Obamas Asienbesuch

Kommunikationstalent prallt auf chinesische Mauer

Von Till Fähnders, Peking

Rund 500 Studenten hatten die Erlaubnis, Fragen an Obama zu stellen

Rund 500 Studenten hatten die Erlaubnis, Fragen an Obama zu stellen

16. November 2009 Amerikas Präsident Obama suchte bei seinem ersten Besuch in der Volksrepublik China den Dialog mit chinesischen Studenten. Er wollte sein Kommunikationstalent ausspielen, die - höchstwahrscheinlich von der Regierung handverlesenen - jungen Leute mit Charme und politischen Visionen auf seine Seite ziehen. Das Treffen nutzte er auch, um die Achtung „universeller Rechte“ einzufordern und sich gegen eine Zensur des Internets auszusprechen. Die Äußerungen waren als indirekte Forderung an die chinesische Führung gedacht, die zahlreiche Internetseiten blockiert und wegen der mangelnden Achtung der Menschenrechte in der Kritik steht.

Als Ort für das Zusammentreffen hatten Diplomaten die moderne Metropole Schanghai ausgewählt, in der im kommenden Jahr die Expo stattfinden wird. Im Museum für Wissenschaft und Technik saßen dort am Montag etwa 500 Studenten, aufgeregt und hübsch zurechtgemacht, auf ihren Polsterstühlen, um dem (noch?) mächtigsten Mann der Welt ihre (vorgefertigten?) Fragen zu stellen. Doch die ausgewählten Studenten reagierten bisweilen nachher sogar recht frostig auf die Versuche des amerikanischen Präsidenten, der seine Kritik vorsichtig in Lob, Annäherung und Bescheidenheit verpackte.

Frostige Reaktionen der Studenten

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Als erster erteilte Obama, der sich selbst als Moderator betätigte, einer jungen Chinesin das Wort, die, wie sie sagte, die bekannte Fudan-Universität in Schanghai besucht. Die junge Frau wollte die Meinung des Präsidenten zur Städtepartnerschaft zwischen Schanghai und seiner Heimatstadt Chicago wissen. Obama nutzte den Moment, um über mögliche Kooperationen Chinas und Amerikas bei der Nutzung sauberer Energien und mehr Klimaschutz zu sprechen. Es folgte Frage auf Frage, die jeweils so gestellt - und beantwortet - wurden, dass es auch der chinesischen Führung mehr oder weniger recht sein konnte. Neben Klimaschutz und der strittigen Taiwan-Frage ging es gleich zweimal um den Friedensnobelpreis, den Obama bekommen hat und bei dem sich viele Chinesen nicht sicher sind, wofür.

Zu den Menschenrechten sagte Obama, Amerika wolle keinem Land sein Regierungssystem aufdrücken. Es gebe aber universelle Rechte wie Meinungs- und Religionsfreiheit, den freien Zugang zu Informationen und das Recht auf politische Beteiligung, die für alle Menschen gelten, darunter auch religiöse und ethnische Minderheiten. Menschenrechtsgruppen berichteten, dass wegen des Obama-Besuchs mehrere Bürgerrechtler verhaftet worden waren. Sie forderten Obama auf, sich für die Entlassung inhaftierter Autoren und eine Lösung der Tibet-Frage einzusetzen. (Siehe auch: Wegen Obama Besuch: Chinesische Bürgerrechtler in Gewahrsam genommen)

Der Präsident versicherte den Studenten bei dem etwa einstündigen Gespräch, dass Amerika nicht die Absicht habe, Chinas Aufstieg einzudämmen. „Wir begrüßen China als starkes, blühendes und erfolgreiches Mitglied der internationalen Gemeinschaft“, sagte Obama.

Der Präsident gab sich diplomatisch. Er bemühte sich nach Kräften, den Studenten näher zu kommen. Er lobte ihr Englisch und äußerte seine Bewunderung für die chinesische Kultur und das moderne Stadtbild Schanghais mit seinen unzähligen Wolkenkratzern. Er kündigte an, dass die Zahl der chinesischen Auslandsstudenten, die an amerikanischen Universitäten zugelassen werden, „dramatisch“ auf 100.000 erhöht werden solle, um den Austausch zwischen den beiden Völkern zu erhöhen.

Es lag dann beim amerikanischen Botschafter Huntsman, die einzige interessante Frage zu stellen, stellvertretend für einen anonymen Internetnutzer. Huntsman fragte nach Obamas Meinung zur chinesischen „Firewall“, also der Zensur unliebsamer Internetseiten durch die chinesische. Ein uneingeschränkter Zugang zum Internet sei eine Quelle der Stärke, sagte Obama „Ich war immer ein Verfechter der freien Nutzung des Internets“, sagte Obama und erklärte in einem absurden Moment den jungen Erwachsenen, die mit Sicherheit zu den mehr als 300 Millionen Internetnutzern in China gehörten, die Vorteile des unzensierten Internets. Obama sagte, ein freies Internet helfe einer Regierung, auch wenn ihr nicht alles gefalle, was geschrieben wird. Chinesische Blogger hatten Obama aufgefordert, die Internetzensur in China öffentlich zu verurteilen. Doch aus dem Saal kam darauf nur eisiges Schweigen. Die Studenten wollten den Präsidenten für seine Kritik nicht noch belohnen.

Keine Live-Bilder im chinesischen Staatsfernsehen

Auch am Ende bekam der engagierte Gast nur schmalen Applaus. Amerikafreundliche Demokraten hat der Präsident aus den Anwesenden also nicht gemacht. Viele junge Chinesen haben ein zwiespältiges Verhältnis zu Amerika. Sie bewundern seine Errungenschaften, sind aber gleichzeitig misstrauisch gegenüber den Absichten der amerikanischen China-Politik. Auch hat Obama wegen der Streitigkeiten um Handelsbarrieren für chinesische Produkte hierzulande einiges an Popularität verloren. Zudem standen die ausgewählten Studenten ja auch unter der Beobachtung durch Regierung und Zuschauer, die das Ereignis am Fernseher verfolgten.

Viel Publikum dürfte Obama gleichwohl nicht erreicht haben. Nur wenige Chinesen konnten das ganze Gespräch überhaupt am Bildschirm verfolgen. Mehrere Monate soll es gedauert haben, bis sich die Verhandlungspartner darauf geeinigt hatten, wie die Veranstaltung ablaufen sollte. Die amerikanischen Diplomaten hatten einen Dialog nach dem Vorbild der „Town Hall Meetings“ geplant, einer Art Bürgerversammlung, wie sie Obama auch während seines Wahlkampfs genutzt hatte, um Unterstützung für sich zu sammeln. Sie wollten aber einen Austausch mit mehr Teilnehmern und offeneren Fragen, als die Chinesen zu geben bereit waren. Bis kurz vor Beginn der Veranstaltung soll darüber gestritten worden sein, ob das Treffen mit den Studenten live im chinesischen Staatsfernsehen gezeigt werden dürfe. Am Ende gab es eine vollständige Live-Übertragung nur im Internet.

„ObaMao“-T-Shirts kurz zuvor aus den Regalen genommen

Die Veranstaltung war dennoch ein denkwürdiges Ereignis, vor allem wegen ihrer ungewöhnlichen Form. Ein chinesischer Staatschef, der sich ohne Manuskript in einen direkten Dialog mit dem Volk begibt, ist undenkbar. Den chinesischen Verantwortlichen hatte deshalb gerade die mögliche Symbolkraft des Auftritts Sorgen bereitet. Die Amerikaner wiederum setzten darauf, dass sich ihr Präsident von der üblichen steifen Art der chinesischen Funktionäre absetzen und damit Sympathie bei der modernen chinesischen Jugend sammeln würde. Doch die amerikanische Diskussionskultur lässt sich offensichtlich nicht eins zu eins auf China übertragen.

Der Präsident will in Peking und Schanghai Misstrauen abbauen und das chinesisch-amerikanische Verhältnis auf eine neue Basis stellen. Es ist eine schwierige Mission. Doch Obama kann sich damit trösten, dass auch in China zuvor ein bisschen Obamania angekommen war.

Die chinesische Presse berichtete ausführlich über seinen Reiseplan, und stellte mehrmals seinen Halbbruder Mark Okoth Obama Ndesandjo vor, der seit einigen Jahren in der südchinesischen Wirtschaftsmetropole Shenzhen lebt und mit einer Chinesin verheiratet ist. Seit einigen Wochen schon sind bei Touristen und Einheimischen in Peking außerdem T-Shirts populär, auf denen Obama mit einer grünen Mütze mit rotem Stern auf dem Kopf dargestellt ist, sowie sie einst von Mao Tse-tung getragen worden war. In Peking waren die „ObaMao“-T-Shirts allerdings kurz vor dem Besuch wieder aus den Regalen verschwunden. Der Staatsgast sollte sich nicht veräppelt fühlen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, reuters

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