17. Juli 2007 Wenige Wochen vor dem 20. Juli 1944 setzten sich Claus und Berthold Graf Stauffenberg mit einem eigens aus Athen gerufenen Freund aus dem Kreis um Stefan George zusammen. Trotz des bevorstehenden Umsturzversuchs nahmen sich die Verschwörer Zeit, ausführlich einen Text ihres Bruders Alexander Graf Stauffenbergs zu besprechen, der an den Tod des verehrten Dichters Stefan George erinnerte und dessen geistiges Erbe bewahren helfen sollte. Bei ihren Treffen formulierten die drei außerdem den sogenannten "Schwur", in dem sie sich über Ziele und Motive ihres Widerstandes gegen den Nationalsozialismus Rechenschaft ablegten. Wichtige Gedanken des George-Kreises aufnehmend, hieß es unter anderem: "Wir glauben an die Zukunft der Deutschen. Wir wissen im Deutschen die Kräfte, die ihn berufen, die Gemeinschaft der abendländischen Völker zu schönerem Leben zu führen. Wir bekennen uns in Geist und in der Tat zu den großen Überlieferungen unseres Volkes, das durch die Verschmelzung hellenischer und christlicher Ursprünge in germanischem Wesen das abendländische Menschentum schuf." Diese Formulierungen zeigen, wie stark das Wirken der Stauffenbergs im Widerstand gegen den Nationalsozialismus durch ihre Zugehörigkeit zu George und seinem Kreis geprägt worden war.Ein Buchtitel wie "Das Geheime Deutschland. Stefan George und die Brüder Stauffenberg" erweckt Erwartungen, dass das wechselseitige Verhältnis zwischen den Stauffenbergs und dem Dichter systematisch untersucht, die Vorstellungswelt der Stauffenbergs geistesgeschichtlich vermessen oder die Bemühungen der Grafen um die Bewahrung des geistigen Erbes Georges vertieft behandelt werden würden. Doch wer die Studie des Philosophen Manfred Riedel liest, wird enttäuscht. Die Passagen des Buches, die sich auf Claus und Berthold Graf Stauffenberg beziehen, geben überwiegend Bekanntes wieder. Manche Darstellung ist nur als einseitig zu bezeichnen. Wenn Riedel beispielsweise das Verhältnis von Claus Graf Stauffenberg zum Nationalsozialismus behandelt, fällt er hinter den Forschungsstand zurück und übergeht weitgehend viele von Peter Hoffmann mühsam zusammengetragene Belege dafür, dass Claus Graf Stauffenberg um 1933 dem Nationalsozialismus positiv gegenüberstand - unabhängig davon, ob Stauffenberg sich nun Anfang 1933 einem Umzug anlässlich des Beginns des NS-Regimes angeschlossen hat oder nicht.Unverständlich ist auch, dass Riedel nicht eine Interpretation Rudolf Fahrners und Eberhard Zellers diskutiert, die Stauffenbergs Haltung mit für den George-Kreis wichtigen Vorstellungen von Tat/Täter und Umbruch/Erneuerung zu erklären suchte. Wie man das Verhältnis von George zu den Stauffenbergs beschreiben kann, ob man die Position Georges in seinem Kreis in den zwanziger Jahren als "charismatische Führung" angemessen bezeichnet, interessiert Riedel ebenso wenig wie eine detaillierte Interpretation der überlieferten Texte von Claus und Berthold. Letzteres ist umso bedauerlicher. Denn dass eine genaue Textanalyse sehr fruchtbar sein kann, zeigt Riedel, wenn er wichtige Gedichte Stefan Georges interpretiert und vielfältige Bezüge zu Literatur und Philosophie von der Antike bis zur Gegenwart aufzeigt. So hätte er auch mit dem in seinem Buch vorherrschenden Zugriff neue Erkenntnisse über die Stauffenbergs und ihr Verhältnis zu George gewinnen können. Positiv hervorzuheben ist hingegen, dass Riedel Alexander Graf Stauffenberg mit untersucht und zeigt, wie der von den dreien einzig Überlebende nach 1945 versuchte, wieder Kontakt mit Mitgliedern des George-Kreises aufzunehmen, die von den Nationalsozialisten ins Ausland vertrieben wurden.Riedel arbeitet heraus, wie sich George mit Goethe, Hölderlin und Nietzsche, aber auch mit Max Weber auseinandersetzte. Dabei wird deutlich, dass George Begriffe in einem ganz anderen Sinn gebrauchte als viele seiner Zeitgenossen, eine Quelle nicht weniger Missverständnisse - bis heute. Riedel betont überzeugend, dass die für George zentrale Vorstellung vom "Geheimen Deutschland" konstitutiv europäische Bezüge hatte. So kann er nicht nur die Reaktionen des Dichters auf den Ersten Weltkrieg erklären, sondern auch Georges Denken von anderen nationalen Vorstellungen deutlich abgrenzen. George einem Neuen Nationalismus zuzuordnen, wie dies in letzter Zeit vorgeschlagen wurde, ist nach Riedels Argumenten nicht mehr einfach möglich. Solche Erkenntnisse können nicht nur für die George-Forschung, sondern auch für die historische Nationalismusforschung anregend wirken. Zu prüfen wäre, ob nicht die Vorstellungen vom "Geheimen Deutschland" als kulturelle Nationsvorstellungen zu verstehen sind, wie sie für Deutschland vor 1870 bekannt sind. Vor diesem Hintergrund lohnt sich eine Lektüre des Riedelschen Buches. Wer sich jedoch für die Brüder Stauffenberg und deren Prägungen durch George interessiert, der greife besser zu einer der Stauffenberg-Biographien.CHRISTOPHER DOWEManfred Riedel: Geheimes Deutschland. Stefan George und die Brüder Stauffenberg. Böhlau Verlag, Köln 2006. 276 S., 24,90 [Euro].
Buchtitel: Geheimes Deutschland - Stefan George und die Brüder Stauffenberg
Buchautor: Riedel, Manfred
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.07.2007, Nr. 163 / Seite 7
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