Vertriebene

Ein Dokument der Weitsicht

Von Berthold Kohler

Gebrandmarkt und vertrieben: In Prag internierte Suddeutendeutsche warten am 20. Juli 1945 auf ihre Deportation

Gebrandmarkt und vertrieben: In Prag internierte Suddeutendeutsche warten am 20. Juli 1945 auf ihre Deportation

27. November 2009 Vertriebene und Versöhnung passen höchstens als Alliteration zusammen - könnte man glauben, wenn man sich den immer wieder aufflammenden Streit um die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV), Erika Steinbach, ansieht und anhört. Sie sei eine Belastung für das deutsch-polnische Verhältnis, sagte zuletzt der deutsche Außenminister und FDP-Vorsitzende Westerwelle. Deshalb darf sie seiner Ansicht nach nicht Mitglied im Beirat der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ werden, deren in der Satzung festgeschriebener Zweck es ist, „im Geiste der Versöhnung die Erinnerung und das Gedenken an Flucht und Vertreibung“ wachzuhalten.

Man muss sich freilich schon sehr die polnische Blickverengung auf Frau Steinbach zu eigen machen, um ihr vorwerfen zu können, sie sei eine Repräsentantin der Unversöhnlichkeit. Nicht nur die Reden, die sie in Prag, Budapest und Warschau hielt, sprechen eine andere Sprache. Unter ihr hat der BdV sich von einem politischen Kampfverband zu einer fast lammfrommen Interessenvertretung gewandelt, der, wenn es um die Tonlage seiner Forderungen geht, schon der Bund der deutschen Milchbauern den Rang abläuft.

„Wir Heimatvertriebenen verzichten auf Rache und Vergeltung“

Offenbar verlieren manche bei der Fixierung auf polnische Phobien aber auch leicht aus den Augen, dass die Vertriebenen schon bald nach der Vertreibung, als viele noch an die Rückkehr in die alte Heimat glaubten, den Gedanken der Versöhnung hochhielten. Der erste Satz der Charta der deutschen Heimatvertriebenen von 1950 lautet: „Wir Heimatvertriebenen verzichten auf Rache und Vergeltung. Dieser Entschluss ist uns ernst und heilig im Gedenken an das unendliche Leid, welches im Besonderen das letzte Jahrzehnt über die Menschheit gebracht hat.“

Selbst dieses frühe Dokument der Versöhnungsbereitschaft, die seit der Wiedervereinigung Europas von unzähligen Vertriebenen und auch ihren Nachkommen jenseits der Sonntagsreden der Politiker tatkräftig unter Beweis gestellt worden ist, hatte aber schon einen Vorläufer: die Eichstätter Erklärung vom 27. November 1949. An jenem Adventssonntag vor sechzig Jahren versammelten sich auf Einladung der Ackermanngemeinde, einer Gesinnungsgemeinschaft katholischer Sudetendeutscher, vertriebene Deutschböhmen von unterschiedlicher politischer Vergangenheit und Ausrichtung im bayerischen Eichstätt und schrieben Sätze auf, die belegen, dass die Vertriebenen schon damals, vier Jahre nach Kriegsende und Massenvertreibung, nicht nur an ihr eigenes Schicksal dachten.

Erklärung ist noch immer aktuell

Die Erklärung ist ein Kind ihrer Zeit und somit auch von den Befürchtungen einer Epoche geprägt, in der Stalin ganz Osteuropa unterworfen hatte und begierig nach Westen blickte; drei Monate zuvor hatte die Sowjetunion die erste Atombombe gezündet. Teile der Deklaration könnten aber auch erst gestern niedergeschrieben worden sein.

Von Serbiens Säuberungskriegen am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts wussten die Unterzeichner jedenfalls noch nichts. Und doch beklagen sie schon, dass durch die Anwendung des westeuropäischen Nationalstaatsbegriffs „auf organisch gewachsene übernationale Gemeinschaften (in Mitteleuropa) den totalitären Gewalten zusätzliche Chancen geboten wurden.

Mit der gewaltsamen Verpflanzung und Austreibung ganzer Volksgruppen wurde dieser Widersinn auf die Spitze getrieben. Die Entwicklung seit 1945 hat die These widerlegt, dass eine mit Gewalt erzwungene nationale Einheitlichkeit der mitteleuropäischen Staaten eine dauernde Sicherung des Weltfriedens verbürge. Die Austreibung hat im Gegenteil die Selbständigkeit der Austreiberstaaten vernichtet und der östlichen Totalität den Weg nach dem Westen geebnet.“

Stalins Herrschaft über Mittel- und Osteuropa schien damals für die Ewigkeit angelegt zu sein. Einschüchtern ließen sich die Unterzeichner davon aber nicht: „Die gegenwärtige Zerreißung Deutschlands und ganz Europas ist unhaltbar.“ Es gehe nun nicht mehr „um das Selbstbestimmungsrecht einer einzelnen Nation oder Volksgruppe, sondern um das Selbstbestimmungsrecht ganz Europas“. Die Gefahr, dass auch ganz Westeuropa „russisch-bolschewistisch“ werde, könne „ohne verheerenden Atomkrieg“ gebannt werden durch „die Stärke des sittlichen Widerstandes der Gefährdeten und durch eine in zwölfter Stunde verwirklichte europäische Einigung . . . Die wichtigste Voraussetzung dazu ist die deutsch-französische Verständigung.“

Ein prophetischer Satz

Die Unterzeichner, deren politisches Spektrum von dem Sozialdemokraten Wenzel Jaksch bis zu Walter Becher reichte, erkannten schon damals „in dem Ringen zwischen Ost und West vor allem einen Kampf für und wider die Menschenrechte“. Die Schlussfolgerung und Hoffnung, die sie daran knüpften, erwies sich aber als nicht zwingend: „Die Völker hinter dem Eisernen Vorhang sollen wissen, dass die Wiederherstellung ihrer eigenen Rechte und Freiheiten unlösbar mit der Anerkennung des Heimatrechtes aller Vertriebenen verbunden ist“.

Die Deklaration wendet sich gegen „Kollektivbeschuldigungen gegen das tschechische oder polnische Volk. Wir Sudetendeutschen wollen nicht Vergeltung, sondern Gerechtigkeit. Sosehr das elementare Rechtsempfinden eine gerichtliche Bestrafung krimineller Handlungen verlangt, so wenig wollen wir dazu beitragen, dass durch die Angst dieser Völker vor Kollektivrache ihre Loslösung von den kommunistischen Diktaturen aufgehalten werde.“

Das war ebenfalls ein prophetischer Satz. Denn tatsächlich diente den kommunistischen Regimen in Polen und der Tschechoslowakei der „Revanchismus“ der Vertriebenen - auch die Eichstätter Erklärung enthält die „Rückgabe der Heimat in den Sprachgrenzen und Siedlungsverhältnissen von 1937“ als „unabdingbare Forderung“ - zur Stabilisierung ihrer Herrschaft. Die Propaganda wirkt bis heute in manchen Gehirnen fort, nicht nur in Warschau und Prag.

Den Vertriebenen, die gerade ihre Toten begraben hatten (oftmals konnten sie nicht einmal das), ging es aber auch schon damals um „die Herstellung eines tragbaren Verhältnisses zwischen Deutschland und seinen westslawischen Nachbarn“. All das könne „nur im Rahmen einer föderalistischen Gesamtordnung Europas gelöst werden, die jede Hegemonialstellung irgendeiner Großmacht ausschließt“.

Die 17 Unterzeichner der Eichstätter Erklärung, nicht nur an dieser Stelle ein Dokument der Weitsicht, forderten die Sudetendeutschen wie Vertriebenen insgesamt auf, den Kampf um die Wiedergewinnung ihrer Heimat einzuordnen „in das große Ringen um die christlich-humanistische Wiedergeburt Europas“. Allzu viele verlässliche Verbündete hatten die Vertriebenen in den folgenden sechs Jahrzehnten aber auch dabei nicht.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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