Von Oliver Jungen, Peking
02. Juli 2009 Der erste Punkt geht an die chinesische Zensurbehörde: Wu Shulin, Vizeminister der General Administration of Press and Publication (GAPP), begrüßt die Pressevertreter im stattlichen Pekinger Marmor-Glas-Gebäude mit den Worten: Es ist schön, Freunde von weit her zu Gast zu haben, bevor er nachsetzt: Ich sehe, Sie sind alle sehr schick gekleidet. Ich werde meine Kollegen bitten, es Ihnen gleichzutun - als Geste der Ebenbürtigkeit. Daraufhin legen die Beamten Sakkos und Krawatten ab, knöpfen unter Gelächter ihre Hemden auf. Heiliger Konfuzius, noch kein Wort gesagt, und schon ist die europäische Delegation im Rückstand.
Aber hat das Gängelministerium wirklich gut lachen? Schließlich soll in Chinas Softmoderne eine echte Meinungskontrolle kaum noch möglich sein: Wäre die gefürchtete Green-Dam-Zensursoftware weniger Fanal denn Anzeichen staatlicher Ohnmacht? Oder sind die Freiräume doch kleiner als erhofft? Antworten darauf muss man sich selbst zusammensuchen. Wer Chinesen in China diese Frage stellt, bekommt wunderbar umständliche Antworten, die jede Festlegung vermeiden.
Vom Staatsverlag zum börsennotierten Unternehmen
Das Kunststück jedenfalls scheint gelungen, die Enthemmung der Wirtschaft mit der Einparteienherrschaft zu verbinden, vielleicht, weil sich innerhalb der Kommunistischen Partei Flügel gebildet haben, die sich stärker unterscheiden als die großen Parteien mancher Länder. Bei aller westlichen Anmutung aber ist es doch ein einziges System, dessen Nervenbahnen den Landeskörper durchziehen. China bemäntelt das nicht, sondern erklärt damit die Überlegenheit des Drachen-Kapitalismus. Es verwundert in der Tat, dass das Volk ruhig bleibt, obwohl die Kluft zwischen Arm und Reich inzwischen so groß ist wie kaum sonst irgendwo. Auf dem Weg in die Diktatur des Marktes hat sich die Regierung jüngst ein weiteres Reformprogramm auferlegt, das auch in der Kultur die letzten planwirtschaftlichen Rudimente beseitigen soll.
Die knapp sechshundert staatlichen chinesischen Verlage werden innerhalb weniger Jahre in börsennotierte Unternehmen verwandelt. Schon jetzt erwirtschaften die das Bestsellergeschäft beherrschenden Privatverlage hohe Gewinne, obwohl sie wegen des ISBN-Monopols der Staatsbetriebe zu Partnerschaften gezwungen sind. Auch der lange geduldeten Piraterie geht es zunehmend an den Kragen: Raubkopien verderben die Dividende. Von der Finanzkrise nur mäßig betroffen, sehen sich derweil staatliche Verbände wie die China Publishing Group weltweit nach angeschlagenen Verlagshäusern um, wie ihr Präsident Li Pengyi stolz mitteilt.
Immer noch aber besteht ein großes Missverhältnis beim Copyright-Handel: Die chinesische Literatur kommt nicht recht an auf dem Weltmarkt. Allein aus Deutschland werden achtmal mehr Titel importiert, als man dorthin exportiert. Ökonomisch reicht der Verlagsbranche allerdings der enorme heimische Markt, denn Chinesen lesen, was das Zeug hält, stimuliert nicht nur durch bezahlte Rezensionen in Zeitungen (zehn Zeichen kosten die Verlage immerhin einen Euro), sondern vor allem durch Internet-Empfehlungen. Hochklassisches aber ist selten darunter. Der Anbieter Shanda etwa schaltet täglich achttausend lange, von Amateuren verfasste Romane auf seiner Internetseite frei. Zehn Millionen Leser lockt das an - jeden Tag. Einen anhaltenden E-Book-Boom erwartet auch der Vorsitzende der Plattform Founder. Den Preis für elektronische Bücher veranschlagt er mit zehn Prozent des Preises der Papierausgabe (der seinerseits nur zehn Prozent hiesiger Buchpreise beträgt): Undenkbar in Deutschland, aber in einem Markt, wo es allein dreihundert Millionen Internetnutzer gibt - samt Smartphone-Nutzern dürfte die Milliarde in naher Zukunft erreicht werden -, rechnet sich das Zwanzig-Cent-Buch eben doch.
Zensur - kein Problem
Auch klassische Häuser ernährt die gewaltige Nachfrage bestens: Chinas ältester Verlag, Commercial Press, hat in fünfzig Jahren allein vierhundert Millionen Exemplare seines Xinhua-Wörterbuchs verkauft. Spielend durchbricht heute jedes Teenagerbüchlein des androgynen Schönlings Guo Jingming die Millionengrenze, nicht anders die von Erfolgsverleger Jinbo Lu nach festen Formeln geplanten Mädchenromane. Und doch, so der Künstler Chen Danqing, einer der schärfsten Kritiker des politischen Establishments, möchte das Reich der Mitte unbedingt auch international reüssieren.
Es scheint also der goldrichtige Moment zu sein, sich als Gastland der Frankfurter Buchmesse der Welt zu präsentieren. Ein Wagnis ist das für alle Seiten, am meisten wohl für China selbst, denn mit energischen Protestaktionen von Menschenrechtlern ist zu rechnen. Dass man dieser Kollision nicht mehr aus dem Weg geht, sagt viel über das gewachsene Selbstbewusstsein Chinas aus. Das gilt nicht minder für den Empfang, den man jetzt den Vertretern des gesamten deutschen Feuilletons bereitet hat, die an einer vom Buchinformationszentrum Peking (BIZ), einem Außenbüro der Frankfurter Buchmesse, organisierten Pressereise teilnahmen. Allein dass die ansonsten hinter verschlossenen Türen agierende GAPP-Behörde Auskunft über ihr Tun gibt und sogar die Bezeichnung Falun Gong in den Mund nimmt (freilich um auszudrücken, was man niemals dulden werde), ist mehr als ungewöhnlich.
Fünf Tage lang wurden die wichtigsten Instanzen des chinesischen Kulturbetriebs abgeklappert: Intellektuelle, Verlage, Agenturen, Künstler, Autoren, Buchhändler, staatliche Verbände, Internetfirmen, Filmemacher, Museumsleiter. Stets sind es die höchsten Verantwortlichen, die sich Zeit für die europäischen Gäste nehmen. Eines ist Funktionären, Wissenschaftlern, Jungunternehmern und Künstlern gemeinsam und kann nicht gespielt sein: die euphorische Aufbruchstimmung. Auf die besorgten Fragen nach der Zensur erfolgt ein ums andere Mal die erstaunte Antwort, die bestehe eben, sei aber kein Problem. Man habe ja keine schmutzigen Absichten. Victor Koo, der Vorsitzende von Youku, dem chinesischen Pendant zu Youtube, präzisiert, auch die Werbeindustrie bevorzuge eine saubere Umgebung. Hat sich die Kreativindustrie wirklich mit der Überwachung angefreundet?
Keiner will Liu Xiaobo kennen
Nur ein kleiner Kreis älterer Intellektueller denkt offen anders. Scheinfreiheiten würden zugestanden, während die Situation immer bedrohlicher werde, und zwar, so der Literaturwissenschaftler Wang Hui mit Adorno, weil die allmächtige, unterhaltungszentrierte Kulturindustrie den öffentlichen Diskurs unmöglich mache. Tatsächlich wächst in China eine digital vernetzte, aber unpolitische Jugend heran, die sich für die großen Tabus - etwa Tiananmen, Tibet und Taiwan - kaum mehr interessiert. Beim führenden Internetportal des Landes, Sina.com, das allein zehn Millionen Blogs eine Heimat bietet und im Jahr 2008 einhundert Millionen Dollar Gewinn einfuhr, wie der Vorsitzende Cao Guowei vorrechnet, ist die Infantilisierung bis in die Großraumbüros vorgedrungen: Wagenladungen von Stofftieren sitzen auf den Tischen. Zwar gibt es mutige Blogs von Prominenten, jenen des Rennfahrer-Kultautors Han Han zum Beispiel oder den des Künstlers Ai Weiwei, der immer wieder einmal abgeschaltet wird, aber eine kritische Masse wird so offenbar nicht erreicht. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Sina ein einäugiges Maskottchen besitzt.
Auch auf dem Buchmarkt herrsche Entertainment vor, so die kritische Verlegerin Xu Xiao, aus dem einfachen Grund, dass man so ein wirtschaftlich ruinöses Verbot von vornherein ausschließe. Jedes Experiment ist in China ein Risiko. Von einer desaströsen Konformität spricht der Journalist Xu Zhiyuan daher. Dass mit den Behörden in puncto Menschenrechte keineswegs zu spaßen ist, wurde soeben wieder demonstriert. Noch während die Journalistendelegation im Land ist, lässt die chinesische Regierung den bereits seit sechs Monaten unter Hausarrest stehenden Bürgerrechtler und Präsidenten des PEN-Clubs, Liu Xiaobo, verhaften.
Bezeichnend ist es, wie ängstlich viele Funktionäre diesen Umstand kommentieren. Der einflussreiche Pekinger Literaturkritiker Li Jingze gibt an, er kenne den Mann wohl dem Namen nach, wisse aber nichts über die Sache selbst. Tie Ning, die Präsidentin des inzwischen vergreisenden chinesischen Schriftstellerverbands, die in Frankfurt die Eröffnungsrede der Buchmesse halten wird, versteigt sich gar zu der Behauptung, noch nie von Liu Xiaobo gehört zu haben. Gemeinsam mit GAPP entscheidet dieser Verband auch, welche Autoren in Frankfurt präsent sind. Zu Hause bleiben muss etwa Yan Lianke, den selbst der vorsichtige Li Jingze zu den stärksten Autoren Chinas rechnet: Wer zynisch über Sätze Mao Tse-tungs oder über einen vertuschten Aids-Skandal schreibt, gilt nicht als angemessener Repräsentant. Da nimmt man lieber epigonale Popsternchen mit, die auch optisch deutlich mehr hermachen.
Die große kulturelle Offensive
Aber das neue China ist natürlich mehr als Lifestyle. Der Wirtschaftsliberalismus nährt ein ziviles Freiheitsbedürfnis, das schnell ins Politische umschlagen kann, wenn es zu stark eingeschränkt wird. Am wenigsten zeigt sich das Politische wohl in der überregulierten Kunstform Literatur. Die Subkultur findet eher in der bildenden Kunst und in der Musik ihren Ausdruck. Die Alternative-Szene wächst, auch der Underground-Film: Soeben ging das halb geheime vierte Beijing Queer Film Festival zu Ende. Zugleich wächst unter Altkommunisten die Unzufriedenheit mit dem westlichen Weg, wie der große Erfolg des nationalistischen Buches Unhappy China verdeutlicht. Sollte sich diese Strömung eines Tages mit den alten Gegnern, den von der Kulturindustrie enttäuschten Intellektuellen, verbinden, könnte eine schlagkräftige, bedrohliche Bewegung entstehen.
Zunächst aber beginnt jetzt, ein Jahr nach den Olympischen Spielen, die große kulturelle Offensive Chinas, das seine Stimme in der Welt zu Gehör bringen will und dafür erstmals Kompromisse in Kauf nimmt: Die erste Station dieses Vorhabens heißt Frankfurt. So viel Bedeutung kam dem Ehrengastauftritt auf der Buchmesse noch nie zu. Man darf gespannt sein.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, Oliver Jungen