Von Joachim Müller-Jung
09. Mai 2007 Zum ersten Mal seit der Verabschiedung des Stammzellgesetzes vor fünf Jahren wird man sich am heutigen Mittwoch auf einer Anhörung des Forschungsausschusses wieder im Bundestag mit einer Frage beschäftigen, die fast alle maßgeblichen Forschungsinstitutionen des Landes im Grunde seit ebenjenem Beschluss umtreibt: der Frage nach einer Lockerung der Regeln im Umgang mit den ethisch umstrittenen embryonalen Stammzellen des Menschen.
Die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina brachte das kürzlich auf die Kurzformel: Zulassung des Imports neuer Stammzell-Linien und damit Abschaffung des Stichtags, Forschung auch jenseits der Grundlagenforschung und Abschaffung der Strafvorschriften für Wissenschaftler, die im Ausland mit hierzulande verbotenen Stammzell-Linien arbeiten oder an solchen internationalen Projekten beteiligt sind.
Blutbildende Vorläuferzellen
Es geht dabei um Arbeiten mit Zellen, wie sie etwa in der Online-Ausgabe der Zeitschrift "Nature Methods" (doi:10.1038/NMETH1041) vom Montag gepriesen werden. Robert Lanza von der amerikanischen Firma ACT beschreibt darin mit Forschern des Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York die Herstellung von funktionstüchtigen blutbildenden Vorläuferzellen und von Endothelzellen, die für die Gefäßbildung etwa nach einem Herzinfarkt entscheidend sind. Ihre in der Petrischale aus embryonalen Stammzellen des Menschen erzeugten Hämangioblasten - die embryonalen Urzellen des Blutkreislaufs - erwiesen sich als ideale Vorläuferzellen.
In kranke Mäuse transplantiert, übernahmen sie die gewünschte Funktion bei der Gefäßreparatur. Als ebenso funktionstüchtig, wenn auch vorerst ausschließlich in der Petrischale, erwiesen sich die in einem etwas komplizierteren Herstellungsverfahren aus embryonalen Stammzellen gewonnenen Leberzellen, über die David Hay von der kalifornischen Firma Geron kürzlich in der Zeitschrift "Cloning and Stem Cells" (Bd. 9, S. 51) berichtete.
Stichtag auf Prüfstand
In beiden Fällen, bei den Gefäßvorläufern wie bei den künstlichen Leberzellen, ließe sich die schon vor fünf Jahren immer wieder vorgebrachte Frage stellen, weshalb man sich nicht auf die ethisch unbedenklichen Reservoire des Körpers - die adulten Stammzellen - konzentriert. Was die Infarkttherapie angeht, könnte man sogar auf zahlreiche klinische Experimente mit nun schon weit mehr als tausend Patienten verweisen, in denen Knochenmark-Stammzellen verwendet wurden. Tatsächlich lassen die amerikanischen Wissenschaftler auch solche Fortschritte nicht unerwähnt. Immer wieder jedoch und mit wachsender Begeisterung kommt man in dem Forschungsgebiet offenbar auf die embryonalen Stammzellen zurück - ausgenommen in Deutschland.
Peter Löser vom Robert-Koch-Institut in Berlin hat zusammen mit Anna Wobus vom IPK Gatersleben in der "Naturwissenschaftlichen Rundschau" (Bd. 60, S. 229) mit beeindruckendem Zahlenmaterial aus der ganzen Welt deutlich gemacht, dass die deutsche Forschung mit erst 11 von 500 Publikationen auf diesem Gebiet längst im Abseits steht. Von den vorwiegend in den vergangenen beiden Jahren erzeugten weltweit mindestens 507 embryonalen Stammzell-Linien können deutsche Forscher nicht einmal zwei Dutzend nutzen. Alle anderen sind nach dem Stichtag 1. Januar 2002 hergestellt worden. Darunter vor allem auch jene im vorigen Jahr erst bekanntgewordenen Zell-Linien, die ohne jegliche tierischen Anteile im Nährmedium kultiviert werden und deshalb als Meilenstein für die medizinische Forschung angesehen werden. Ob die deutschen Stammzellforscher noch auf diesen Zug aufspringen dürfen, ist fraglich. Anhalten wird er für sie nicht, er nimmt gerade richtig Fahrt auf.
Text: jom / F.A.Z., 09.05.2007
Bildmaterial: dpa