Von Wulf Schmiese, Heiligendamm
09. Juni 2007 Die großen acht haben sich frischgemacht, haben sich in ihren weißen Palästen ihre Hemdkragen aufgeknöpft, haben das Sommersakko angelegt, haben schon am zweiten Abend der drei Tage an der Ostsee den Höhepunkt ihres Gipfeltreffens überschritten. Nun kommen sie alle zum Sunsetdrink hinaus in die klare Luft. Die Abendsonne wärmt die Terrasse neben dem Kurhaus im Ostseebad Heiligendamm.
Die Gastgeberin wartet mit einem Glas Riesling in der Hand. Ihre mächtigsten sieben Freunde nennen sie nur noch Angela. George Bush tritt als Erster zu ihr, bestellt ein alkoholfreies Bier. Tony Blair kommt hinzu, will eigentlich nichts trinken, bestellt aber schließlich doch etwas - ein richtiges Bier aus der Flasche.
Der Aktendeckel bleibt zu
Die drei nehmen Platz; die Dolmetscherin von Bundeskanzlerin Merkel zieht sich zurück an den Nebentisch und schweigt. Sie hat nichts zu übersetzen, ihre Chefin, Amerikas Präsident und Großbritanniens Premierminister reden Englisch miteinander. Da lugt Romano Prodi wie ein verirrter Strandvogel über einen Windschutz. Ach, da sitzen sie. Seine Leute zeigen ihm den Weg auf die Terrasse. Frau Merkel blinzelt ihm entgegen, unwirsch blickt sie gegen die Sonne. Prodi hat Papiere dabei, eine Aktenmappe.
Eigentlich ist doch alles Wichtige besprochen. Selbst zu Afrika wurde eben während des Abendessens eine gemeinsame Linie für den Freitag festgelegt: Die G 8 will verkünden, sie gebe 60 Milliarden Dollar zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria. Das klingt zumindest spendabel, auch wenn noch niemand festlegen muss, bis wann er wie viel und welches Geld gibt, ob neues oder längst daheim im Haushalt für Entwicklungshilfe eingeplantes. Prodi hatte sich dennoch bei diesem Thema anfangs halsstarrig gezeigt. Nun hebt auch er sein Bier, der Aktendeckel bleibt zu.
In Sibirien ist es sowieso viel zu kalt
Während Prodi mit großen Gesten seine italo-englischen Worte untermalt, erscheint José Barroso, eine Flöte Champagner in der Hand. Barroso hat die meisten Pressekonferenzen gegeben an diesem Tag, obgleich er gar nicht viel zu sagen hat. In Heiligendamm darf der fröhliche Portugiese dabei sein, weil er Präsident der Europäischen Kommission ist. Klimaschutzabkommen - da ist die EU gefragt.
Aber Barroso hat keine eigene Volkswirtschaft, keinen eigenen Haushalt - er ist keine Macht der G 8, die ja auch G 9 heißen müsste, wenn er das wäre. Hin und wieder versucht er sich einzumischen in das Gespräch. Zur Aufheiterung erzählt Barroso gerne Geschichten wie diese: Putin habe gesagt, ihm käme der Klimawandel ganz gelegen. In Sibirien ist es sowieso viel zu kalt. Hahaha. Aber hier hören die vier anderen Barroso nicht zu; links von ihm plaudert Frau Merkel mit Bush, rechts Prodi mit Blair.
Schwieriger Patient aus Kananda
Barroso bestellt noch ein Flötchen Champagner, da erscheint Stephen Harper. Er ist der Größte von allen, mit 47 Jahren der Jüngste und wirkt wie der Scheuste. Seit einem guten Jahr regiert er Kanada. Dort wird ihm, dem ausgemacht Konservativen, vorgeworfen, sein Land zu stark auf den Kurs Amerikas bringen zu wollen.
Harper lehnt wie Bush das Kyoto-Protokoll ab. Er galt auch Frau Merkel als schwieriger Patient wegen seiner rigorosen Ablehnung, sich Ziele für den Klimaschutz diktieren zu lassen. Hier in Heiligendamm jedoch war sein Widerstand schon gebrochen: Die Bundeskanzlerin hatte Harper am Montag in Berlin zum Einzelgespräch empfangen. Am Dienstag folgte Shinzo Abe, der erst seit acht Monaten Ministerpräsident von Japan ist.
Er hat sich ganz schön wichtig gemacht
Abe tritt mit leichter Verbeugung an den Teakholztisch, die anderen plaudern lebhaft weiter. Im Schatten des stillen Herr Abe folgt ein Dolmetscher, ein Mann mit Brille und festem Grinsen. Auf den ersten Blick schaut er aus wie Kim Jong Il. Abe nippt an einem Wasserglas und lächelt. Unentwegt flüstert ihm sein Übersetzer mit der hochstehenden Frisur ins Ohr. Abe nippt am Wasser und lächelt mal nach links, mal nach rechts, mal noch vorn. Es ist schon nach acht, da kommt endlich der jüngste Neuling im Klub: Nicolas Sarkozy.
Ständig zeigte er sich heute am Mobiltelefon. Selbst auf dem Weg zum sogenannten Familienfoto am Vormittag, zu dem alle lässig über den Rasen schritten und sich für einige Schüsse der Weltpresse aufreihten, hatte er sein kleines Telefon am Ohr und schaute dabei keck die Kollegen an. Er reichte es an Putin weiter, als wolle er irgendwem beweisen, dass er nun wirklich hier mit den anderen über den Rasen läuft.
Später stand Sarkozy den französischen Medien Rede und Antwort, mehr Rede als Antwort. Oh, es sei nicht einfach gewesen, très difficile vor allem der Klimaschutz. Er hat sich ganz schön wichtig gemacht, sagt ein französischer Journalist danach. Er wollte den Eindruck vermitteln, als habe letztlich er Bush zum Klimakompromiss mit den Vereinten Nationen bewegt.
Verlegene Theaterbesucher
Schmal und klein wie ein Junge am Tisch von Erwachsenen sitzt Frankreichs Präsident nun auf dem breiten Holzstuhl neben dem Riesen Harper. Sarkozy hat auch seine Übersetzerin dabei. Er wendet sich jedoch Barroso zu, der Französisch spricht und ganz glücklich scheint, hier am Tisch endlich einen Gesprächspartner gefunden zu haben.
Die Sherpas betreten die Terrasse, meist Männer im Rang von Staatssekretären. Der Deutsche Bernd Pfaffenbach führt sie an. Als Chefunterhändler haben sie das Gipfeltreffen ein Jahr lang vorbereitet. Sie haben die großen Themen gesetzt sowie die ganzen kleinen Details besprochen, untereinander ausgelotet, wieweit ihre Chefs hier mitgehen können und wo sie dort gewiss stehenbleiben würden.
Die eigentlichen Wirtschaftsfragen dieses Weltwirtschaftsgipfels - zu Hedge-Fonds, Produktpiraterie, grenzüberschreitenden Investitionen - waren vor Beginn des Treffens weitgehend von den Sherpas in Schlussdokumenten schon beantwortet worden. Nun drücken sich die fleißigen Herren vorbei an ihren Vorgesetzten, verlegen lächelnd wie Theaterbesucher, die sich durch die falsche Reihe schieben. Sie suchen weiter hinten Platz.
Leichte Magenverstimmung
Wladimir Putin taucht ganz in Schwarz auf. Für ihn gibt es keinen Drink, denn es ist höchste Zeit. Gang zur Seebrücke haben die Choreographen sich für 20.30 Uhr ausgedacht. Die Möwen kreischen, und unzählbare Schwalben umschwirren ihre Nester hoch oben an Masten, die ringsum auf dem Hotelgelände stehen.
Frau Merkel leitet ihre Gäste direkt zum Strand. Nein, nicht hier entlang, wird ihr beschieden vom Protokoll und auf die Brücke gewiesen. Sie redet mit Putin. Bei guter Stimmung spricht er Deutsch mit ihr, bei schlechter Russisch. Auf den Bohlen des ältesten Seebades des Landes scheint allen nach Deutsch zumute.
Putin hat vorhin Bush überraschen können mit seinem Vorschlag, das Raketenabwehrsystem als gemeinsames Projekt in Aserbaidschan an der iranischen Grenze zu stationieren. Interesting fand das Bush. Immerhin. Allerdings sollte er am kommenden Morgen einige Stunden fehlen und als Grund leichte Magenverstimmung mitteilen lassen. Sollte ihn Putin am Vortag geärgert haben? Unbeweglich blieb Putin dagegen in seiner Haltung, dem Kosovo keine Unabhängigkeit gewähren zu wollen. Die sieben anderen wollen das unbedingt. Doch sie laufen traut mit Putin die 200 Schritt über die Seebrücke, lachen, zeigen hierhin und dorthin, legen einander Hände auf Arme und Schultern.
Japanische Journalisten auf See
Ja, man kann diesen G-8-Gipfel einen großen Erfolg nennen, sagt der Reporter des kanadischen Fernsehsenders CTV live in die Kamera. Hinter ihm ruht The Baltic Sea, wie man in seiner fernen Heimat die Ostsee nennt. Yes, sagt er noch, Premierminister Harper sei ein wichtiger Vermittler gewesen in der Klimafrage.
Daneben haben sich die Japaner aufgebaut vom Sender NHK. Am ersten Tag noch waren sie ganz empört und ungehalten. Ausgerechnet als ihr Premier Kobe zur Presse sprach, dümpelten alle japanischen Journalisten auf offener Ostsee vor Heiligendamm. Denn Gipfelgegner hatten die kurze Strecke der Molli-Schmalspurbahn blockiert, die den Medientross nach Heiligendamm bringen sollte.
Also gab es nur noch den Seeweg. Jetzt aber wirkt Japans Fernsehmann ganz begeistert. Bush, Putin und Merkel verkündet er eifrig nickend in den japanischen Freitagmorgen, sowie natürlich ganz oft Shinzo Abe. Auch er hat ganz gewiss maßgeblich zur Einigung im Klimastreit beigetragen. Dann verschwindet die Sonne im Meer von Heiligendamm. Blaue Stunde nennen Fotografen eine wie diese, des milden und doch klaren Lichts wegen. Es taucht die Welt in ganz eigentümliche Stimmung. Alles wirkt so friedlich.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AFP, reuters