufen Sie und Ihre Frau Tausende Quadratkilometer Land in Chile und Argentinien. Warum tun Sie das?

Für mich gibt es auf der Welt keine bessere Möglichkeit, mein Geld auszugeben. Kristine und ich sind Naturschützer durch und durch, da ist es doch nur logisch, dass wir mit all den uns zur Verfügung stehenden Mitteln versuchen, die Natur vor der Zerstörung zu bewahren. Unser Ziel ist es dabei, neue Schutzgebiete für die Natur zu schaffen oder bestehende zu erweitern. Manchmal ist das wie ein Puzzlespiel. Wir kaufen hier ein Stück Land und dort eine alte Farm, versetzen das Land in seinen ursprünglichen Zustand und versuchen, die Teile zu einem Park zusammenzufügen. Solch ein Projekt bedarf genauer Planung und kann schon mal 20 bis 30 Jahre dauern.

Wie geht es denn dann weiter, wenn Sie ein Land-Puzzle zusammengefügt haben?

Derzeit arbeiten wir, verstreut über Chile und Argentinien, an dreizehn verschiedenen Projekten. Die befinden sich in verschiedenen Entwicklungsstadien. Wenn wir meinen, dass unsere Arbeit an einem Projekt abgeschlossen ist, versuchen wir den Park an die jeweilige Regierung zurückzugeben. Natürlich unter der Auflage, dass er als Naturreservat weiter geführt und nicht zerstört wird. So haben wir das bisher mit mehreren Parks gemacht. Dabei versuchen wir, als private Organisation das staatliche System des Naturschutzes zu ergänzen. Für Europäer mag es vielleicht überraschend sein, dass in Ländern wie Argentinien und Chile Naturschutzgebiete eine lange Tradition haben, in Chile begann man mit dem Aufbau von Reservaten im Jahr 1918.

Sie gelten als Anhänger der „Deep Ecology“-Bewegung. Welche Gedankenwelt steckt hinter diesem Begriff?

Die Mitglieder dieser Bewegung eint vor allem eine Auffassung: Der Mensch steht nicht im Zentrum der Welt, sondern ist ein Teil des gesamten Ökosystems. Sie dürfen sich unsere Bewegung jedoch nicht als einen Klub vorstellen. Es sind ganz einfach die gemeinsamen Werte, die eine Verbindung schaffen. Und ich bin sehr froh und glücklich, dass immer mehr Menschen erkennen, dass wir auf der Welt nicht nach unseren eigenen Regeln leben können, sondern nach denen der Natur.

Sie machen vor allem den Kapitalismus verantwortlich für die Zerstörung unserer Lebensgrundlage.

Der ungezügelte Kapitalismus, den wir haben, vernichtet unsere Welt. Das müsste doch inzwischen jedem auffallen, der Augen im Kopf hat. Dem Kapitalismus verdanken wir den Klimawandel, die Ausrottung bedrohter Tierarten und auch unsere soziale Krise.

Aber dem Kapitalismus verdanken Sie, als ehemaliger Eigentümer eines weltumspannenden Bekleidungskonzerns, auch all das Geld, mit dem Sie nun Ihre Projekte finanzieren.

Das sind schmutzige Früchte des Systems. Doch wenn ich wieder einsteigen könnte und so den Klimawandel aufhalten könnte, dann ist es doch klar, wie ich mich verhalten würde.

Als Sie mit Ihren Projekten in Chile vor knapp 20 Jahren angefangen haben, war die Bevölkerung misstrauisch, man verdächtigte Sie sogar, ein CIA-Agent zu sein, der heimlich die Wasserreserven des Landes aufkauft. Konnten Sie die Vorurteile inzwischen korrigieren?

Sicher haben inzwischen viele Menschen dort erkannt, was meine wahren Absichten sind. Aber Sie müssen wissen, dass aktiver Umweltschutz überall auf der Welt Widerspruch hervorruft: Opposition aus der Wirtschaft heraus, aus der Politik, aber auch von der Bevölkerung. Das war so bei jedem der 77 Naturschutzparks in Amerika. Was in Deutschland passiert, weiß ich nicht so genau, aber ich würde Wetten abschließen, dass es hier ähnlich ist. Darauf muss man vorbereitet sein, wenn man solche Projekte plant, sonst ist man naiv. Wer in unserem Geschäft erfolgreich sein will, muss sich intelligente Strategien ausdenken, muss das Umfeld genau analysieren und versuchen, Wege zu finden, Wirtschaft und Naturschutz zu vereinen. Für mich sind Bauern, die ökologischen Anbau betreiben, die das Grundwasser nicht verschmutzen, die die Erde vor Erosion schützen und mit ihren Tieren gut umgehen, auch Naturschützer.

Weniger gut finden Sie den geplanten Bau großer Staudämme im Süden Chiles, die das Land mit Strom versorgen sollen. Dabei ist Wasserkraft doch noch eine ziemlich saubere Energie.

Ja, das stimmt. Energie aus Wasser ist ziemlich umweltfreundlich. Doch auch da gibt es Unterschiede. Riesige Staudammprojekte, wie sie südlich meines Naturparks Pumalin geplant werden, sind technisch überholt. Heute baut man kleinere Dämme, mit weniger Auswirkung auf die umliegende Landschaft. Außerdem sind die geplanten Dämme viel zu weit weg von dem Ort, an dem die Energie gebraucht wird. Wir sprechen hier von 2300 Kilometern Transportweg, auch durch meinen Park. Was Chile braucht, ist eine dezentralisierte und diversifizierte Energiepolitik. Das hat die Regierung leider noch nicht erkannt. Da sind wir noch im finsteren Mittelalter.

Sie streiten mit der Regierung auch über den Ausbau der einzigen Schotterstraße von der Hafenstadt Puerto Montt in den Süden des Landes. Würde die arme Bevölkerung dort nicht von der Anbindung profitieren?

Ich glaube nicht an das Konzept, dass Straßen der armen Bevölkerung helfen. Im Gegenteil, denn über die Straßen ziehen noch mehr Menschen vom Land in die Stadt, wo es ihnen nicht unbedingt besser, meist schlechter geht. Dafür gibt es auf der Welt genug Beispiele. Ironischerweise haben wir jedoch die Idee, Puerto Montt mit dem Süden besser zu verbinden, über Jahre hinweg unterstützt. Allein über die Route sind wir uns mit dem Ministerium nicht einig. Wir befürworten eine Straße entlang der Küste, wo auch etwa 3000 Menschen wohnen. Doch die Regierung will, dass die Straße durch die Berge führt, was viel teurer ist und die Natur extrem beeinträchtigt. Zudem wohnen in den Bergen kaum Menschen. Da gibt es noch Diskussionsbedarf.

Auf der ganzen Welt steigen die Preise für Lebensmittel, und Stimmen werden laut, man müsse die Agrarflächen ausweiten. Können wir uns auch vor diesem Hintergrund Naturschutz überhaupt leisten?

Ich glaube, wir können es uns nicht leisten, die Natur nicht zu schützen. Wenn Sie das einmal in einem größeren Zusammenhang betrachten, wird es vielleicht deutlicher. Wir zerstören die biologische Vielfalt der Welt. Jetzt gerade, während wir sprechen, stirbt wieder eine Art aus. Wer in der Ausdehnung der Agrarflächen und der damit verbundenen sinkenden Artenvielfalt den Weg aus der Krise sieht, unterschreibt das Todesurteil für die Zivilisation. Auf einem toten Planeten werden wir keine soziale Gerechtigkeit und schon gar nicht weniger Hungernde haben. Wir sind am Scheideweg: Wir wissen, dass gerade ein großes Artensterben stattfindet, das letztlich auch zu unserem eigenen Tod führen wird, aber nur wenigen ist das wirklich bewusst

Haben Sie denn noch Hoffnung?

Ja, noch ist nicht alles verloren. Die Bewohner der Erde müssen verstehen, dass Artenvielfalt für unser Überleben noch wichtiger ist als der Kampf gegen den Klimawandel. Das Jahr 2007 war sehr erfolgreich. Die meisten Menschen auf der Welt haben nun verstanden, dass sie den Klimawandel und seine schrecklichen Folgen mitverursachen. Als zweiten Schritt müssen wir dieses Verständnis nun auf die Bedeutung der Artenvielfalt übertragen. Denn die Ausrottung der Arten hat schlimmere Folgen als der Klimawandel.

Sie wohnen die meiste Zeit des Jahres auf einer Ranch inmitten des Pumalin-Parks in Chile. Wie leben Sie dort?

Sehr einfach. Zu unserem Haus führt keine Straße, Besucher kommen also entweder mit einem Boot oder mit einem kleinen Flugzeug. Jeden Abend haben wir für vier Stunden Strom, das reicht. Auch in unserem Haus in Argentinien haben wir keine Klimaanlage, obwohl die Temperatur dort schon mal auf 40 Grad steigen kann.

Sie haben Ihr Leben radikal verändert. Wünschen Sie sich, dass andere Ihrem Beispiel folgen?

Natürlich! Wenn, sagen wir mal, die zehntausend reichsten Menschen auf der Welt so arbeiten würden wie ich, wäre die Welt eine andere. Ich kann nicht verstehen, warum die Menschen Geld horten, es macht nicht glücklich. Ich sage immer, die Menschen müssten Miete zahlen dafür, dass sie auf der Welt leben dürfen. Und diejenigen, die mehr besitzen, müssten eine höhere Miete zahlen.

Unternehmer, Aussteiger, Aktivisten: Douglas Tompkins und Kristine McDivitt Tompkins

Douglas Tompkins ist 65 Jahre alt und Millionär mit einer Sammelleidenschaft. Das an sich wäre nichts Besonderes, legen sich doch genug Millionäre eine Kollektion moderner Kunst oder verschiedenfarbiger Ferraris zu. Tompkins' Sammlung jedoch ist ganz besonderer Art, sie besteht aus Regenwäldern und Steppenlandschaften, aus Gletschern, Vulkanen, alten Bäumen und vom Aussterben bedrohten Minihirschen. Seit den frühen neunziger Jahren kauft der Amerikaner gemeinsam mit seiner zweiten Frau Kristine McDivitt (unser Bild von Wolfgang Eilmes) über ein System von Stiftungen ganze Landstriche in Chile und Argentinien auf, um der Natur „eine Auszeit zu gönnen“. Im Besitz der Tompkins befinden sich in Südamerika rund 12 000 Quadratkilometer Land, das entspricht mehr als der Hälfte der Fläche Hessens. Das Paar gehört damit zu den größten privaten Grundbesitzern der Welt.

Und wenn es nach Tompkins geht, ist das erst der Anfang: Er träumt von einem die Grenzen zwischen Argentinien und Chile übergreifenden Naturpark in Patagonien und einem Systemwandel in der Gesellschaft. Tompkins ist Repräsentant der „Deep Ecology“-Bewegung, einer Ökologiebewegung, die den Menschen als Teil der Erde sieht und ihm eine bedeutende Rolle in der Bewahrung des Planeten zuschreibt. Dass Tompkins einmal Millionär werden würde, war nicht unbedingt vorauszusehen. Mit siebzehn Jahren brach er die Schule in New York ab und widmete sich seinen Hobbys: Klettern, Ski- und Kajakfahren. Er wohnte in Kalifornien, trug lange Haare und arbeitete als Bergführer. In den sechziger Jahren gründete er eine Kletterschule und später, mit 5000 Dollar geliehenem Startkapital, die Outdoor-Marke „The North Face“.

1970 verkaufte es das Unternehmen mit einem stattlichen Gewinn und gründete gemeinsam mit seiner ersten Frau Susie das Bekleidungsunternehmen „Esprit“, das zu einem Weltkonzern wurde. 1990 ließ sich Tompkins von seiner Frau scheiden, verkaufte seine Anteile an Esprit für geschätzte 150 Millionen Dollar und wurde Umweltaktivist. Seine zweite Frau Kristine McDivitt hat einen ähnlichen Werdegang: Auch sie begeistert sich seit ihrer Jugend fürs Bergsteigen und Skifahren. McDivitt war Geschäftsführerin der Ausrüstungsfirma „Patagonia“. Im Jahr 2000 verkaufte sie ihre Unternehmensanteile und gründete eine eigene Stiftung zum Schutz der Naturlandschaften in Patagonien. Am Mittwoch wurde dem Paar in Frankfurt am Main der Bruno-H.-Schubert-Preis verliehen. Mit 100.000 Euro ist diese Auszeichnung der am höchsten dotierte private Umweltpreis Deutschlands. (jur.)

Am Samstag erscheint im Feuilleton eine Reportage über Douglas Tompkins und sein Projekt in Patagonien.

Das Gespräch führte Julia Roebke.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.

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