Fraktionsvorsitz

Vorfahrt für Merkel, Mehrheit für Müntefering

Mit großer Mehrheit bestätigt von der Fraktion

Mit großer Mehrheit bestätigt von der Fraktion

20. September 2005 Zwei Tage nach der Bundestagswahl ist der SPD-Fraktionsvorsitzende Franz Müntefering am Dienstag im Amt bestätigt worden. Für ihn stimmten 200 von 210 Fraktionsmitgliedern, das ist eine Mehrheit von 95,24 Prozent.

Auch die Kanzlerkandidatin der Union, Angela Merkel, wurde als Vorsitzende der Unions-Bundestagsfraktion wiedergewählt. Auf Merkel entfielen am Dienstag in geheimer Wahl 219 von 222 Stimmen. Damit hat sie nach dem herben Stimmenverlust der Union Rückendeckung für die kommenden Koalitionsgespräche mit den anderen Parteien bekommen. Merkel steht seit drei Jahren an der Spitze der Fraktion. Damals löste sie den CDU-Politiker Friedrich Merz in diesem Amt ab. Vor zwei Jahren wurde sie mit 93 Prozent der Stimmen bestätigt.

Schröder: Wollen „ordentliche Koalition“

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hat sich am Dienstag für die Bildung einer stabilen Regierung ausgesprochen. Damit wies er Spekulationen über eine Minderheitsregierung zurück. „Wir wollen eine ordentliche Koalition, eine gute Basis für eine Regierung“, sagte Schröder. „Jede Art von Vorfestlegung ist nicht angemessen.“

Vorab hatten sich Schröder und die SPD festgelegt, in eine große Koalition nur dann einzutreten, wenn Schröder Kanzler bliebe. Diese Festlegung vom Vortag wiederholte Schröder am Dienstag nicht. Müntefering bekräftigte dagegen, die SPD wolle mit Schröder als Kanzler regieren und so viel wie möglich von ihrem Programm umsetzen.

Zugleich sagte Müntefering: „Wir wollen eine stabile Regierung“. Mit „halben Dingen“ werde sich die SPD nicht abgeben.

Union und SPD reden am Donnerstag

Müntefering und Merkel wollen am Donnerstag ein erstes Sondierungsgespräch führen, um Chancen für eine Regierungsbildung auszuloten. Das erfuhren am Dienstag mehrere Nachrichtenagenturen aus SPD-Kreisen.

Bereits an diesem Mittwoch will Müntefering zusammen mit weiteren SPD-Politikern Sondierungsgespräche mit der Grünen-Spitze aufnehmen, voraussichtlich im Anschluß an die erste Kabinettssitzung nach der Bundestagswahl.

Milbradt erwägt Minderheitsregierung

Frau Merkel will sich zudem am Donnerstag mit Guido Westerwelle treffen. In einem Brief, der am Dienstag in Berlin bekannt wurde, schreibt der FDP-Vorsitzende: „Wir wollten vor der Bundestagswahl Schwarz-Gelb. Und wir wollen es auch nach der Wahl unverändert.“ Neben ihm, Westerwelle, werde der FDP-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Gerhardt an dem Gespräch teilnehmen.

Angesichts der unklaren Mehrheitsverhältnisse im neugewählten Bundestag haben CDU-Politiker auch die Bildung einer von der Union geführten Minderheitsregierung ins Gespräch gebracht. Das Grundgesetz sehe diese Möglichkeit vor, sagte der sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt der „Berliner Zeitung“. „Man kann nichts ausschließen, auch wenn es keine erstrebenswerte Situation ist.“ Andere Unionspolitiker, unter ihnen CDU-Generalsekretär Volker Kauder, zeigten Sympathien für Schwarz-Gelb-Grün. (Siehe: Merkel-Vertraute favorisieren „Schwarze Ampel“)

Wowereit: Große Koalition ohne Schröder

Der Berliner Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hat die Möglichkeit einer großen Koalition im Bund auch ohne Kanzler Schröder in die Diskussion eingebracht. Auf eine entsprechende Frage sagte Wowereit am Dienstag: „Unter Umständen ja, aber diese Umstände sind noch nicht da. Wir sind in einer Phase, wo aus dem Wahlergebnis sich eindeutig ableiten läßt, die Mehrheit der Bevölkerung wollte, daß Schröder auch weiter Regierungsverantwortung übernimmt als Kanzler.“

Bundesinnenminister Otto Schily sprach sich für eine große Koalition unter Schröders Führung aus. „Im Interesse der Stabilität des Landes - das die größte Wirtschaft in Europa ist und wichtige internationale Verantwortungen hat - neigt sich die Waagschale Richtung große Koalition“, sagte Schily der italienischen Zeitung „Corriere della Sera“. Aber auch eine Ampelkoalition der SPD mit Grünen und FDP sei eine gute Lösung, „auch wenn Letztere dies zumindest im Moment völlig ausgeschlossen haben“.

Pinkwart: „Stehlen uns nicht aus der Verantwortung“

Der stellvertretende FDP-Vorsitzende Andreas Pinkwart sagte der „Leipziger Zeitung“, seine Partei ließe sich in einer „Jamaika-Koalition“ zwar „nicht verbiegen, aber wir stehlen uns auch nicht aus der Verantwortung“. FDP-Vize Rainer Brüderle sagte der Mainzer „Allgemeinen Zeitung“: „Ich kann mir das zur Zeit zwar nicht vorstellen, aber Frau Merkel muß die Chance haben, Inhalte und Konstellationen mit anderen Parteien auszuloten, und dann wird man sehen.“

Der schleswig-holsteinische FDP-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Kubicki sieht bei einer möglichen Jamaika-Koalition die Union in der Pflicht. Erst müsse es die CDU-Vorsitzende Merkel gelingen, die Grünen zu überzeugen, daß sie aus staatspolitischer Verantwortung Schwarz-Gelb unterstützen müßten. Erst dann könne auch die FDP zustimmen.

Die Grünen zeigen unterdessen grundsätzliche Bereitschaft zu Gesprächen über eine Koalition mit Union und FDP, stellen jedoch hohe Hürden dafür auf. Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) sagte in der ARD, beim Tarifrecht, beim EU-Beitritt der Türkei, beim Atomausstieg und bei der Förderung erneuerbarer Energien seien die grünen Positionen so gut wie unverhandelbar. „Ich halte das für mehr als unwahrscheinlich, daß diese Hürden an dieser Stelle überwunden werden.“ (Siehe auch: Fischer hat Lust auf Opposition verloren)

33 Prozent für große Koalition

Frau Merkel und Bundeskanzler Schröder hatten am Montag ungeachtet einer drohenden Blockade des Parlaments auf ihrem Machtanspruch beharrt. Union und SPD boten Sondierungsgespräche über mögliche Koalitionen an - in der Führungsrolle sehen sie jedoch nur sich selbst.

Nach einer Forsa-Umfrage im Auftrag von RTL nach der Wahl wünschen sich 33 Prozent der Deutschen eine große Koalition. 27 Prozent sind für ein Bündnis aus Union, FDP und Grünen, 15 Prozent für eine Ampelkoalition (SPD, FDP, Grüne) und 12 Prozent für eine Zusammenarbeit von SPD, Grünen und Linkspartei. Auf die Frage nach dem bevorzugten Kanzler nannten 47 Prozent der 1007 Befragten Schröder und 41 Prozent Merkel. 73 Prozent sprachen sich gegen eine abermalige Neuwahl aus.


Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, REUTERS

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Nutzen Sie jetzt Ihr Sonderkündigungsrecht. Beim Wechsel Ihrer Kfz-Versicherung winken bis zu 500 € Ersparnis. Jetzt online vergleichen und gleich abschließen.

Union

Merkel-Vertraute favorisieren eine „Schwarze Ampel“

Kauder und Merkel: Jamaika besser als große Koalition?

Am Nachmittag hat sich Angela Merkel den Vorsitz der Unionsfraktion und ihre Anwartschaft auf das Kanzleramt bestätigen lassen. Ihr Generalsekretär Volker Kauder zeigt offen Sympathie für eine schwarz-gelbe-grüne Koalition.

Umfrageergebnisse

Gallup-Institut kritisiert deutsche Wahlforscher

Nach dem Prognose-Debakel der Meinungsforscher zur Wahl hat das weltweit größte Umfrageunternehmen Gallup die Qualität der deutschen Institute in Frage gestellt. Ihre Parteinähe sei ein „ernsthaftes Problem“, so Gallup.

CSU nach der Wahl

Tiefe Verunsicherung

Götterdämmerung im Reiche Stoibers?

In der CSU werden nach dem Abrutschen unter die symbolische Grenze von 50 Prozent ungewohnt kritische Fragen nach der Verantwortung Stoibers gestellt. Hat der CSU-Vorsitzende in Bayern den Reformbogen überspannt?

Grünen-Fraktionsvorsitz

Fischer hat Lust auf Opposition verloren

Fraktionsvorsitz: Die eine will, der andere nicht

Grüne Kampfkandidatur: Nach Verbraucherministerin Künast haben vier weitere Parteimitglieder Ambitionen auf den Fraktionsvorsitz bekundet. Außenminister Fischer gehört jedoch nicht dazu. Zumindest nicht in einer grünen Opposition.

F.A.Z.-Wahlanalyse

Vier Sieger, ein Verlierer

Die Union verlor ihren Vorsprung wegen Merkels Reformkurs und Kirchhofs Steuerplänen. Die FDP freut sich über einen Zustrom an Wählern, die das Vertrauen in die Kompetenzen der SPD verloren haben. Die F.A.Z.-Wahlanalyse.

Gerhard Schröder

Aufputscher

“Postelektoraler Größenwahn“?

Das Publikum der „Berliner Runde“ sah einen Kanzler, der Medien und Demoskopie beschimpfte, um sein „Dennoch“ herauszustoßen. Eine fassungslose Nation spürte, wie es sein könnte, wenn einer kurzerhand die demokratischen Regeln außer Kraft setzen will.

FAZ.NET-Spezial

In der Traufe

Schröder - Als Jongleur mit vielen Bällen nicht zu unterschätzen

Spezial Alle wollen regieren, keiner kann es - noch nicht. Das ist die Ausgangslage für den Kampf um das Kanzleramt. Schröder sieht die Chance, als Wundermann in die Geschichte einzugehen. Und für Angela Merkel steht das politische Überleben auf dem Spiel.

Union nach der Wahl

Mitten in Kampfhandlungen

Merkel auf dem Weg zur Sitzung

Der Tag nach Merkels Debakel war geprägt von „einmütigen“ Voten und „einhelligen“ Meinungsäußerungen. Den schlechten Wahlausgang wollte vorerst niemand analysieren - zumindest nicht offiziell. Wie lange die Rückhaltsbekundungen andauern werden, ist offen.

SPD nach der Wahl

Sozialdemokratische Rechenspiele

Müntefering: “Wir sind die eindeutig stärkste Partei“

Der Kanzler und Parteichef Franz Müntefering dividieren die Union auseinander und erklären die SPD zur stärksten Partei. Gerhard Schröder solle Kanzler bleiben, werde Kanzler bleiben, müsse Kanzler bleiben, verkünden die Sozialdemokraten.

Koalitions-Optionen

Wer könnte mit wem regieren?

Daß diese beiden nicht zusammenkommen, scheint klar

Nach der Bundestagswahl ist die Machtfrage offen. Große Koalition ohne Merkel oder Schröder? „Jamaika“-Bündnis? Rot-Rot-Grün? Theoretisch sind mehrere Koalitionen möglich, praktisch umsetzbar erscheinen aber nur wenige: Die denkbaren Konstellationen.

Linkspartei nach der Wahl

Europäische Normalität

Zwei strahlende Sieger

Die Linkspartei/PDS sonnt sich nach ihrem guten Abschneiden als Wahlsieger. Gemeinsam mit den Gewerkschaften und den sozialen Bewegungen wolle man nun „Druck erzeugen“. Für Gysi ist das Wahlergebnis die Erfüllung eines alten Wunsches.

Die Grünen nach der Wahl

Jamaika klingt besser als „Schwampel“

Fischer: “Wir haben auch gegen Frau Merkel gekämpft“

„Wer stellt den Kanzler?“, formulierte Joschka Fischer die entscheidende Frage seiner Partei. Die Grünen halten Distanz zur Union, wollen aber am großen Koalitions-Puzzlespiel mitwirken.

Am Tag danach

Farbenspiele um die Macht

Nur mit ihm will die SPD regieren

Spezial Nach dem Wahl-Patt vom Sonntag suchen die Parteien nach Wegen zur Regierungsbildung. Schröder und Merkel wollen regieren, aber mit wem? Erst mal reden alle mit allen, nur die Linkspartei bleibt außen vor. Und die FDP hat Gespräche mit der SPD abgelehnt, öffnet sich aber für eine „Jamaika“-Koalition.

Kommentar

Konfusion

Der Souverän hat gesprochen. Aber was wollte er?

Diese Wahl hat keine Sieger. Niemand kann sagen, was die Wähler wirklich wollen. Der Schluß jedoch, die Deutschen wollten keine Reformen, verkennt, daß neben FDP und CDU auch die SPD für die Fortsetzung ihres Reformkurses stand.

Koalitionen

Bundes-Farbenspiele

„Jamaika“ oder „Ampel“, nach der Bundestagswahl laufen die Überlegungen über mögliche Koalitionen auf Hochtouren. Das Vorschlagsrecht für einen Kanzlerkandidaten oder eine Kandidatin liegt beim Bundespräsidenten. Horst Köhler will sich in die Sondierungsgespräche jedoch nicht einmischen.

Kanzler-Wahl

Kommt es wieder auf Köhler an?

Köhler steht wieder im Mittelpunkt

Zum zweiten Mal kommt Horst Köhler bei dieser Bundestagswahl eine zentrale Rolle zu. Nach der Parlamentsauflösung steht der Bundespräsident nun vor der Frage, wen er mit der Regierungsbildung beauftragen soll. Welche Freiheiten hat er?

Reaktionen im 'O-Ton'

Schröder: Keine große Koalition unter Merkel

Spezial Das Spitzenpersonal der Parteien zeigt sich nach der Bundestagswahl heftig zerstritten. Gegenseitige Angriffe beherrschten die „Elefantenrunde“ bei ARD und ZDF. Die wichtigsten O-Töne in einem Audio-Spezial von FAZ.NET.

FDP

Westerwelle schließt Schwarz-Gelb-Grün nicht aus

Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle hat ein Zusammengehen von Union, FDP und Grünen in einer Regierungskoalition als möglich bezeichnet. Seine Partei werde „jede Chance wahrnehmen, damit es eine schwarz-gelbe Regierung geben kann“.

Schwarz-Gelb-Grün?

Fischer lehnt Beteiligung an Merkel-Regierung ab

Fischer will Deutschland nicht unter Merkel dienen

Unter einer Kanzlerin Angela Merkel will Außenminister Fischer keinen Kabinettsposten bekleiden. Die Grünen beäugen die Idee einer „Jamaika“-Koalition mit Union und FDP mit Skepsis - aber wie lange noch?

Bildergalerie

Ein Debakel - Was für ein Sieg

Bedrückte Sieger

Dieses Wahlergebnis ist ein Debakel für die Union und ihre Kanzlerkandidatin Merkel. Doch die Chuzpe, mit der Schröder nun abermals seinen Führungsanspruch als Kanzler vorbringt, läßt die Lage nach der Wahl noch schlimmer aussehen als die rot-grüne Bilanz, die vor dem 18. September zu ziehen war. Kommentar mit Bildergalerie.

Abschied aus dem Kompetenzteam

Kirchhof zieht sich zurück

Paul Kirchhof: Nur ein Ausflug in die Politik?

Der Finanzexperte in Merkels „Kompetenzteam“ beendet sein Intermezzo in der aktiven Politik und wird sich wieder wissenschaftlich mit Staatsrecht und Steuerrecht beschäftigen. Angela Merkel war das bis zum Mittag „nicht zu Ohren gekommen“.