Peepshow im Museum

Der türkische Diplomat Khalil-Bey wäre längst vergessen, hätte er sich nicht 1866 in Paris von Gustave Courbet den skandalösen Frauentorso "Der Ursprung der Welt" malen lassen. Courbets schamloser Blick auf die weibliche Anatomie, erst seit 1995 im Musée d'Orsay öffentlich zu sehen, gilt bis heute als die Inkarnation des Voyeurismus in der Kunst.

Warburgs Zauberlehrling

Der Titel ist genial gewählt. Bezeichnet doch "Verzetteln als Methode" nicht nur das Ordnungssystem, mit dem der unkonventionelle Wissenschaftler Wilhelm Siegfried Heckscher seine kunsthistorischen und alltagsikonographischen Trouvaillen zu bändigen suchte, sondern zugleich die Präsentationsform, in der sein Leben in dem gleichnamigen Bändchen dargeboten wird.

Für Leser mit eigenem Urteil

Wohl keine andere westdeutsche Großstadt verändert ihr Äußeres so schnell wie Frankfurt, nirgends sonst ist der Zyklus von Bau, Abriss und Neubau so kurz. Und so gibt es einen stetigen Bedarf an aktuellen Architekturführern, die die Veränderungen dokumentieren. Mit "Neue Architektur in Frankfurt ...

Madonnen künden von der Mainzer Frömmigkeit

Glaubt man dem Volksmund, so mag es in Mainz dereinst wohl ebenso viele Hausmadonnen wie Kneipen gegeben haben: fast an jeder Ecke eine. Schließlich war ebendort, meist im ersten Obergeschoss der Häuser, der wirkungsvollste Platz für diese Art von Kunst im öffentlichen Raum, die in der Domstadt über ...

Der Traum vom Mädchen auf dem Motorrad

Wir sind in Iran - auf den Fotografien von Oliver Kern: Sechs Männer, einige tragen Brille, fast alle einen dunklen Schnauzbart. Sie stehen hinter einer Durchreiche, in der Küche eines Restaurants in Isfahan. Sie schauen direkt in die Kamera, aufrecht und stolz mit neugierig gereckten Hälsen, fast so, als könnten sie unsere Welt erspähen.

Der Stillstand des Strudels

Die Erde dreht sich mit einer Geschwindigkeit von hunderttausend Kilometern pro Stunde um die Sonne. Daran hat sich in den vergangenen viereinhalb Milliarden Jahren nichts geändert. Manchen kommt es aber so vor, als drehe sie sich seit einiger Zeit immer schneller, als verändere sie sich immer rasender, als bleibe nichts, wie es ist.

Kumpel der Nation

Nichts zeugt vielleicht besser von dem großen Selbstbewusstsein und dem politischen Spieltrieb des ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder, als dass er sich einmal den Schauspieler Götz George in der Rolle des Gerhard Schröder gewünscht hat. Götz George, den Darsteller des Schimanski, den Vitalisten des deutschen Films, eine robuste Natur mit weichem Kern.

NEUE REISEBÜCHER

Für den Tisch Zu den komplizierteren Dingen des Lebens gehören chinesische Schriftzeichen. Der normale Europäer erkennt nur einen Haufen aufeinandergetürmter, verbogener Striche; hört, man müsse um die dreitausend solcher Hieroglyphen kennen, um als gebildeter Chinese zu gelten, und denkt sich: Dann eben nicht, werden wir eben kein gebildeter Chinese.

Meister des Aufbegehrens

Mal war man misstrauisch gegen den übersteigerten Narzissmus. Dann bewunderte man wieder die strotzende, sinnlich anschmiegsame Sprache. Dem Libertin nahm man allerdings die triumphale literarische Feier seiner sexuellen Eskapaden übel. Den messerscharfen Diskurs über die helvetische Enge aber, den der ...

Ein Leben in Bildern

Caspar David Friedrichs Bilder erkennt man sofort. Menschenleere Landschaften und aufleuchtende Naturstimmungen hat er gemalt wie kein anderer. Friedrichs Beitrag zur Kunstgeschichte ist so eigenartig und aus seiner Zeit herausfallend, wie es für nur wenige Künstler gilt. Dieses Besondere reizt die Autoren seit langem, und so gibt es viele Monographien über den Künstler.

Gaulchens Tierpark

Unbestritten als bedeutendster deutscher Tierbildhauer der Moderne in die Kunstgeschichte eingegangen ist der Berliner August Gaul (1869 bis 1921) als Schöpfer von Plastiken, die zwischen naturtreuer Wiedergabe und souveräner Stilisierung den Prototyp ausgewählter Gattungen verkörperten. Von Sammlern unvermindert ...

Requiem für Pontifex

Das Schwein hieß Pontifex; das heißt: Wir hatten dem kastrierten Eber den päpstlichen Titel verliehen, weil er uns stets an den über eine vatikanische Dombalustrade hinweg entbotenen Segen Urbi et Orbi erinnerte, wenn er grunzend aufsprang, kaum dass wir den Saustall betraten: In Erwartung gärender Küchenabfälle ...

Von der Herrschaft der Brombeeren befreit

Britannien, du hast es einfach besser! Mit einer Organisation wie dem National Trust, der die Landkarte von England, Wales und Nordirland mit Namen von Gärten sprenkelt, wie es andernorts auf ein ungewöhnlich dichtes Vorkommen an Autobahnraststätten schließen ließe. Zum Trust, einem nichtstaatlichen ...

Die Spiele sind vorbei, das Spiel beginnt

Es ist sehr erholsam, nach all den inszenierten Bildern der Olympischen Spiele, nach all der arrangierten, retuschierten Wirklichkeit mit Wolfgang Zurborns anarchistischem Auge auf China zu schauen. Der Zufall führt Regie, die Botschaft ist verschlüsselt, der Sinn spielt Verstecken, der Monolith zerfällt in Einzelteile.

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