Buchmesse-Gastland China

Wir wussten, was kommt, und können viel erdulden

Von Mark Siemons

Chinas Auftritt bei der Buchmesse: eine Etappe der „Öffnung” des Landes zur Welt

Chinas Auftritt bei der Buchmesse: eine Etappe der „Öffnung” des Landes zur Welt

19. Oktober 2009 Auf Chinas Buchmessenauftritt gibt es zwei Perspektiven. Die eine beschäftigt sich mit Zensur und Propaganda, fragt danach, ob inmitten der massiven Präsenz des Pekinger Staatsapparats und dessen Öffentlichkeitsabteilungen überhaupt etwas von der Wirklichkeit des Gastlandes durchdringen konnte. In dieser Hinsicht sind die schlimmsten Befürchtungen nicht wahr geworden: Die westliche Öffentlichkeit wurde, anders, als manche im Vorhinein argwöhnten, von der chinesischen Propaganda nicht über den Tisch gezogen (man fragt sich jetzt allerdings auch, wie das hätte gehen sollen); sie wurde weder von den Vorteilen des Autoritarismus überzeugt noch in ihren Maßstäben von Meinungsfreiheit aufgeweicht. Regierungskritiker wie Ma Jian aus dem Londoner Exil oder Zhou Qing aus Peking kamen häufig zu Wort, auch auf direkt von der Buchmesse ausgerichteten Veranstaltungen.

Auch die Sorge einer Schwarzweißmalerei hat sich nicht bestätigt. Diskussionen etwa der Böll-Stiftung oder des Goethe-Instituts bildeten einige mit verblüffender Schärfe innerhalb Chinas, auch innerhalb staatlicher Institutionen, geführte Debatten ab. Und selbst in der Kommentierung der Messe kamen Chinesen zu Wort. In einem Internetprojekt der „taz“, das wegen der bezahlten Zusammenarbeit mit der Buchmesse innerhalb der Zeitung umstritten ist, schrieben Pekinger Journalisten anhand einzelner Veranstaltungen bisweilen umwegig, immer aber sehr kritisch über Missstände in ihrem Land.

Von Anfang an ein paradoxes Konzept

Man kann die Buchmesse aber auch unter dem denkbar größten Blickwinkel der chinesischen Geschichte betrachten. Dann ist sie eine Etappe der „Öffnung“ des Landes zur Welt, die das Programm nicht bloß der letzten dreißig Jahre Reformpolitik ist, sondern schon Anfang des vergangenen Jahrhunderts das große Thema der Modernisierungsbewegung vom 4. Mai gewesen war. Als Kaiserreich ruhte China bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein in sich selbst; zu anderen Ländern, denen es Tributleistungen abverlangte, pflegte es Beziehungen, die meistens nicht unfreundlich, aber vom Bewusstsein einer uneinholbaren eigenen Überlegenheit geprägt waren. Dieses Bewusstsein hatte durch die demütigende Konfrontation mit westlichen Mächten einen Knacks bekommen, den es bis heute nicht ganz verwunden hat. Die „Öffnung zur Welt“ war dann von Anfang an ein paradoxes Konzept, da das Lernen vom Ausland im Dienst des Projekts stand, „China zu retten“, wieder groß zu machen. Insofern war es für den chinesischen Staat jetzt ein neuer Schritt, seine Kultur auf einem internationalen Forum vorzustellen, das er nicht selber im Griff hat und das ihm gegenüber überwiegend kritisch eingestellt ist.

Die Frage ist, welche Schlüsse Peking nun aus den Debatten und Kontroversen der Buchmesse zieht. Ist sie der Ausgangspunkt einer weiteren Öffnung, die realisiert, dass man kulturelle „Soft Power“ in der Welt nicht erringen kann, wenn man Konflikte über sich verdrängt und zensiert? Oder führen die Kontroversen, denen sich China so ungeschützt wie selten ausgesetzt sah, zu einer Verzögerung in der kulturellen Öffnung, womöglich einem Rückzug?

„Wir wollen zeigen: Wir sind offen zur Weltkultur

Wir haben Wu Shulin danach gefragt, den für den Buchmessenauftritt zuständigen Vizeminister im „Amt für Presse und Publikationen“ Chinas. „Ich bin ganz zufrieden mit dem Verlauf der Buchmesse“, sagte Wu. „Alles, was passiert ist, haben wir uns schon vorher gedacht. Das macht nichts, das ist eher ein Ansporn, dass wir uns noch mehr zusammenschließen.“ Er zitiert eine historische Anekdote: „Einmal wurde ein Gesandter aus dem Staat Qi in den wohlhabenderen und mächtigeren Staat Chu geschickt. Er wurde dort schikaniert, und man ließ ihn nur durch eine Nebentür eintreten, aber er blieb dabei ganz gefasst und erwarb sich dadurch am Ende Respekt.“

Wu kritisiert, dass die deutschen Medien nur sehr oberflächlich über die Forumshalle berichtet hätten, in der China seine Kultur darstellte: „Schauen Sie sich die Halle an, dann wissen Sie, was wir hier wollten.“ Unter den vier programmatischen Punkten, die er dort dargestellt findet, streicht Wu vor allem das „Lernen von anderen“ heraus. „Wir wollen zeigen: Wir sind offen zur Weltkultur.“ Er verweist auf die zahlreichen Übersetzungen auch aus entlegenen Sprachen ins Chinesische und meint, es gebe wahrscheinlich kein anderes Land, das so systematisch und wahrheitsgetreu andere Kulturen bei sich bekannt mache. Wu zitiert den Kaiser Taizong aus der Tang-Dynastie: Wenn man eine andere Meinung hört, dann hat man eine klarere Sicht. Weitere Elemente der in der China-Halle dargestellten Kultur seien: die Tradition beleben, Innovation und Entwicklung sowie die leer gebliebenen Seiten in vielen der ausgestellten Bücher, was symbolisieren soll: China möchte seinen eigenen Weg weiterschreiben.

„Öffnung“ ist nach wie vor kein Selbstzweck

Die Offenheit zur Weltkultur ist aus der Sicht des chinesischen Staates also nach wie vor nicht so gemeint, dass er der internationalen Gemeinschaft die Diskussion seiner „inneren Angelegenheiten“ überlassen will. Das wird besonders deutlich bei der Frage, ob es nicht nachvollziehbar sei, dass auf einer Buchmesse über Meinungsfreiheit gesprochen werde, also auch über die, die am intellektuellen Dialog nicht teilnehmen können, weil sie zensiert oder inhaftiert wurden. „Wir wissen, dass es Probleme wie das der Pressefreiheit gibt“, sagt Wu. „Die werden wir nach Maßgabe unserer eigenen Gesetze und Bedingungen Schritt für Schritt lösen. Aber wenn sich ausländische Kräfte einmischen wollen, dann ist das nicht gut. Wir werden nicht nach den Gesetzen des Westens handeln.“

Es sei inakzeptabel gewesen, dass vor der Messe zwei einzelne Autoren der Öffentlichkeit als Vertreter von 1,3 Milliarden Chinesen präsentiert worden seien. Wu meint, es habe Erfindungen und Verleumdungen der Medien gegeben: „Mich lässt das kalt. Ich versuche es nur meinen Leuten zu Hause zu erklären.“ Mehrmals stellt er die Diskussionen der Frankfurter Buchmesse in einen epochalen Rahmen: „China hat eine fünftausendjährige Geschichte und eine dreitausend Jahre alte Schriftkultur. Chinesen können viel dulden und verstehen.“

Das Konzept der „Öffnung“ scheint sich für den chinesischen Staat also nicht grundlegend verändert zu haben. „Öffnung“ ist für ihn nach wie vor kein Selbstzweck, keine Integration in eine Menschheitsfamilie mit universellen Diskursregeln, die das eigene Interpretationsmonopol über das, was chinesisch ist, aufweichen könnten. „Durch die Öffnung wollen wir das Wohl des Landes befördern“, sagt Wu Shulin bündig. Aber vielleicht entwickelt die Öffnung, wenn sie fortgesetzt wird, eine eigene Dynamik, die am Ende auch die Konzepte mit sich reißt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Helmut Fricke

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