07. September 2003 Zwischen dem Staat Israel und der palästinensischen Hamas droht nun ein fast uneingeschränkter Krieg. Nachdem Israel am Wochenende versucht hatte, den geistlichen Führer der radikalislamischen Organisation, den 65 Jahre alten Scheich Ahmad Jassin, zu töten, hat die Hamas ihrerseits den israelischen Ministerpräsidenten Scharon neuerlich zum Ziel ihrer Gewalt auserkoren. Das fällt zusammen mit dem Rücktritt von Mahmud Abbas ("Abu Mazen") vom Amt des palästinensischen Ministerpräsidenten, dem es zu keinem Zeitpunkt wirklich gelungen war, die militanten Kräfte im palästinensischen Lager unter seine Kontrolle zu bringen.
Schon seit einiger Zeit liquidiert Israel Angehörige militanter palästinensischer Organisationen, mehr und mehr ist dabei auch die Hamas ins Fadenkreuz der Israelis geraten. Offiziell soll damit der Terrorismus bekämpft werden, doch hatte diese Taktik im Gegenteil immer wieder zu neuen Terroranschlägen geführt, die als "palästinensische Vergeltung" für die Liquidierungen gedacht waren. Solche Anschläge hat Israel dann wiederum "vergolten".
Anschläge auf prominente Hamas-Führer
Diese Spirale der Gewalt konnte im Sommer nur für knapp vier Wochen einigermaßen unterbrochen werden, durch die "Hudna" oder Waffenruhe, zu der sich die palästinensischen Organisationen auf Drängen unter anderem Abbas' durchgerungen hatten. Freilich war die Waffenruhe keineswegs vollständig gewesen. Israel hat schon etliche Hamas-Führer getötet und will nun offenbar auch solche Hamas-Führer unschädlich machen, die außerhalb der eigentlichen Krisenregion leben, etwa in der syrischen Hauptstadt Damaskus. Dies berichtet jedenfalls am Wochenende die israelische Zeitung Haaretz.
Am meisten Aufsehen erregte im Sommer Israels gescheiterter Versuch, den politischen Kopf der Hamas, Abdal Aziz Rantisi, zu töten. Von den sieben prominentesten Hamas-Führern im Gaza-Streifen sind seit dem vergangenen Jahr drei getötet worden: Salah Schehada, Ibrahim Maqadmeh und Ismail Abu Schanab. Rantisi und Scheich Jassin wurden leicht verletzt, Ismail Hanija entkam einem Tötungsversuch. Nur Mahmud al Zahar ist bisher nicht Ziel eines Liquidierungsversuches gewesen.
Die Hamas-Organisation ist ein Produkt der ersten Intifada, die Mitte Dezember des Jahres 1987 ausbrach. Dieses erste "Abschütteln" der israelischen Besatzung begann als "Aufstand der Steinewerfer", eskalierte jedoch im Laufe der Zeit immer weiter. Damals wollten die strenger religiös ausgerichteten Palästinenser, die den - ursprünglich in Ägypten entstandenen - Muslimbrüdern (ikhwan al muslimin) nahestanden, im Widerstand gegen die Besatzungsmacht nicht abseits stehen und riefen ihre eigene Organisation ins Leben. Treibende Kraft war der Muslimbruder Scheich Jassin, der eine Zeitlang in der ägyptischen Hauptstadt Kairo Literatur und islamische Theologie studiert hatte und seit einem Tauchunfall querschnittsgelähmt ist. Das arabische Wort "hamas" bedeutet Eifer, kann jedoch auch als Abkürzung für "Bewegung des islamischen Widerstandes" (haraka al muqawama al islamija) gelesen werden.
Konkurrenz zu Arafats Fatah
Anfangs genoß die Hamas sogar die Sympathien Israels, weil sie das Religiös-Spirituelle in den Vordergrund ihrer Bemühungen zu stellen schien und überdies als Konkurrenz zu Jassir Arafats al Fatah und Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) sowie der anderen, weltlich eingestellten, teilweise viel radikaleren palästinensischen Kampforganisationen angesehen werden konnte.
Diese israelische Einschätzung stellte sich jedoch in jenem Maße als Irrtum heraus, als die Palästinenser nach den Friedensvereinbarungen des Jahres 1993 ("Oslo-Prozeß") vergebens auf die Friedensdividende warteten. Während die PLO als Unterzeichner an die Abmachungen gebunden war, wurde die Hamas mehr und mehr zum Brennpunkt aller Unzufriedenen, vor allem natürlich aus dem traditionell religiöseren Milieu. Schon Mitte der neunziger Jahre hatte die Hamas im Gaza-Streifen besonders viel Zuspruch, weil sich dort die Konflikte und Probleme der palästinensischen Gesellschaft und ihrer trotz Autonomie-Abkommen unveränderten Konfrontation mit dem "Friedenspartner" auf besonders engem Raum auch besonders kraß zeigten. Doch auch in den großen Städten des Westjordanlandes, wie Ramallah, Nablus, Hebron oder Dschenin, gewann die radikalislamische Organisation immer mehr Anhänger.
Als besonders erfolgreich erwies sich ihr Werben um junge Leute, die angesichts der fortdauernden israelischen Besatzung und der über mehrere Jahre immer wieder scheiternden Friedensbemühungen keine Zukunft sehen. Auch unter den Studenten der palästinensischen Universitäten wurde die Hamas mehr und mehr zur einzigen wirklichen Konkurrenz der stärker weltlich ausgerichteten al Fatah sowie der übrigen Organisationen.
Stark religiös motiviert
Es zeigte sich, daß das Erstarken der islamistischen, die Religion des Islams politisierenden und zur Waffe machenden Trends und Bewegungen in der übrigen islamischen Welt auch an den schon relativ stark verweltlichten Palästinensern nicht spurlos vorüberging. Der militärische Arm der Hamas, "Izzaddin al Kassem", der für die Terroranschläge gegen israelische Zivilisten und andere Gewaltakte verantwortlich ist, rekrutiert sich aus vornehmlich Jugendlichen, die oft systematisch für ihre Taten aufgebaut und propagandistisch "aufgerüstet" werden. Erst mit der stark religiös motivierten Hamas hat das Selbstmord-Attentat unter den Palästinensern Platz gegriffen, während die Terroristen der sechziger und siebziger Jahre selbst möglichst überleben wollten. Ob Selbstmordanschläge dem Islam entsprechen, ist umstritten. Die Urteile der Rechtsgelehrten reichen von der Ablehnung bis zur (eingeschränkten) Zustimmung.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.09.2003, Nr. 208 / Seite 3
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