02. Februar 2006 Eiskunstlauf-Olympiasiegerin Katarina Witt im F.A.Z.-Interview über Stasi-IM Ingo Steuer, die Aufarbeitung der Vergangenheit und warum der Eiskunstlauftrainer nach Turin reisen sollte.
Ich habe bereits 1993 meine Akten eingesehen und wußte daher, wer über mich an den Staatssicherheitsdienst der DDR berichtet hatte. Doch hatte ich mich damals entschieden, nicht mit dem Finger auf jemanden zu zeigen oder eine öffentliche Jagd zu eröffnen. Dies tun jetzt aber Personen, die weder in dieser Form betroffen waren noch einen Bezug zu unserer damaligen Situation in der DDR haben.
Man darf doch nicht vergessen, wie jung die meisten gewesen sind. Auch sollte man nie vergessen, welcher Unterrichtsstoff in unseren Schulen gelehrt wurde. Unser Lesestoff war "Timur und sein Trupp", "Käuzchenkuhle" oder "Nackt unter Wölfen" und eben nicht "1984" von George Orwell. Es gibt Dinge, die man nicht wissen kann, wenn man sie nie vorgestellt bekommt. Natürlich gibt es viele, die von sich behaupten können, nein zur Stasi-Mitarbeit gesagt zu haben, aber ich glaube eben auch, daß viele überzeugt waren, keine Wahl zu haben.
Auf Grund ihres jugendlichen Alters werden Aljona und Robin von allen noch am wenigsten verstehen, worum es hier eigentlich geht. Sie stehen allerdings vor dem wichtigsten Wettkampf ihrer Karriere und brauchen die Bezugsperson, der sie als Sportler am meisten vertrauen: den Trainer, der dazu gehört. Ich kann ihnen nur empfehlen, was Weltklassesportler am besten können: nämlich den Rest der Welt ausblenden, Scheuklappen anlegen und sich nur noch auf sich selbst und ihre Leistung konzentrieren. Diejenigen die ihnen den möglichen Erfolg gönnen, sollten ihnen hilfreich zur Seite stehen. Alle anderen, die meinen, jetzt sofort endlich der Gerechtigkeit genüge tun zu wollen, sollten ihr Geltungsbedürfnis mal für einige Wochen ignorieren.
Mir gefällt die Art und Weise nicht, wie mit der Problematik umgegangen wird. Ich kenne Steuers Akte nicht, aber ich denke, daß 16 Jahre nach dem Mauerfall einerseits die Dinge so langsam aufgearbeitet sein sollten und andererseits, daß es an der Zeit ist, wichtigere Themen in den Vordergrund zu rücken. 14 Tage vor den Olympischen Spielen wird das plötzlich wichtig. Das alles trägt jetzt doch nicht dazu bei, daß Ost und West besser zusammenwachsen, und es trägt auch nicht zu besseren Olympischen Spielen bei.
Die Fragen stellte Roland Zorn.
Text: F.A.Z. vom 2. Februar 2006
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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