Frankfurter Buchmesse

Leser können Leben retten

Von Felicitas von Lovenberg

Das Gastland präsentiert sich

Das Gastland präsentiert sich

13. Oktober 2009 Bis vor einigen Tagen sah es so aus, als werde dies eine Buchmesse wie jede andere. Also das Jahrestreffen einer Branche, in der die Wirtschaftskrise mit einem Strukturwandel zusammenfällt und die versucht, ihre Angeschlagenheit durch Geschäftigkeit zu überspielen. Einzig das Gastland China, dessen Autorenauswahl schon im Vorfeld für Konfliktstoff gesorgt hatte, würde, so musste man annehmen, für eine politische statt lediglich ökonomische Dimension der weltgrößten Bücherschau sorgen.

Aber dann kam alles anders. Denn zwanzig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Sturz des Kommunismus in Europa erhält eine deutsche Schriftstellerin den Literaturnobelpreis, die in all ihren Romanen und Essays das Leben in einer Diktatur thematisiert. Groß ist die Freude über diese Nachricht, doch kann sich keineswegs die ganze deutschsprachige Literatur in dem Lob der schwedischen Akademie mitsonnen. Vielmehr ist die Entscheidung als Mahnung zu verstehen. Sie verändert Erwartungen - auch und gerade die an die diesjährige Buchmesse.

Zwar ist Herta Müllers Sprachmacht immer wieder gelobt und bewundert worden. Die Beharrlichkeit und nimmermüde Empörung jedoch, mit der die Berliner Autorin gegen die unmenschlichen Lebensbedingungen in dem Überwachungsstaat Ceausescus anschreibt, hat ihr in der deutschen Literaturkritik bisweilen den Vorwurf eingetragen, künstlerisch auf der Stelle zu treten. Zwischen den Zeilen der - zumeist westdeutschen - Rezensenten spürte man die Erwartung, die Schriftstellerin müsse sich doch irgendwann lösen können von der Erfahrung eines Lebens in ständiger Angst und sich neuen Themen zuwenden.

Es bedurfte der Ehrung aus Stockholm, die gerade in diesem Jahr der historischen Reminiszenzen als Ermutigung wider das Vergessen und Verdrängen verstanden werden muss, um auch im wiedervereinigten Deutschland daran zu erinnern, wie groß und wichtig Herta Müllers Lebensthema ist - und wie aktuell. Denn ihre Auszeichnung fällt mit dem Ehrengastauftritt eines kommunistisch geführten Landes zusammen, in dem die freie Meinungsäußerung keine Selbstverständlichkeit ist.

Nur theoretisches Wissen

Vom Leben in einem totalitären System hat heute, sechzig Jahre nach Gründung der Bundesrepublik, eine wachsende Mehrheit vor allem der Westdeutschen nur theoretisches Wissen. Um es erfühlen, gar nachempfinden zu können, brauchen wir Literatur wie jene Herta Müllers oder auch des letztjährigen Buchpreisträgers Uwe Tellkamp. Das Schlimmste, erzählt Herta Müller immer wieder, sei der Psychoterror gewesen. Zermürbender und angsteinflößender als die unangekündigten Verhöre, der Entzug des Arbeitsplatzes, die physischen Repressalien und die Androhungen noch schlimmerer Gewalt waren die subtilen Methoden der Einschüchterung. Von einem Fuchsfell, das in ihrer Wohnung in Temeswar auf dem Boden lag, trennten Handlanger der Securitate über Wochen heimlich den Schwanz, die Pfoten und zuletzt den Kopf ab. Die Wohnung bot keine Sicherheit mehr.

Ihre Kunst hat Herta Müller wahrscheinlich das Leben gerettet - weil sie ihr Aufmerksamkeit und damit Öffentlichkeit verschaffte. Als ihr Debüt „Niederungen“ 1984 in Deutschland erschien und man auf die junge Autorin aus dem rumänischen Banat aufmerksam wurde, musste dies dem Regime außerordentlich ungelegen kommen. Jemanden, der bekannt ist, kann man nicht leicht verschwinden lassen.

Öffentlichkeit gewährt Schutz. Davon sollten auf dieser Buchmesse auch jene Autoren profitieren, die ansonsten dem Druck der chinesischen Zensurbehörden ausgeliefert sind. Insofern ist die Messe nicht nur für China, das sich erstmals auf eine derartige kulturelle Großveranstaltung im Ausland einlässt, eine Bewährungsprobe, sondern auch für die deutschen Zuschauer. Denn sie müssen diese Sicherheitszone durch ihre Aufmerksamkeit erzeugen. Da die Gastlandauftritte der Buchmesse zwar aufwendige, doch meist wenig beachtete Inszenierungen sind, ist das nicht selbstverständlich.

Klaffende Lücke im Programm

Die Auszeichnung für Herta Müller macht eine klaffende Lücke im Programm noch auffälliger: dass das Jahr 1989 auf dieser Messe kaum eine Rolle spielt. Das offizielle China möchte an das Tiananmen-Massaker möglichst nicht erinnern. Aber warum sucht man im Programm der Messe vergeblich nach einer umfassenden Vergegenwärtigung der friedlichen Revolution in Deutschland und Europa?

Die Buchmesse ist ihrem Anspruch als Schauplatz einer kritischen Öffentlichkeit fast immer zu wenig gerecht geworden. Sogar 1989 - Gorbatschows Besuch in Ost-Berlin anlässlich des vierzigsten Geburtstags der DDR war da gerade eine Woche her - blieb die Schau stumm, ohne Anteilnahme an den Umwälzungen im Osten Europas.

Das Verkennen eines historischen Augenblicks sollte die Buchmesse sich nicht noch einmal in ihre Annalen schreiben lassen. Damit sie ihre Bedeutung in Zukunft nicht verspielt, muss sie sich nicht nur für die Vertriebswege und die Vermarktung jenes Mediums interessieren, dem sie sich verschrieben hat. Es geht nicht nur darum, in welcher Form - analog oder digital - Bücher in Zukunft publiziert werden, sondern auch darum, welche, wo und wie.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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