Von Nadine Oberhuber
09. Mai 2008 Wenn im Winter wieder das Unwort des Jahres gewählt wird, gibt es einen großen Favoriten: die Abgeltungsteuer. Ohne dieses Wort kommt in diesem Jahr keine Bank, kein Finanzberater und kein Fondsverkäufer aus.
Die Abgeltungsteuer ist Verkaufsargument Nummer eins. Und es gibt wenige Privatanleger, die noch nichts von ihr gehört haben. Aber ein Problem haben alle mit ihr: Trotz der vehementen Beschallung durch die Finanzindustrie wissen viele Sparer immer noch nicht so genau, wie sie auf die neue Steuer reagieren sollen - und ob überhaupt. Kein Wunder, an den Details des Gesetzes wird immer noch gefeilt. Auch Vermittler wissen oft zu wenig über die Finessen der neuen Steuer. Die meisten sind im Schnellverfahren eher aufs Verkaufen als aufs faire Vergleichen geschult worden.
Die Deutschen kennen die Folgen nicht
Jeder dritte Bundesbürger antwortete in einer Umfrage entsprechend resigniert, er wisse zwar, dass am 1. Januar 2009 die neue Pauschalsteuer eingeführt wird. Aber nicht, was das für ihn heißt. Jeder Fünfte meint, dass die Steuer eher keinen Einfluss auf sein künftiges Anlageverhalten haben werde. Doch das kann teuer werden: Viele Steuerzahler werden dem Staat eine Menge Geld schenken, wenn sie jetzt nichts tun, warnt Steuerberaterin Birgit Hosemann, die sich auf die Besteuerung von Kapitalanlagen spezialisiert hat.
Die Chance besteht jetzt darin, das eigene Depot zu durchforsten und es möglichst auf Jahre zukunftsfit zu machen - denn jedes Umschichten frisst in Zukunft ein Viertel der Rendite. Diese Serie will dabei helfen und in 15 Teilen alle wichtigen Fragen erklären.
Die Grundregel ist noch nicht kompliziert
Im Grunde bedeutet die Abgeltungsteuer für Anleger: Von 2009 an müssen alle Zinsen und Dividenden sowie Kursgewinne von Aktien und Fondsanteilen pauschal mit 25 Prozent versteuert werden. Dazu kommen noch der Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls die Kirchensteuer. Macht zusammen rund 28 Prozent.
Alles, was allerdings bis zum 31. Dezember 2008 noch an Fonds oder Aktien gekauft wird, bleibt von der neuen Steuer verschont und wird behandelt wie bisher. Nur Zertifikate sind die Ausnahme.
Auseinanderrechnen und in der Steuererklärung auflisten müssen Anleger das aber nicht selber: Banken und Fondsgesellschaften führen das Viertel für den Fiskus automatisch ab, wenn ein Konto aufgelöst oder eine Aktie verkauft wird. Damit ist die Steuerlast abgegolten, daher der Name.
Steuererhöhung durch die Hintertür
Die Pauschalsteuer sollte einheitlich und für Sparer gut zu verkraften sein, so argumentierten die Politiker, die ihre Einführung wollten. Im Ausland gäbe es den automatischen Steuereinbehalt schließlich auch. Dort aber ist er weit geringer ausgefallen als hierzulande. Natürlich zahlten Anleger auch bisher Steuern auf ihre Kapitalerträge. Aber bisher wurde Dividenden nur zur Hälfte angerechnet. Zwar nach dem persönlichen Steuersatz, doch selbst Großverdiener mit 42 Prozent Höchststeuersatz kamen auf maximal 21 Prozent.
Geringverdiener lagen weit darunter. Ein Steuergeschenk ist die deutsche Abgeltungsteuer also nicht gerade - anders, als die Politik weismachen wollte. Eher eine Steuererhöhung durch die Hintertür: Wirklich fair, sagt das Deutsche Aktien Institut, wäre sie mit 15 Prozent gewesen. Damit hätte der Staat genauso viel kassiert wie jetzt. Künftig wird er deutlich mehr bekommen.
Geringverdiener zahlen drauf
Vor allem eine Gruppe zahlt drauf: die Geringverdiener mit einem Steuersatz unter 25 Prozent. Wer denkt, die hätten ohnehin kein Geld für Tagesgeld und Aktien, der irrt gewaltig. Sechs Millionen von ihnen - vorwiegend Rentner mit Erspartem - haben Kapitalerträge. Die zu viel gezahlten Steuern können sie künftig zwar über die Steuererklärung zurückfordern. Die meisten machen es aber nicht, weiß Hosemann aus ihrer Beraterpraxis, weil sie sich keinen Steuerberater leisten und die Formulare selbst nicht überblicken.
Ein Grund mehr für Verbraucherschützer, den Anlegern zu raten, die Abgabenlast schon jetzt so weit wie möglich zu drücken. Durch Umschichten des Depots. Denn so einheitlich, wie die Steuer sein sollte, ist sie längst nicht. Sie trifft auch nicht alle Produkte gleich stark. Die Verlierer sind auf den ersten Blick Aktien und Fonds, vor allem Sparpläne. Weil künftig sowohl Kursgewinne als auch Dividenden besteuert werden. Aber es gibt Ausnahmen. So schlägt die Steuer nicht bei allen Fonds gleichermaßen zu Buche. Entscheidend ist, in was genau sie investieren und wo sie aufgelegt sind.
Die neue Steuer setzt die falschen Anreize
Fatalerweise begünstigt die Abgeltungsteuer dagegen gerade diejenigen Produkte, die bisher eher durch hohe Kosten und niedrige Renditen auffallen: Lebensversicherungen zum Beispiel. Auch festverzinsliche Produkte - deren Renditen derzeit kaum die Inflation ausgleichen - oder Dach- und Mischfonds, deren Leistungen Anlageschützer nicht eben begeistert.
Dass gerade solche Produkte gewinnen, ist umso schlimmer, weil deutsche Anleger ohnehin schon stark auf konservative Produkte setzen. Internationale Vergleiche sagen, dass sie damit auf zwei Prozentpunkte Rendite verzichten. Bei langem Sparen wird das happig.
Eines aber ist ganz wichtig: Kein Sparer sollte nur noch auf die Steuerquote schielen. Das verleitet geradezu zu Fehlinvestments und spielt den dubiosen Anbietern in die Hände, die jetzt groß mit dem Steuersparen werben.
Haben Sie Fragen zu diesem Artikel? Schicken Sie eine E-Mail an unseren Experten, den Steuerberater Klaus D. Hahne von Ernst & Young: Ihre Frage zur Abgeltungsteuer
Bildmaterial: Bengt Fosshag, F.A.Z.