31. Oktober 2006 In der Zeitschrift Der Kunstwart wurden am 1. Februar 1900 Die Zehn Gebote zur Wohnungseinrichtung von Ferdinand Avenarius veröffentlicht. Sie lauten:
1. Richte dich zweckmäßig ein!
2. Zeige dich in deiner Wohnung, wie du bist!
3. Richte dich getrost nach deinen Geldmitteln ein!
4. Vermeide alle Imitationen!
5. Gib deiner Wohnung Leben!
6. Du sollst nicht pimpeln!
7. Fürchte dich nicht vor der Form!
8. Fürchte dich nicht vor der Farbe!

Richard Hamiltons „Just what is it that makes today's homes so different, so appealing?” aus dem Jahr 1956
9. Strebe nach Ruhe!
10. Führe auch freie Kunst in dein Heim!
Altes Testament für Wohnungseinrichtungen
Dazu muß man wissen, daß Ferdinand Avenarius einer der einflußreichsten Kulturpublizisten der Jahrhundertwende war, daß der von ihm gegründete, herausgegebene und größtenteils auch allein vollgeschriebene Kunstwart heute einer Mischung aus Cicero, Merkur und Schöner Wohnen gleichkäme - und daß das Wort pimpeln soviel wie kleinlich sein bedeutet.
Mit diesem Dekalog des Avenarius verhält es sich nicht anders als mit dem aus dem Alten Testament: Er gilt prinzipiell bis heute, leuchtet theoretisch unmittelbar ein und ist praktisch kaum durchzuhalten. Das fängt schon damit an, daß das zehnte Gebot in frontalem Widerspruch zum ersten steht: Wann trifft sich denn heute freie Kunst noch mit zweckmäßiger Einrichtung?
Unzweckmäßige Gebrauchsgegenstände
Man kann zwar einen Fotoleuchtkasten von Jeff Wall auch als Wohnzimmerlampe nutzen, und bestimmt gab es schon Sammler, die nach einem Vernissagegelage mit brummendem Schädel in den Arzneikästen von Damien Hirst nach Aspirin gekramt haben. Aber der Sinn der Sache ist das nicht; als Sinn, Wesensmerkmal und Grundbedingung freier Kunst gilt heute vielmehr ihre fundamentale Unzweckmäßigkeit, sonst hieße sie schließlich nicht freie, sondern angewandte Kunst.
Und das Bedürfnis, in Erfüllung von Gebot sieben bis neun, ohne Furcht vor Form und Farbe trotzdem insgesamt nach Ruhe zu streben, was ja auf nichts anderes hinausläuft als auf Kunstwerke, die möglichst zur Couchgarnitur passen sollten: Das ist sogar der Inbegriff dessen, was von sogenannten Kennern als laienhaft, spießig und für die Teilnahme am Kunstmarkt disqualifizierend mißbilligt wird. Mit anderen Worten: Der Anspruch, ernsthaft Kunst sammeln und trotzdem noch wohnen zu wollen, ist praktisch ein Unding.
Demütiges Warten vor Kunstwerken
Es war Schopenhauer, der ausgerechnet dem gerade entstehenden Bildungsbürgertum dekretierte, es habe sich Kunstwerken gegenüber bitte nicht anders zu verhalten als früher gegenüber absolutistischen Fürsten, nämlich demütig wartend, daß sie zu einem sprechen, das heißt also, keinesfalls so, als sei man selber der Herr im Hause. Und allerspätestens seit 1956, seit Richard Hamiltons berühmter Collage Just what is it that makes today's homes so different, so appealing? muß man leider antworten: Bilder wie dieses jedenfalls nicht.
Jeder Versuch in Richtung einer versöhnlichen Gemütlichkeitsästhetik steht seit Adorno unter dem Verdikt der Hotelbildmalerei, und eine gewisse Unwohnlichkeit ist seitdem so etwas wie das einzig zuverlässige Qualitätskriterium, auf das sich wahrscheinlich alle am Kunstmarkt Teilnehmenden einigen können: Stört es? Ja? Sehr gut, dann verstört es auch. Bricht es ordnungsgemäß meine Wahrnehmungsgewohnheiten, oder steht es wenigstens sauber im Weg? Auch ja? Dann kaufen!
Gewagte Politanspielungen
Daß sich durch den Boom an figürlicher Malerei in den letzten Jahren der Eindruck eingeschlichen hat, es dürften wieder ungehemmt dekorative Sofabilder gekauft werden, ohne daß man sich unmöglich macht, darf eines nicht in Vergessenheit geraten lassen: Auch der süffige Herrenzimmerschmuck von - je nach sexueller Orientierung - Martin Eder oder Norbert Bisky ist nur mit umfangreichem diskursivem Beipackzettel und um den Preis der Ironie, der Doppelbödigkeit und gewagter Politanspielungen zu haben.
Und trotzdem sieht es so aus, als müsse man von der tendenziell immer noch zumindest heimlich wohnzimmertauglichen Kunstmessenkunst eine Biennalen- und Documenta-Kunst unterscheiden, die sich zum größten Teil gar nicht mehr in irgendwelche von Menschen bewohnten Räume integrieren lassen will: todbringende Hochspannung in den Installationen von Mona Hatoum, die Zeitzünderbombe von Kris Martin - alles keine Kunst, die sich mit einer normalen Hausratsversicherung verträgt. Im Gegenteil, bei vielen installativen Arbeiten der Generation von Jonathan Meese, Christoph Schlingensief, John Bock oder Kai Althoff stellt sich die Frage umgekehrt: Paßt in diese Räume überhaupt ein Sammler, ohne zu stören?
Monströs vergrößerte Möbel
Die Obsession, mit der sich die Gegenwartskunst wieder auf Architektur, Innenräume, Höhlen, Grotten, Verstecke und Hinterzimmer stürzt, hat an manchen Stellen schon zu einer verwirrenden Deckungsgleichheit mit den Aufbewahrungsorten solcher Kunst geführt. Bezeichnenderweise ist eines der frühesten und berühmtesten Beispiele dafür, nämlich Pipilotti Rists Zimmer von 1994, inzwischen von dem, was in normalen Möbelgeschäften steht, kaum noch zu unterscheiden.
Ihre monströs vergrößerten Möbel, die Sessel und Sofas, die jeden, der sich draufsetzte, zum Liliputaner machten, stehen heute so, ganz im Ernst und zum Kaufen, in den meisten Mitnahmemärkten, und wenn irgend etwas daran den Anspruch erheben darf, ganz große, mit allen Seh- und Denkgewohnheiten radikal brechende Kunst zu sein, dann vor allem die seltsame Begründung des Möbelhandels: Den Leuten sitze das Geld knapper, sie gingen nicht mehr so oft aus, sondern blieben lieber zu Hause, und zu diesem Zweck mögen sie sich bitte Monstermöbel kaufen, die weniger zum Benutztwerden dasein wollen denn als Symbol ihrer selbst - und als Beispiel dafür, wo all das schöne Geld hin ist, das man dann natürlich zum Ausgehen nicht mehr hat.
Wohnung als neutrale Galerieräume
Wohnen ist, wenn man sich den ganzen Wahnsinn, den es mit sich bringt, mal vor Augen hält, eigentlich eine Kunst für sich und bräuchte im Grunde über sich selbst hinaus gar keine weitere. Es ist die komplexeste und verwirrendste soziale, biographische und ästhetische Zumutung, der man sich überhaupt stellen kann. Und wenn es stimmt, was alle seit einer ganzen Weile raunen, wenn also der Trend jetzt zur Skulptur geht, dann wäre es klug, bei den Möbeln anzufangen, also bei den zweckmäßigen Skulpturen. Da hapert es bei den meisten Sammlern nämlich am meisten.
Die normative Unwohnlichkeit der jüngeren Kunst hat diejenigen, die sie sammeln, in vielen Fällen dazu verleitet, ihre Wohnungen einfach zu White Cubes zu machen, zu neutralen Galerieräumen, in denen eine Ästhetik zerknirschter Andacht waltet, ein Minimalismus, der radikal tut, aber eigentlich meistens nur auf öden Ängsten gründet. In fast allen Homestories von Sammlern, die so was mit sich machen lassen, sieht man nicht nur die gleiche Kunst an den Wänden, man sieht immer auch die gleichen kantigen Sofas davor.
Imperativ der Selbstentfaltung
Eben solchen Verhältnissen hatte nun eigentlich auch Ferdinand Avenarius schon vor hundert Jahren entgegenarbeiten wollen, als er damals einem in stilistischen Selbstfindungsmanövern heillos versacktem Bildungsbürgertum auf die Sprünge helfen wollte. Und wie auf den Gesetzestafeln des Moses sind auch bei Avenarius die vier ersten Gebote die entscheidenden: In ihnen drückt sich der Imperativ nach einer Selbstentfaltung aus, die sich von niemandem, außer natürlich von Avenarius, reinreden läßt.
Und angesichts der Tatsache, daß wir dauernd von Geld, das wir nicht haben, Dinge kaufen, die uns nicht gefallen, um damit Leute zu beeindrucken, die wir nicht leiden können, lohnt es sich ja vielleicht doch, gerade beim Kunstkauf noch einmal darüber nachzudenken: Keinen Firlefanz, nichts, was andere schon besser gemacht haben, nichts, was man sich eigentlich gar nicht leisten kann - und vor allem: nur das, was einem selber wirklich zusagt, egal ob alle anderen das für Schwach-, Wahn- oder Irrsinn halten. Das erfordert natürlich ein bißchen Mut, aber es wäre sicher das Beste für alle: den Markt, die Künstler, die Kunstsammler und vor allem für ihre Wohnungen.
Deutsches Haus. Eine Einrichtungsfibel von Peter richter erscheint gerade im Goldmann Verlag.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 31.10.2006 Seite K1
Bildmaterial: dpa, Galerie Eigen+Art, Jay Jopling, Sies+Höke, Tate, White Cube