Zum Tod von Johannes Rau

Verwurzelt im christlichen Glauben

Von Günter Bannas

28. Januar 2006 „Ich bin dankbar für das Vertrauen, das mir so viele Menschen entgegengebracht haben, und für die Offenheit, mit der sie mir begegnet sind“, hatte Johannes Rau zum Abschluß seiner Zeit als Bundespräsident gesagt. Es waren auch Worte des Abschieds von der Politik, der Rau zeit seines Lebens verhaftet war.

Er kannte die Mechanismen des politischen Betriebs, der sich an denen ausrichtet, die nach vorn und oben streben. Auch wenn er dessen Schattenseiten kaum selber erfahren mußte, wußte er um den Bruch, den seine letzte Rede im Bundestag einleitete: Von da an war er ein Ehemaliger. Er hatte sich vorgenommen, nicht darunter zu leiden. Doch ahnte er, daß dieses Vorhaben ihm schwerer fallen könnte als all die Arbeiten davor. Also sagte er in den letzten Tagen seiner Amtszeit: „Ich höre ja nicht auf.“

Er wolle überlegen, ob er, wenn Zeit ins Land gegangen sei, Memoiren verfasse. „Ich habe viel erlebt in diesen Jahren, und ich durfte teilhaben an entscheidenden Entwicklungen und Ereignissen in der Geschichte unserer Republik.“ Davor aber standen medizinische Eingriffe, die Rau seiner Arbeit als Bundespräsident wegen hinausgeschoben hatte.

Biblische Botschaft

Schon im vergangenen Sommer mußte Rau sein Arbeitsprogramm reduzieren. Viele Termine konnte er nicht mehr wahrnehmen. Seine Teilnahme an der Wiedereröffnung der Dresdner Frauenkirche mag für ihn der beeindruckendste Moment der letzten Monate gewesen sein. In den Tagen vor seinem 75. Geburtstag vermittelte er seinen Besuchern noch den Eindruck, er könne wieder zu neuen Kräften kommen und am politischen Prozeß wenigstens passiv teilhaben.

Den Empfang von Bundespräsident Köhler zu seinen Ehren und auch die Empfänge, die in seiner Heimatstadt Wuppertal gegeben wurden, hat er genossen - doch der offiziellen Geburtstagsfeier am vorletzten Montag im gerade wiederhergestellten Schloß Bellevue konnte er schon nicht mehr beiwohnen.

Der Sozialdemokrat Rau war verwurzelt im christlichen Glauben, nicht in sozialistisch-sozialdemokratischen Ideologien. Mancherorts brachte ihm das den Ruf des „Predigers“ ein, was auch mit der Form seiner Ansprache zu tun hatte. Den Auftrag, „die verbesserungsfähige und verbesserungswürdige Welt zu verändern und zu verbessern“, leitete er aus der biblischen Botschaft ab. Das Evangelium, nicht die Schriften von Marx und Engels waren das Fundament seiner Arbeit. Wahrscheinlich war ihm die Bibel vertrauter als das je gültige Parteiprogramm - und richtungsweisender als die momentane „Beschlußlage“.

Das Umfeld Gustav Heinemanns

Die familiären Wurzeln haben Rau persönlich und dann auch seinen Einstieg in die Politik geprägt. Zur Welt kam er im Januar 1931 in Wuppertal-Barmen als Sohn eines Predigers. Als Gymnasiast engagierte er sich in der Bekennenden Kirche, und es gehört zu den Überlieferungen, daß er deren Motto „Ich halte stand, weil ich gehalten werde“ übernommen habe. Rau ging nicht den scheinbar vorgezeichneten Weg. Er brach die Schulausbildung ab, machte eine Lehre als Buchhändler und arbeitete bei einem Verlag der evangelischen Jugend.

Sein Widerspruch gegen die Wiederbewaffnungspolitik Konrad Adenauers führte Rau nicht etwa zur Sozialdemokratie, sondern in das Umfeld Gustav Heinemanns, der 1950 sein Amt als Bundesinnenminister und seine Mitgliedschaft in der CDU aus diesen Gründen niedergelegt hatte. Rau wurde in dessen Partei, der Gesamtdeutschen Volkspartei, tätig. Fünf Jahre später wechselte die Gruppe in die SPD: Heinemann, Eppler, Posser und Rau. Erleichtert hat ihnen das Kurt Schumacher, der erste SPD-Vorsitzende nach dem Zweiten Weltkrieg. Schumacher fragte nicht nach dem Woher der Mitglieder, sondern nach dem gemeinsamen Wohin.

Raus Politik, ihr Stil und manche seiner Begrifflichkeiten waren von dieser Vergangenheit geprägt: In den Jahren der Teilung Deutschlands hielt Rau über kirchliche Kanäle Kontakte in die DDR. Die Aussöhnung mit Israel und Polen war ihm von Beginn seiner politischen Arbeit an bis zum Ende ein Herzensanliegen.

Anekdoten und Witze

Die in den achtziger Jahren entwickelte Wahlkampfformel „Versöhnen statt spalten“ paßte wie keine andere zu seiner Persönlichkeit und verlieh ihm Authentizität. Seine Auftritte auf Parteitagen und sogar in Wahlkämpfen, erst recht in internen Sitzungen waren nicht polarisierend, nicht zuspitzend. Kritik an Personen drückte er am liebsten in Bildern und Geschichten aus, wobei ihm ein beträchtlicher Fundus an Anekdoten und Witzen aus dem Stegreif zur Verfügung stand. Rau konnte erzählen. Das Gemeinte erschloß sich oft erst später. Bloß Kalauer? Diejenigen Zuhörer, die ihn für einen Plauderer hielten, haben ihn nicht verstanden.

Ein Schulterklopfer kumpelhafter Art war er nicht - mochte das Skatspielen zu seinen Hobbys gehören und mochte er das Glas Bier (Pils) dem feinen Rotwein vorziehen. Sein politischer Ehrgeiz und sein Durchsetzungsvermögen erschlossen sich nicht auf den ersten Blick. Viele, die diese Eigenschaften eines Politikers bei ihm vermißten, haben sich getäuscht. Rau überdauerte die, die ihm Führungsschwäche oder Orientierungslosigkeit vorwarfen. Der Arm des Ministerpräsidenten reichte weit in die Bonner Landesgruppe der SPD-Fraktion hinein. Rau konnte auch nachtragend gegenüber Kritikern sein - auch dafür hatte er ein gutes Gedächtnis.

In zwei Kampfabstimmungen, die jeweils überaus knapp ausgingen, setzte er sich an die Spitze der nordrhein-westfälischen Politik: Im Juni 1977 wurde er gegen Friedhelm Farthmann SPD-Landesvorsitzender, im September 1978 gegen Diether Posser Ministerpräsident. Auch seine (zweite) Nominierung als Bundespräsidentenkandidat zwanzig Jahre später war in der Partei nicht unumstritten. Rau blieb gegen jene Sozialdemokraten standhaft, die sagten, nun sei es Zeit für eine Frau an der Spitze des Staates, oder die ihm vorhielten, er wolle sich - gleich seinem Ziehvater Heinemann - bloß einen Lebenstraum erfüllen.

Der politische Aufstieg

Die Grundlagen seines politischen Aufstiegs legte Rau abseits des damaligen Bonner Betriebes in der Landes- und Kommunalpolitik. Stationen waren: 1958 Wahl in den Landtag; 1962 Vorsitz des SPD-Unterbezirks Wuppertal; 1964 Stadtverordneter; 1967 Fraktionsvorsitzender im Landtag; 1969 Oberbürgermeister von Wuppertal; 1970 Wissenschaftsminister von Nordrhein-Westfalen. In die folgenden Jahre fiel die Gründung von fünf Gesamthochschulen und der Fernuniversität Hagen. Als Ministerpräsident wurde er, das war 1982, von der SPD auch zu einem ihrer stellvertretenden Vorsitzenden gewählt.

Von da an hatte Rau in der Führung der Bundespartei Gewicht, denn während die SPD in Bonn in die Opposition wechseln mußte, hielt er in Düsseldorf die absolute Mehrheit. Doch die rot-grünen Strömungen und auch die Positionskämpfe der nachfolgenden Generation der „Enkel“ (Engholm, Lafontaine, Scharping, Schröder, Wieczorek-Zeul), die von Willy Brandt gefördert wurden, konnte er nicht steuern. Zweimal hat er es versucht: Als Kanzlerkandidat 1987 setzte er auf eine „eigene Mehrheit“, während die Partei schon auf die Grünen schaute.

Wohl erzielte Rau ein respektables Ergebnis; doch hatte er in Düsseldorf zu bleiben, und es war der letzte Bundestagswahlkampf, in dem die SPD nicht auf die Grünen als Koalitionspartner setzte. 1993, nach dem Rücktritt Engholms vom Parteivorsitz und Raus Berufung zum Übergangsvorsitzenden durch den Parteivorstand, moderierte er den Mitgliederentscheid. Seine Vorgabe, keine Stichwahl zwischen den beiden Bestplazierten vorzunehmen, sorgte dafür, daß Scharping statt Schröder schließlich vom Parteitag gewählt wurde. Zwei Jahre hatte das Bestand, dann mußte sich Scharping beugen. Lafontaine wurde gewählt.

Wertkonservative Positionen

Der Mannheimer Parteitag war auch für Rau eine Niederlage. Wenige Monate zuvor hatte er schon seine absolute Mehrheit in Düsseldorf verloren und sich auf ein Bündnis mit den Grünen einlassen müssen. Es folgten Jahre der Dämmerung. Wolfgang Clement drängte. Schröder unterstützte dessen Ambitionen. Im Frühjahr 1998 schied Rau aus der nordrhein-westfälischen Landespolitik aus, um für das höchste Staatsamt bereit zu sein.

Damit tat er sich zunächst schwer, was auch mit den Änderungen der Politik, den Erwartungen und der Umgebung zu tun hatte. Wirkte das Landesväterliche altbacken? Entsprach er bloß den Anforderungen der alten Bundesrepublik? Fern der politischen Linken, blieben Rau auch deren Wandlungen zum Modernisierertum fremd. Den Hang zu politischer Theorie hatte er ohnehin nie geteilt. Positionen, die früher gern als fortschrittlich bewertet wurden, nahm er am ehesten noch in der Asyl- oder Ausländerpolitik ein. In den ethischen Fragen der Genforschung vertrat er - christlich geprägt - wertkonservative Positionen. Die Politik des Kürzens und Sparens, zuletzt also das Programm der Bundesregierung, verfolgte er nicht antreiberisch, sondern mit der Skepsis eines bewahrenden Sozialdemokraten.

Vor allem aber betrachtete er mit zunehmendem Widerwillen die Wandlungen des Politikstils. Manches hat ihn empört, wie jene Abstimmung im Bundesrat über das Zuwanderungsgesetz. Die Berliner Talk-Show-Gesellschaft war ihm zuwider. Die Änderungen in den Parteien - weg vom persönlichen Umgang unter den Mitgliedern, weil die Auftritte vor den Fernsehkameras effizienter seien - verfolgte er aus der Distanz des älter gewordenen Politikers, wohl auch aus der resignativen Sicht desjenigen, der wußte, daß die Nachfolgenden nicht mehr seinem Rat folgen würden.



Text: F.A.Z., 28.01.2006, Nr. 24 / Seite 3
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