22. Juli 2008 Nach zwölf Tagen in der Hand von PKK-Rebellen sind die drei Bergsteiger aus Bayern wieder wohlbehalten zurück in Deutschland. Die am Sonntag von ihren Kidnappern in der Türkei freigelassenen Männer trafen nach Angaben von Sicherheitskreisen am frühen Montagabend mit einer Lufthansa-Maschine aus Ankara am Münchner Flughafen ein. Wir wurden von den Entführern relativ gut behandelt und somit geht es uns physisch ziemlich gut, sagte der zurückgekehrte Lars Holger Reime.
Das Auswärtige Amt in Berlin dankte den türkischen Behörden für die vertrauensvolle Zusammenarbeit. Die türkischen Stellen hätten einen wichtigen Anteil am guten Ende der Geiselnahme, sagte der Sprecher des Auswärtigen Amtes, Jens Plötner. Die Freilassung der drei Bergsteiger wurde nach offenbar nur durch den Einsatz des Bundesnachrichtendienstes (BND) erreicht. Da sich Türken und Kurden lange nicht auf einen Vermittler hätten einigen können, habe der BND eigene Kommunikationskanäle zu den Entführern aufgebaut. Von Lösegeld sei während der gesamten Verhandlungen keine Rede gewesen.
Psychisch bleibt sicherlich einiges zu verarbeiten
Reime sagte in einer kurzen Pressekonferenz: Psychisch bleibt sicherlich einiges zu verarbeiten in den nächsten Tagen. Deshalb wolle er keine Fragen beantworten. Die Zurückgekehrten müssten das Ganze erst einmal ein bisschen sacken lassen. Reime dankte den türkischen Behörden dafür, dass es nicht zu Militäroperationen gegen die Entführer gekommen sei. Denn eine der größten Sorgen von uns war, dass wir in irgendwelche Gefechte oder ähnliches verwickelt werden.
Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) empfing die 33, 48 und 65 Jahre alten Männer am Flughafen. Dort warteten auch Angehörige auf sie. Herrmann dankte dem Auswärtigen Amt für die erfolgreichen Bemühungen um die Freilassung. Der Krisenstab in Berlin habe ganz ausgezeichnete Arbeit geleistet.
Sie wissen, dass wir alles tun, um die Geiseln frei zu bekommen
Fünf bewaffnete PKK-Angehörige hatten die Bergsteiger am 8. Juli aus einem Camp am Berg Ararat auf 3200 Metern Höhe verschleppt. Die insgesamt 13 Männer und Frauen der Gruppe wurden in der Nacht vor der Gipfelbesteigung des 5165 Meter hohen Berges überfallen. Nach Angaben der türkischen Zeitung Sabah mussten die drei Bayern mit ihren Entführern ständig das Versteck wechseln. Die PKK-Kämpfer hätten ihre Geiseln - aus Angst, von Sicherheitskräften entdeckt zu werden - gezwungen, mit ihnen immer wieder durch das Gebirge zu marschieren. Freigelassen worden seien sie am Sonntag schließlich auf einer Höhe von 2200 Metern, inmitten von Felsen.
Die PKK hatte als Gegenleistung für eine Freilassung gefordert, dass Berlin seine feindliche Politik gegenüber der Bewegung und dem kurdischen Volk beenden müsse. Die Bundesregierung hatte erklärt, sie lasse sich nicht erpressen. Die PKK, die auch Militärlager im Nordirak unterhält, kämpft für einen eigenen Staat der Kurden oder zumindest ein Autonomiegebiet im Südosten der Türkei.
Gouverneur Cetin beschrieb die deutsch-türkische Zusammenarbeit während der Geiselkrise in der Zeitung Radikal als sehr gut. Die Zeitung Vatan mutmaßte, die Geiselnehmer hätten schließlich aufgegeben, weil die Armee das Gebiet erfolgreich umzingelt habe.
BND mit eigenen Kommunikationskanälen
Nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung ist die Freilassung anscheinend durch den Einsatz des Bundesnachrichtendienstes (BND) erreicht worden. Der BND habe eigene Kommunikationskanäle zu den Entführern aufgebaut, nachdem sich Türken und Kurden lange nicht auf einen Vermittler hätten einigen können, berichtete die Zeitung .
Eine BND-Delegation sei auf dem Weg zum Berg Ararat zwar zunächst von den türkischen Behörden gestoppt worden, habe aber nach Intervention des Bundesaußenministeriums ihre Mission fortsetzen können. Eine BND-Delegation sei auf dem Weg zum Berg Ararat zwar zunächst von den türkischen Behörden gestoppt worden, habe aber nach Intervention des Bundesaußenministeriums ihre Mission fortsetzen können.
Özdemir fordert Generalamnestie für PKK-Unterstützer
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hatten sich am Sonntag hoch erfreut über die Freilassung der Bergsteiger geäußert. Auf die Frage, ob Lösegeld oder ein politischer Preis gezahlt worden sei, sagte die Kanzlerin in der ARD lediglich: Sie wissen, dass wir alles tun, um die Geiseln frei zu bekommen. Weitere Details nannte sie nicht. SPD-Chef Kurt Beck sagte, die Heimkehr der Männer sei die erlösende Botschaft, auf die wir alle gehofft und gewartet haben.
Der türkisch-stämmige Grünen-Politiker Cem Özdemir forderte indes die Türkei in Zusammenhang mit Entführung zu einer Kurskorrektur in der Kurdenfrage auf. Die Türkei müsse die Kurden endlich anerkennen, sagte Özdemir am Montag im Deutschlandradio Kultur. Özdemir warf der türkischen Regierung vor, es versäumt zu haben, nach der Inhaftierung des PKK-Führers Abdullah Öcalan mit einer politischen Offensive das Kurdenproblem ein für alle Mal zu lösen. Die Entführung habe gezeigt, dass die Organisation in eine kriegsmüde und eine nach wie vor kampfwillige Fraktion gespalten sei. Der Weg der Türkei in die Europäische Union führt auch über eine demokratische Lösung des kurdischen Problems, sagte der außenpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion im Europäischen Parlament.
Die Türkei müsse die ethnische und religiöse Vielfalt ihres Landes anerkennen, und Kurdisch neben der Amtssprache Türkisch an staatlichen Schulen unterrichtet werden. Weiter forderte Özdemir, es müsse auch Lehrstühle für Kurdologie an türkischen Universitäten geben. Özdemir forderte zudem eine Generalamnestie für PKK-Unterstützer, die wegen Lappalien im Gefängnis säßen, sich aber in die Gesellschaft integrieren wollten.
Text: FAZ.NET mit AP/ddp
Bildmaterial: AP, ddp, dpa
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von Daniel Deckers, 30.09.2008 16:20