10. April 2008 Nach einem Fackellauf praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit in San Francisco hat das Internationale Olympische Komittee (IOC) eine Krise der olympischen Bewegung eingeräumt. Es ist zweifellos eine Krise, das IOC hat aber schwerere Stürme überstanden, sagte der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Jacques Rogge, am Donnerstag in Peking.
Er forderte China auf, seine moralische Verpflichtung zur Verbesserung der Menschenrechtslage einzuhalten. Fast im gleichen Atemzug relativierte er seine Selbstkritik: So seien das Attentat auf israelische Sportler bei den Münchner Spielen sowie die Boykotte 1976, 1980 und 1984 schwerere Krisen als die derzeitige gewesen.
Vorauseilende Duckmäuserei
Vorauseilende Duckmäuserei gegenüber der chinesischen Führung hat der CDU-Politiker Ruprecht Polenz dem IOC vorgeworfen. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages sagte am Donnerstag vor einer Aktuellen Stunde des Parlaments zu dem von Hindernissen und Demonstrationen begleiteten Fackellauf, er wünschte sich, das Komitee hätte gegenüber Peking so deutliche Worte gefunden, wie jetzt gegen diese paar Zwischenfälle.
Rogge hatte sich zuvor erleichtert gezeigt, dass mit der Umleitung des Fackellaufs in San Francisco Protestaktionen gegen die chinesische Tibetpolitik und Zusammenstöße wie zuvor in London und Paris vermieden worden seien. Chinesische Medien bezeichneten den Lauf ebenfalls als Erfolg und lobten die in letzter Minute erfolgten Routenänderung als clevere Strategie, um die Pläne der tibetischen Separatisten zu durchkreuzen.
Rogge sagte: Es war aber nicht die fröhliche Party, die wir uns erhofft hatten. Die Athleten in aller Welt seien über die Ereignisse verstört. Wir haben noch 120 Tage, ihnen die Spiele zu bieten, die sie verdienen, fügte er hinzu. Derzeit werde mit China über Verbesserungen des Fackellaufs beraten. Pläne für einen Abbruch gebe es nicht.
EU-Parlament: Eröffnungsfeier boykottieren
Auch der Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, Peter Danckert (SPD), nannte die Veranstaltung echt makaber. Da sind rechts und links Heerscharen von Polizisten und Militär. Die Fackel wird versteckt. Da werden Umwege gefahren. Der feierliche Abschluss fällt aus. Wenn dies positiv bewertet werde, sei das verwunderlich. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) nannte die überraschende Routenänderung ein erneutes Einknicken vor der Provokation chinesischer Machtansprüche.
Das EU-Parlament hingegen empfahl den EU-Staats- und Regierungschefs einen Boykott der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele, sollte sich die chinesische Regierung nicht zum Dialog mit dem Dalai Lama bereit erklären. In einer am Donnerstag in Brüssel verabschiedeten Resolution wandten sich die Abgeordneten gegen die Festnahme von Dissidenten, Journalisten und Menschenrechtsaktivisten, um Demonstrationen und Berichte zu verhindern, die die chinesischen Behörden als peinlich empfinden. Zugleich verurteilte das Parlament die gewaltsame Niederschlagung der Proteste in Tibet.
Dalai Lama für Abhaltung der Spiele
Auch der Dalai Lama, das geistliche Oberhaupt der Tibeter, betonte vor Journalisten in Tokio das Recht von Demonstranten auf Meinungsäußerung. Die Protestierenden in der ganzen Welt hätten das Recht, ihre Gefühle auszudrücken, sagte der Dalai Lama und rief zur Gewaltlosigkeit auf. Das chinesische Außenministerium warf ihm vor, China im Namen der Religion spalten zu wollen. Zugleich bekräftigte er wie Rogge seine Unterstützung für die Austragung der Olympischen Spiele in Peking.
Rogge sagte, es sei im Nachhinein leicht, die Vergabe der Spiele an China trotz seiner Menschenrechtsbilanz zu kritisieren. Peking habe aber eindeutig das beste Angebot vorgelegt. Die chinesische Regierung habe bei der Bewerbung vor sieben Jahren erklärt, die Spiele würden den gesellschaftlichen Wandel - einschließlich der Menschenrechte - fördern. Ich möchte China ganz entschieden bitten, diese moralische Verpflichtung zu achten, sagte er.
Die chinesische Polizei deckte unterdessen nach eigenen Angaben einen Plan zur Entführung von Sportlern während der Spiele auf. Das Ministerium für Öffentliche Sicherheit erklärte, zwei Banden hätten Sportler und Journalisten entführen wollen und Bombenanschläge vorbereitet. 35 Verdächtige seien festgenommen worden. Drahtzieher sei eine islamistische Gruppe, die für die Unabhängigkeit der Region Xinjiang kämpfe.
Text: F.A.Z.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS
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