Von Werner Adam
28. Dezember 2007Nicht ich habe mir dieses Leben ausgesucht, es wählte mich aus. Das hier mitschwingende Pathos in Benazir Bhuttos Autobiographie Tochter des Ostens hat durch ihre Ermordung einen tragödienreifen Ausklang erfahren. Der Satz war indes bezeichnend für die von ihr wie von ihrem achtundzwanzig Jahre zuvor durch den Tod am Strang aus dem Leben geschiedenen Vater Zulfikar Ali Bhutto: Beide waren von missionarischer Vorbestimmung beseelt und leiteten daraus gleichsam ein Geburtsrecht auf die politische Führung Pakistans ab. Dazu passte, dass sich Benazir Bhutto vor der Heimkehr aus jahrelangem, von den Militärs erzwungenem Exil ausdrücklich zur Vorsitzenden der Pakistanischen Volkspartei (PPP) auf Lebenszeit ausrief.
Die nach wie vor stärkste Partei des Landes steht nun umso führungsloser da und wird wohl zwangsläufig in den Sog interner Machtkämpfe geraten. Gegründet worden war die PPP vor genau vierzig Jahren von Zulfikar Ali Bhutto als eine Art Protestbewegung gegen den damaligen Militärherrscher Ayub Khan. Obwohl Letzterer im Grunde sein politischer Ziehvater gewesen war und ihn 1963 im Alter von 35 Jahren zum Außenminister ernannt hatte, wandte sich Bhutto 1967 von seinem Förderer ab. Der Grund: Ayub Khan hatte nach dem Kaschmir-Krieg im Jahre 1965 gegen den Willen Bhuttos durch sowjetische Vermittlung in Taschkent ein Friedensabkommen mit dem indischen Premierminister Lal Bahadur Shastri geschlossen (der seinerseits noch am Verhandlungsort einem Herzleiden erlag).
Die PPP erhielt damals, von antiindischen Parolen ihres Vorsitzenden angefeuert, großen Zulauf. Er kam nicht zuletzt aus dem Punjab, der größten Provinz Pakistans, was insofern keineswegs selbstverständlich war, als Bhutto, aus dem Sindh stammend, für viele Punjabis gewissermaßen ein ungeliebter Fremdling war. Sein Vetter, Mumtaz Ali Bhutto, der sich zunächst ebenfalls um die Gründung der PPP verdient gemacht hatte, sollte die Vorurteile der Punjabis gegen die Sindhis alsbald bestätigen. Er überwarf sich mit Zulfikar Ali Bhutto, stellte sich an die Spitze einer sogenannten Nationalfront der Sindhis und rief die drei übrigen Provinzen des Landes - eben den Sindh, Baluchistan und die von Paschtunen besiedelte Nordwestliche Grenzprovinz - zum Kampf um mehr Autonomie und gegen die vermeintliche Dominanz der Punjabis auf.
Diese Spannungen haben seither eher noch zugenommen und lassen den Zusammenhalt der Atommacht Pakistan alles andere als gewährleistet erscheinen. Zwar konnte sich die PPP unter Benazir Bhutto als stärkste Partei behaupten, weil sie ziemlich geschlossen gegen die Militärherrschaft stand und mit der attraktiven, rhetorisch überaus begabten Exilpolitikerin über eine herausragende Vorsitzende verfügte.
Die traditionsreichere Pakistanische Muslim-Liga (PML) hingegen ließ sich von General Pervez Musharraf, dem Staatspräsidenten neuerdings ohne Uniform, auseinandermanövrieren. Ein Teil stellte sich dem General als parlamentarische Fassade zur Verfügung, während der andere, zahlenmäßig stärkere weiterhin zu dem aus dem Punjab stammenden Nawaz Sharif steht. Er ist nach der Ermordung seiner jahrelangen Rivalin Benazir Bhutto zumindest dem gegenwärtigen, freilich höchst konfusen Erscheinungsbild nach zur oppositionellen Führungsfigur des Landes geworden. Allerdings gilt das in erster Linie für seine Heimatprovinz Punjab.
Dagegen geben in den eigentlichen, weil von militanten Islamisten heimgesuchten Krisenprovinzen Baluchistan und Nordwestliche Grenzprovinz religiöse Parteien den Ton an, die in ihrer Zusammensetzung ebenfalls ein Produkt der Militärherrschaft sind: die Allianz der Muttahida Majlis-i-Asmal. Sie regieren längst mehr oder weniger autonom, wie es Mumtaz Ali Bhutto gepredigt hat, im Gegensatz zu dessen Vorstellungen freilich immer strenger nach den Regeln der Scharia.
Nach ihrem Wiedererscheinen auf der politischen Bühne Pakistans war allerdings auch Benazir Bhutto selbst in der eigenen Partei keineswegs auf ungeteilte Zustimmung ihres Vorgehens gestoßen. Nicht wenige ihrer Anhänger nahmen Anstoß daran, dass sie sich - nicht zuletzt auf Drängen Washingtons - auf Absprachen mit General Musharraf über eine mögliche Teilung der künftigen Macht eingelassen hatte. Sie suchte das zunächst damit zu rechtfertigen, dass Verhandlungen noch keine Zusammenarbeit bedeuteten, es aber wichtig sei, gemeinsam dem Treiben der islamistischen Terroristen ein Ende zu setzen. Doch als Musharraf dann wenige Tage nach ihrer Rückkehr aus dem Exil den Ausnahmezustand verhängte, gab Benazir Bhutto dem Druck ihrer Partei nach und ließ wissen, jeder, der sich länger mit dem General einlasse, drohe verseucht zu werden.
Was aus der größten, im Kern säkular ausgerichteten Partei des Landes nun werden wird, steht in den Sternen. Benazir Bhutto, die Vorsitzende auf Lebenszeit, sprach in den letzten Tagen und Wochen zwar prophetisch-märtyrerhaft immer wieder von der Gefahr für ihr Leben, hielt es aber offenbar für gänzlich unzeitgemäß, sich Gedanken über eine Nachfolge in der Führerschaft ihrer Partei zu machen. Fänden PPP und die Muslim-Liga Nawaz Sharifs zusammen, könnte daraus unter den gegenwärtigen Umständen wohl noch am ehesten ein halbwegs demokratischer Rettungsanker für Pakistan werden. Doch das mutet wie Wunschdenken an, von den Unwägbarkeiten, die von den Militärs und dem beklemmenden Potential des militanten Islamismus im Lande ausgehen, gar nicht zu reden.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP