Gordon Brown

Der ewige Zweite

Von Gina Thomas, London

06. Mai 2005 Elf Jahre sind vergangen seit jenem Abend, an dem zwei ehrgeizige junge Labour-Politiker in einem Lokal im Norden Londons ein Abkommen trafen, das seine Folgen haben sollte.

Die Begegnung ist längst in die Mythologie der Partei eingegangen, und es ist denkbar, daß eines Tages eine Tafel verkünden wird: „Hier einigten sich am 31. Mai 1994 Tony Blair und Gordon Brown über die Zukunft der Labour Party.“

Pakt zwischen zwei Abgeordneten

Es gibt unterschiedliche Darstellungen dessen, was tatsächlich im Restaurant Granita vorgefallen ist. Im wesentlichen ging es um einen Pakt zwischen zwei Abgeordneten, die nach dem Führungsposten der Labour Party trachteten. Gordon Brown, so heißt es, habe Tony Blair den Vortritt gelassen und im Gegenzug absolute Freiheit in der Gestaltung der Wirtschafts- und Finanzpolitik verlangt.

Ferner soll Blair zugesichert haben, daß er in absehbarer Zeit die Staffel weiterreichen werde. Für den weiteren Verlauf zählt die Wahrnehmung Browns, der, je länger Blair den Zeitpunkt seines Gehens hinausschob, Verrat witterte. Die Kluft zwischen den beiden ist immer größer geworden, so daß die traute Zweisamkeit, die sie jetzt in einem Werbespot vorspielten, manchen wie blanker Hohn vorkommt.

Es ist auch bezeichnend, daß Blair eine Abwesenheit Browns ausnutzte, um im Herbst vergangenen Jahres zu verkünden, er wolle die Geschäfte bis weit in eine dritte Legislaturperiode führen. Brown erfuhr erst nach der Landung in Washington von dem Coup.

„Psychologisch fehlerhaft“

Hinter der mürrischen Maske des biederen Schotten gärt Verbitterung. Während sich Brown schmollend in den Mauern des Schatzamtes verschanzte und stur die Hoheit über sein Terrain behauptete, mimte Blair den Unschuldigen. Schließlich ist er der „geradlinige Kerl“, dem man doch vertrauen könne.

Hinter den Kulissen aber geht es zu wie zwischen Prinz Charles und Diana, als ihre Ehe in die Brüche ging und der eine wie die andere Indiskretionen an die Öffentlichkeit tragen ließ, um das Bild zu manipulieren. Aus dem Blair-Lager sickerte durch, der Premierminister halte seinen Widersacher für „psychologisch fehlerhaft“. Und irgend jemand aus der inzestuösen Gerüchtewelt Westminsters weiß zu berichten, Brown sage dem Freund von einst regelmäßig ins Gesicht, er glaube ihm kein Wort mehr.

Shakespearesche Tragödie

Gordon Browns politische Karriere ist mitunter als Shakespearesche Tragödie bezeichnet worden. Er sei, in den Worten eines Mitspielers, „wie der Kerl, der denkt, daß er König wird, aber die Krone nie erhält“. Jedesmal, wenn das Ziel in absehbarer Nähe zu sein scheint, rückt es wieder weiter weg. In der Tat liefert das Verhältnis zwischen Premierminister und Schatzkanzler den Stoff, aus dem Theaterstücke sind.

Das Drama beginnt 1983 mit der Ankunft von zwei frischgewählten Labour-Abgeordneten in Westminster. Sie stammten beide aus Schottland, doch lagen Welten zwischen Blairs Ausbildung in einem privaten Internat und in Oxford und dem Aufstieg Gordon Browns, der - 1951 geboren - in Kirkaldy, der Geburtsstadt Adam Smiths, aufwuchs, wo sein Vater presbyterianischer Pastor war, und schon mit sechzehn Jahren in Edinburgh sein Geschichtsstudium antrat.

Ungerechtigkeit beseitigen

Die Kindheitsjahre waren eine Zeit des wirtschaftlichen Rückgangs, und die Armut, die er in seiner Kindheit sah, hat das tiefe Sozialbewußtsein geweckt, das Gordon Brown von vielen New-Labour-Politikern unterscheidet.

Mit seiner Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit steht er dem Geist der alten Labour-Bewegung näher als dem Pragmatismus Blairs - obgleich er als Schatzkanzler eine Politik verfolgt hat, deren Ziel es ist, die Ungerechtigkeit zu beseitigen, ohne den Reichen an den Kragen zu gehen.

Den alten Idealen verhaftet

Sozialist zu sein und zugleich glaubwürdig: Das sah Gordon Brown schon vor vielen Jahren als die eigentliche Herausforderung der Politik links der Mitte. Wie sehr er den alten Idealen verhaftet ist, zeigt neben seiner Steuer- und Sozialpolitik vor allem die Intrige gegen die von Blair gutgeheißenen Studiengebühren und die Teilprivatisierung der Krankenhäuser.

„Die Labour Party“, verkündete er beim Parteitag von 2003 in einer feurigen Rede, die allgemein als Versuch interpretiert wurde, seinen Führungsanspruch geltend zu machen, „ist am stärksten, wenn wir am kühnsten sind, am stärksten, wenn wir vereint sind, und am stärksten, wenn wir Labour sind.“ Der nackte Begriff Labour, der so lange Assoziationen mit übermächtigen Gewerkschaften, hoher Besteuerung und roten Zahlen weckte und von den schnittigen New-Labour-Leuten fast als ein Schimpfwort verstanden wurde, fiel 64 mal in der Rede.

Verhältnis zu Blair hoffnungslos zerrüttet

Zu dem Zeitpunkt war das Verhältnis zu Tony Blair schon hoffnungslos zerrüttet. Aber das war nicht immer so. Die beiden teilten am Anfang ihrer politischen Karriere ein Büro und schienen sich bestens zu ergänzen. Während der arbeitswütige Brown, von dem ein Zeithistoriker bemerkte, er sei auf dem gesellschaftlichen Parkett so versiert wie eine Wellhornschnecke, an der Formulierung der künftigen Wirtschaftspolitik feilte, pflegte der umgängliche Blair die Meinungsmacher in den Medien. Beide verfolgten dasselbe Ziel: Labour wieder salonfähig zu machen.

Und beide stiegen in der Hierarchie der Oppositionspartei auf und kamen allmählich als künftige Premierminister ins Gespräch. Brown, so stellen es seine Leute dar, habe die Nase so tief in die Akten gesteckt, daß ihm entging, wie geschickt sich der Freund einen Vorsprung verschafft hatte, als Labour nach dem Tod von John Smith einen neuen Parteiführer suchte.

Große Hoffnung der Alt-Labour-Anhänger

Brown mußte sich mit dem zweiten Platz abfinden. Allerdings sorgte er fünf Tage nach dem Wahlsieg von 1997 für einen spektakulären Coup, den manche als das positivste Vermächtnis der Labour-Regierung werten: die Entlassung der Bank von England in die Unabhängigkeit. Damit verschärfte Brown gleich zu Beginn sein Profil.

Seither hat er auf Kosten Blairs zusehends daran gefeilt. Mitunter könnte man sogar meinen, sein schlechtes Gewissen habe den Premierminister in eine seltsame Abhängigkeit gegenüber seinem Schatzkanzler gebracht. In einem wichtigen Punkt hat sich Brown, nicht ohne Gerissenheit, gegen Blair durchgesetzt: Der Beitritt zum Euro wird von wirtschaftlichen Kriterien abhängen - nicht von politischen Visionen. Seine Strategie der sozialen Umverteilung behagt dem Premierminister freilich weniger als den Alt-Labour-Anhängern, die Gordon Brown als ihre große Hoffnung sehen.

Blair kommt ohne Brown nicht aus

Kein Schatzkanzler der Nachkriegsgeschichte hatte so viel Macht, keiner hat es gewagt, seine Haushaltspläne bis zuletzt vor dem Premierminister zu verbergen, keiner ist so lange im Amt geblieben. Es gab eine Zeit, in der Gordon Brown erwog, dem erbitterten Zweikampf zu entgehen und die Leitung des Internationalen Währungsfonds zu übernehmen.

Und es gab Zeiten, in denen Blair mit dem Gedanken spielte, den Schatzkanzler durch die Entsendung ins Außenministerium kaltzustellen. Aber Blair weiß, daß er ohne Brown nicht auskommen kann, zumal jetzt, da seine Integrität wegen des Irak-Krieges zunehmend in Frage gestellt wird. Er hat dem Schatzkanzler im Falle eines dritten Wahlsieges am 5. Mai das Verbleiben im Schatzamt so gut wie garantiert.

In den letzten Wochen wirkte Gordon Brown sehr entspannt. Aber eine Woche ist, wie Harold Wilson zu sagen pflegte, in der Politik eine lange Zeit, und es ist keineswegs auszuschließen, daß Gordon Brown als einer der Anwärter in die Geschichte eingehen wird, denen der erste Preis entgangen ist.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.05.2005, Nr. 17 / Seite 12
Bildmaterial: REUTERS

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche