Von Michaela Seiser
06. Februar 2008 Als Urlaubsziel ist Österreich bei den Deutschen beliebt. Seit einigen Jahren kommen sie auch verstärkt zum Broterwerb ins Nachbarland - und nunmehr sogar zum Probewohnen. Denn im Waldviertel in Niederösterreich gibt es seit einem halben Jahr eine Passivhaussiedlung, in der Interessenten Technik und Raumklima dieses Gebäudetyps testen können.
Auf dem Sonnenplatz in Großschönau im Bezirk Gmünd sind sechs unterschiedliche, sonnendurchflutete Wohlfühlhäuser aufgestellt, die ohne aktive Heizung, sondern mit Alternativenergie funktionieren. Im Wesentlichen reicht die passive Nutzung der vorhandenen Wärme aus der Sonneneinstrahlung durch die Fenster sowie der Wärmeabgabe von Geräten und Bewohnern aus, um das Gebäude während der Heizperiode auf angenehmen Innentemperaturen zu halten. Jeder Hausbauer kann hier modernste Bautechnik buchstäblich hautnah erleben.
200 Euro für drei Tage Probewohnen
Wohnangebote gibt es gestaffelt von drei Tagen bis zu einer Woche ab 200 Euro (für drei Tage). Inzwischen haben mehr als 400 Familien das Angebot genutzt, berichtet Michaela Mraz, Sprecherin der Sonnenplatz Großschönau GmbH. Hilfreich dürfte sein, dass das Waldviertel durch sein kontinental geprägtes Klima, sowohl was die Jahres- als auch was die Tageszeiten anbelangt, starke Temperaturschwankungen anbietet - also ideale Verhältnisse, um ein Haus ohne Heizung auf seine Funktion und Behaglichkeit zu testen.
Die Räumlichkeiten weisen einen höchstmöglichen Verbrauch von 15 Kilowattstunden je Quadratmeter und Jahr auf und damit 90 Prozent weniger als ein herkömmliches Haus. Am Areal des Dorfes finden sich auch ein Naturbadeteich, viele Kinderspielgeräte und naturnah gestaltete Schaugärten.
Gute Erfahrungen am Gefrierpunkt
Thomas Wieck aus Völklingen im Saarland kam mit seiner Frau im Oktober hierher, nachdem er einen Fernsehbericht über dieses Projekt gesehen hatte. Seine Erfahrung mit dem Probewohnen bei einer Außentemperatur von null Grad war gut. Er findet es klasse, wie er sagt, und orientiert sich an dieser Idee. Am Anfang haben wir uns gedacht: So ein Humbug. Jetzt sind wir aber überzeugt. Wir glauben, dass in zehn Jahren die Energiepreise so anziehen, dass man sich das traditionelle Wohnen nicht mehr leisten kann.
Nach langer Suche haben die Wiecks einen Architekten gefunden, der sich beim Passivhausbau auskennt. Jetzt wollen sie ein Haus mit 160 Quadratmeter bauen. Kostenvoranschlag dafür ist eine viertel Million Euro. Damit kostet ein Passivhaus etwa um 10 bis 20 Prozent mehr als ein herkömmliches Haus. Doch das lohnt, wie ein Blick auf die Energieersparnis zeigt: Die Heizkosten für einen Quadratmeter Wohnfläche belaufen sich im Monat auf 1 Euro und damit ein Zehntel der in einem herkömmlichen Haus anfallenden Aufwendungen. Dabei kommt das innovative Gebäude im Sommer und im Winter ohne separate Heizung oder Klimaanlage aus und bietet dennoch eine behagliche Temperatur.
Keine Wärmeverluste und optimierte Wärmegewinnung
Erreicht werden diese Werte durch zwei Grundprinzipien: die Vermeidung von Wärmeverlusten durch eine gut gedämmte Gebäudehülle mit Dämmstärken zwischen 25 und 40 Zentimeter und Fenster mit Dreifachverglasung. Außerdem wird die Wärmegewinnung optimiert. Fenster öffnen ist nicht mehr notwendig, denn das Belüftungssysten bringt ständig staub- und pollenfreie Frischluft ins Haus.
Auch Robert Schön, der in Poppenricht zwischen Regensburg und Nürnberg lebt, hat im Herbst ein Wochenende auf dem Sonnenplatz verbracht. Wenn man das dort unten gesehen hat, wie das funktioniert und wie einfach, kann man nicht verstehen, dass man noch normal baut. Denn die erreichen mit minimaler Technik ein höchstmögliches Ergebnis.
Gebaut nach dem Prinzip der Thermoskanne
Dass dies mit einem Kompaktlüftungsgerät in der Größe eines Gefrierschranks funktioniert, hat ihn fasziniert: Kein Platz geht verloren durch Öltank oder Heizraum, schildert Schön, der sich das viel komplizierter vorgestellt hatte. Tatsächlich ist es in jedem Zimmer etwa 20 Grad warm. Wer will, kann sich noch einen Kamin einbauen lassen oder Infrarotpaneele aufhängen.
Das Haus ist wie eine Thermoskanne aufgebaut. Schön plant ebenfalls nach diesem Modell eine Bleibe. Allerdings hat er in Deutschland die Erfahrung gemacht, dass es schwierig ist, Handwerker zu finden, die sich mit Passivhausbau auskennen. Deshalb hofft er, dass österreichische Firmen 300 Kilometer zu ihm fahren.
Das erste Passivhaus wurde 1991 gebaut
Warum in Deutschland trotz der Pionierleistung des Physikers Wolfgang Feist, der das erste Passivhaus der Welt in Darmstadt 1991 initiiert hat, diese Bautechnik noch nicht so verbreitet ist, hat verschiedene Gründe. Zum einen schreckt es viele ab, dass man nicht individuell zu lüften braucht, heißt es. Überdies dürfte das Umweltbewusstsein noch immer nicht so weit gediehen sein wie im südlichen Nachbarland: In Deutschland legen die Leute eher Wert auf ein Auto als auf die Energieeffizienz eines Hauses, glaubt Schön.
Außerdem sei der Begriff Passiv für Deutsche nicht ideal. Viele wollen aktiv wohnen, weil sie etwas machen wollen. Bei uns ist das was für Öko-Freaks. Dass es in Österreich die größte Passivhausdichte Europas, gemessen an der Bevölkerungsgröße, gibt, hängt auch mit den bestehenden Anreizen durch die Struktur der Bauförderung zusammen. Seit 1989 enthält unsere Bauförderung eine Energiesparkomponente, sagt Adi Gross, Leiter des Vorarlberger Energieinstituts. Vorarlberg ist in Österreich der Vorreiter für energiesparendes Bauen Wir ziehen regelmäßig die Schraube an.
2000 Passivhäuser gibt es schon in Österreich
Das passiert auch in Oberösterreich, wo Auflagen für Bauprojekte bestehen; für öffentliche Gebäude gelten dabei die strengsten Regeln. So müssen landeseigene Neubauten dem Niedrigstenergiestandard entsprechen - viele übertreffen, wie es heißt, die Vorgabe inzwischen: Die meisten neuen öffentlichen Gebäude haben Passivhausstandard.
Insgesamt gibt es in Österreich bereits mehr als 2000 Passivhausobjekte, während es im von der Bevölkerungszahl her zehnmal so großen Deutschland 8000 sind. In zwei Jahren dürfte fast ein Drittel des Neubauvolumens Passivhausstandard sein, schätzen Fachleute. In acht Jahren könnte das Neubauvolumen in Österreich zur Gänze auf diesem Qualitätsniveau sein.
Ein branchenübergreifendes Netzwerk
Die Passivbauweise setzt sich bei allen Gebäudetypen durch: vom Wohnbau bis zu Nutzbauten. In Oberösterreich wird das nach Angaben der Bauherren größte Passivhaus-Industriegebäude Europas entstehen. Innerhalb der kommenden sechs Jahre plant die Huemer Solar Gruppe für 17 Millionen Euro einen neuen Unternehmensstandort mit insgesamt 50.000 Quadratmeter. Die Energieversorgung erfolgt über gespeicherte Sonnenwärme unter der Produktionshalle und über Sonnenkollektoren am Dach.
Vorangetrieben wird diese Bauweise in Österreich von der IG Passivhaus, einem Netzwerk von inzwischen 180 Mitgliedsbetrieben. Diese decken den gesamten Querschnitt der Baubranche - Architekten, Planer, Bauträger, Baumeister, Zimmerei- und Haustechnikbetriebe, Consultingbüros und Passivhaus-Komponentenhersteller. Aufgrund des Erfolgs wurde dieses Netzwerk inzwischen von Deutschland und der Schweiz übernommen und ist in weiteren europäischen Ländern ein Muster.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.02.2008, Nr. 5 / Seite V13
Bildmaterial: ddp, F.A.Z./Rainer Wohlfahrt
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