Betancourts Rückkehr nach Paris

„Frankreich hat sie nie aufgegeben!“

Von Michaela Wiegel, Paris

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04. Juli 2008 Ingrid Betancourt auf dem Militärflughafen Villacoublay bei Paris in die Arme zu schließen - davon hatte Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy zuletzt kaum mehr zu träumen gewagt. (Siehe auch: Betancourts Rückkehr nach Paris: Küsschen für die Heimgekehrte)

„Frankreich wird Ingrid Betancourt nie aufgeben!“, hatte er zwar im Freudentaumel der Wahlnacht des 6. Mai 2007 geschworen, als er das Duell gegen Ségolène Royal gerade gewonnen hatte. Doch seither erwies er sich als so umtriebiger wie erfolgloser Mittler in dem Geiseldrama um die Franko-Kolumbianerin.

“Frankreich liebt sie“ Sarkozy und Betancourt

"Frankreich liebt sie" Sarkozy und Betancourt

So ist es für ihn eine glückliche Fügung, dass er ohne jegliches Dazutun von der Erleichterung und Freude über die Befreiung Ingrid Betancourts in Frankreich profitiert und dabei Sympathien bei seinen Landsleuten dazugewinnt. Sein gequält freundlicher Dank an den kolumbianischen Präsidenten Uribe verdeckte nur schwach die Enttäuschung darüber, bei dieser Befreiungsaktion nicht als Macher in Szene getreten zu sein. „Dem Präsidenten Uribe sage ich auch bravo. Glauben Sie mir, dass ich dies sage, weil ich es im Grunde meines Herzens so empfinde“, formulierte Sarkozy.

Keine Führungsrolle

Dabei war Sarkozys Verhältnis zu Uribe, Leuchtturm der Konservativen in Lateinamerika, in den vergangenen Monaten äußerst gespannt. Der Kolumbianer wollte dem französischen Präsidenten keine Führungsrolle bei der Konfliktlösung zubilligen. Seit gut einem Jahr konfrontierte Sarkozy ihn immer wieder mit wechselnden Strategien.

Zunächst hatte der Präsident von Uribe die Freilassung einer der Farc-Führungsgestalten, Rodrigo Granda, aus kolumbianischer Haft verlangt - Uribe gab dem Wunsch im Juni 2007 nach. Doch dann weigerte sich Uribe, die „Banditen der Farc“ weiter zu Verhandlungspartnern aufzuwerten. Sarkozy begann daraufhin, sich Hugo Chávez anzunähern. Im vergangenen November hofierte er Venezuelas Präsidenten im Elysée-Palast, wandte sich dann aber wieder von ihm ab, enttäuscht über das ungestüme Wesen des Venezolaners.

„Sie müssen eine Frau retten, die in Lebensgefahr schwebt“

Gleich zweimal versuchte Sarkozy, direkt mit den Farc-Guerrilleros zu verhandeln. In einer Fernsehbotschaft richtete er sich in der Vorweihnachtszeit voller Dramatik an den Farc-Chef „Monsieur Marulanda“: „Sie müssen eine Frau retten, die in Lebensgefahr schwebt.“ Bei einem Besuch Uribes in Paris am 21. Januar riet Sarkozy dem kolumbianischen Präsidenten, die Farc-Guerilla als politische Kraft anzuerkennen und in das politische System Kolumbiens einzugliedern. In einem weiteren Versuch bot Sarkozy Farc-Terroristen ein Exil in Frankreich an. Am 1. April sagte er in einer neuen Fernsehbotschaft an Monsieur Marulanda: „Sie haben ein Rendez-vous mit der Geschichte. Befreien Sie Ingrid Betancourt.“ Kurze Zeit später wurde bekannt, dass Marulanda am 26. März einem Herzinfarkt erlegen war. Sarkozy entstandte noch im April in einer unkoordinierten Aktion ein französisches Sanitärflugzeug nach Bogotá. Doch die „French doctors“ kehrten unverrichteter Dinge nach Paris zurück.

Von der jetzt von Uribe koordinierten Befreiungsaktion erfuhr Sarkozy erst, als sie schon vollendet war. Das hindert ihn nicht daran, sich im Ruhm der geglückten Operation zu sonnen. Kritik Ségolène Royals an seinen Vereinnahmungsversuchen ließ er pikiert zurückweisen.

Mit „Wut im Herzen“

Sarkozy mit Betancourts Kindern - bei der Befreiungsaktion ihrer Mutter konnte er sich nicht als Macher in Szene setzen

Sarkozy mit Betancourts Kindern - bei der Befreiungsaktion ihrer Mutter konnte er sich nicht als Macher in Szene setzen

Sarkozy hatte früh die Wirkung erkannt, die Ingrid Betancourt vor dem französischen Publikum erzielt. Bekannt geworden war sie in Frankreich schon 2001 durch ihr autobiographisches Buch „La Rage au Cœur“ (Wut im Herzen), das von Sarkozys Verleger Bernard Fixot publiziert wurde. Frau Betancourt hatte ihr Buch auf Französisch geschrieben. Es ist eine engagierte Schrift der künftigen Präsidentschaftskandidatin zur Rettung ihres Heimatlandes, das sie von Drogenmafia und Vetternwirtschaft befreien wollte. Mit „Wut im Herzen“ gelangte Ingrid Betancourt in den Ruf einer exotischen Jeanne d'Arc, der in ihrem heroischen Kampf die Sympathien vieler Franzosen zuflogen.

Als sie dann am 23. Februar 2002 als Präsidentschaftskandidatin ihrer kleinen Partei „Oxígeno Verde“ (Grüner Sauerstoff) im kolumbianischen Dschungel entführt wurde, war die Betroffenheit in Frankreich groß. Es dauerte nicht lang, bis sich in Paris Freunde Frau Betancourts zu einem Komitee zusammenschlossen.

Der Coup des kolumbianischen Präsidenten: Ingrid Betancourt mit Uribe wenige Stunden nach ihrer Befreiung

Der Coup des kolumbianischen Präsidenten: Ingrid Betancourt mit Uribe wenige Stunden nach ihrer Befreiung

Die 1961 in Bogota geborene Politikerin hatte Anfang der achtziger Jahre an der Pariser Elitehochschule „Sciences Po“ Politikwissenschaften studiert und dort viele Freundschaften geschlossen. Ihr erster Ehemann und Vater ihrer beiden Kinder, Fabrice Delloye, nutzte seine Position im diplomatischen Dienst Frankreichs, über die Entwicklung der Entführungsaffäre zu wachen. Als Wirtschaftsreferent an der französischen Botschaft in Quito übertrat Fabrice Delloye immer wieder seine Kompetenzen, indem er Gespräche über das Schicksal seiner früheren Ehefrau in anderen lateinamerikanischen Staaten führte.

Liebesaffäre in Kolumbien

Die Schwester Ingrid Betancourts, Astrid Betancourt, verliebte sich unterdessen in den französischen Botschafter in Kolumbien, Daniel Parfait. Als Parfait zum Leiter der Abteilung Amerika und Karibik im Außenministerium befördert wurde, zog Astrid Betancourt mit ihm nach Paris. Seither hat Parfait nichts unversucht verlassen, Ingrid Betancourt mit Hilfe des Quai d'Orsay freizubekommen. Einer seiner wichtigsten Verbündeten ist Dominique de Villepin, den Präsident Chirac 2002 zum Außenminister berufen hatte. Villepin kennt und schätzt Ingrid Betancourt (nach ihrer Freilassung vergaß sie Villepin in ihren Danksagungen denn auch nicht).

Im Juli 2003 ordnete Villepin eigenmächtig eine Geheimdienstoperation unter dem Codenamen „14. Juli“ an. Ein Flugzeug der französischen Luftwaffe des Typs Hercules C130 landete am 9. Juli in der brasilisnischen Amazonas-Stadt Manaus mit Geheimdienstagenten der DGSE an Bord. Ihr Auftrag: Ingrid Betancourt befreien. Die Operation war schon gescheitert als Präsident Chirac und Verteidigungsministerin Alliot-Marie von Villepins Alleingang erfuhren.

Das Interesse der französischen Öffentlichkeit an dem Schicksal Ingrid Betancourts wurde unterdessen weiter wach gehalten. Der zweite Ehemann der Geisel, der Werbefachmann Juan Carlos Lecompte, schrieb einen Bestseller „Au nom d'Ingrid“ („In Ingrids Namen“). Der bekannte Sänger Renaud textete einen Song auf die Geisel: „Im Dschungel Kolumbiens“. Auch Carla Bruni trat bei Solidaritätskonzerten für Ingrid Betancourt auf. Carla Bruni-Sarkozy ließ es sich auch nicht nehmen, an der Seite ihres Mannes Ingrid Betancourt in Villacoublay zu begrüßen.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, reuters

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