22. Oktober 2007 Die Exzellenzinitiative hat die deutschen Universitäten in Bewegung gebracht. Ob sie sich in die richtige Richtung bewegen, wird sich erst in fünf Jahren zeigen. Bis dahin kann jede der neun Hochschulen, die in einem zweistufigen Auswahlverfahren den Elite-Status erhielten, mit zusätzlichen Finanzmitteln in zweistelliger Millionenhöhe rechnen.
Es ist keine unter ihnen, die nicht schon vorher durch Forschungsstärke aufgefallen wäre, dennoch wird der Lorbeer, mit dem sie nun bekränzt wurden, auf Vorschuss vergeben: Belohnt wurden Antragsexzellenz und Forschungsvorhaben, deren Gelingen in den Sternen steht. Vorerst wurden Schaufensterpuppen ins Fenster gestellt. Jetzt gilt es, sie zum Leben zu erwecken.
Wider dem Modell der Volluniversität?
So engagiert sich die meisten Mitglieder der erfolgreichen Universitäten an der Vorbereitung der Exzellenzinitiative beteiligten, so überzeugend müssen sie nun die prämierten Ideen verwirklichen. Das wird unweigerlich zu Konflikten in den Universitäten, aber auch zu Schwerpunktbildungen führen, die dem von den meisten Gewinnern bevorzugten Modell der Volluniversität zuwiderlaufen könnten.
Wo etwa ein geisteswissenschaftlicher Forschungsverbund nicht genehmigt wurde, besteht die Gefahr, dass ein natur- oder lebenswissenschaftliches Übergewicht entsteht. Die Rektorate, die ihre neue Macht nicht zu autokratischen Durchgriffen missbrauchen sollten, müssen jetzt dafür sorgen, dass die Geisteswissenschaften - und zwar auch diejenigen, die nicht an interdisziplinären Projekten beteiligt sind - nicht zusätzlich dafür bestraft werden, dass sie mit relativ wenig Geld auskommen.
Insgesamt hat die zweite Runde der Exzellenzinitiative mehr geisteswissenschaftliche Vorhaben bewilligt als die erste. Es wird nun eine Konzentration der geisteswissenschaftlichen Projekte an der Berliner FU geben. Da der Ludwig-Maximilians-Universität in München das geisteswissenschaftliche Cluster verweigert wurde, gerät ihr Zukunftskonzept der Volluniversität in eine Schieflage. Ähnliches gilt für Freiburg, wo der rechtswissenschaftliche Forschungsverbund nicht bewilligt wurde. So plausibel es sein mag, den in der ersten Runde erfolgreichen Elitehochschulen kein zusätzliches Projekt zu gewähren, so fragwürdig sind die Wirkungen einer naturwissenschaftlich-technischen Konzentration der genehmigten Projekte an den beiden Münchner Universitäten.
Planwirtschaftliche Seite
Die daraus folgende langfristige Verschiebung der Fächerverteilung in Deutschland offenbart die planwirtschaftliche Seite der gesamten Exzellenzinitiative. Es wird der Eindruck erweckt, Wissenschaftsstandorte und Bildungslandschaften ließen sich am Reißbrett entwerfen.
Zu den bedenklichen Begleiterscheinungen gehört auch, dass Wissenschaftsorganisationen wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft und der Wissenschaftsrat eine Machtfülle erlangt haben, für die es - ungeachtet ihrer unbestreitbaren Verdienste - keine rechtliche Grundlage gibt. Sie verändern inzwischen die gesamte Bildungslandschaft.
Imposante Fassaden
Anstatt nun in falschem Aktionismus nach einer Verstetigung der Exzellenzinitiative zu rufen, wäre es klüger, mindestens fünf Jahre ins Land gehen zu lassen. Erst dann wird sich zeigen, was hinter den imposanten Fassaden hochstaplerischer Antragsexzellenz steckt: ob es sich um wissenschaftliche Hirngespinste handelte oder ob die Projekte die Forschung weitergebracht und zu ansehnlichen Ergebnissen geführt haben.
Hinter dem Ruf nach einer Verstetigung des Wettbewerbs steckt nicht nur der allzu offenkundige Trost für diejenigen, die es dieses Mal nicht geschafft haben, sondern auch das Misstrauen gegenüber der Offenheit eines Wettbewerbs, der immer dazu führt, dass manche sich als leistungsfähiger, andere sich als schwächer erweisen. Wer beobachtet hat, welche Auswirkungen die Vorbereitung der Exzellenzinitiative auf viele Spitzenforscher hatte, kann nur für eine Denkpause plädieren. Sie haben sich dem Diktat der Antragsformulierung gebeugt und mit Müh und Not noch ihre Lehrveranstaltungen gehalten. Ihre eigene Forschung mussten sie vernachlässigen.
Elitebildung beginnt immer unten
Wenn schon jeder Professor evaluiert und bewertet wird, muss das auch für die Exzellenzinitiative gelten. In fünf Jahren muss es eine externe Bewertung des Verfahrens und der bewilligten Vorhaben geben. Erst dann ist ein zweiter Exzellenzwettbewerb sinnvoll. Denn es muss möglich sein, Anträge für die Weiterfinanzierung der jetzt bewilligten Projekte zu stellen, ansonsten handelt es sich erst recht um punktierte Soufflés.
In der Zwischenzeit wäre es gut, sich daran zu erinnern, dass Elitebildung immer unten und in der Breite beginnt - in der Vorschule, in der Schule, in den ersten Semestern. Stattdessen träumt der Berliner Wissenschaftssenator von einer Supra-Universität aus den drei Berliner Hochschulen, weil er nicht wahrhaben will, dass es in Berlin eine Elite-Hochschule gibt. Es bleibt nur zu hoffen, dass das Bundesbildungsministerium nicht so verwegen ist, wieder die alte verfehlte Vorstellung der früheren Bundesbildungsministerin Bulmahn von zwei oder drei nationalen Vorzeigeuniversitäten aufzugreifen und diese über die Elitehochschulen hinauszuheben.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa, F.A.Z.