Von Jörg Kauffmann und Dieter Vogt
04. August 2007 Als es vorbei war, zog Gabriele Dillmann die schicke Lufthansakluft aus und begann ein neues Leben: als Ehefrau, Mutter und Künstlerin. Sie wollte nicht mehr fliegen, sie konnte nicht mehr. Während der fünftägigen Entführung der Boeing 737 Landshut mit ihren 86 Passagieren und fünf Besatzungsmitgliedern an Bord hatte sie mehr als einmal die Pistole eines unberechenbaren Fanatikers auf sich gerichtet gesehen.
Die allzu große Anspannung bringt sie heute auf den Satz: Ich war zu wütend, um Angst zu haben. Im heißen Herbst 1977, als der Terror die Bundesrepublik Deutschland heimsuchte, entschieden sich viele Schicksale, nicht nur das des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Für Jürgen Vietor, Kopilot der Landshut, war Mogadischu nicht das Ende. Vietor, der sich einen großen Verdränger nennt, saß nach sechs Wochen wieder im Cockpit und beendete seine Laufbahn im Jahr 1999 als ganz normaler Lufthansa-Pensionär.
Die Entführer der Landshut wollten - wie die Entführer des Arbeitgeberpräsidenten Schleyer - die Freilassung von elf inhaftierten Mitgliedern der Roten Armee Fraktion erzwingen. Nach dem Ende der Geiselnahme in Mogadischu töteten sich die führenden RAF-Mitglieder Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe im Gefängnis in Stammheim. Einen Tag nach ihrem Selbstmord wurde Hanns Martin Schleyer von seinen Entführern getötet.
Ein Mörder, der Kapitän genannt werden wollte
Da nun der dreißigste Jahrestag des Geiseldramas naht, sind Gabriele von Lutzau, geborene Dillmann, und Jürgen Vietor viel gefragte Zeugen und Ratgeber. Gleich zwei neue Dokumentationen und zwei Spielfilme entstehen.
Die Landshut war nicht das erste Lufthansa-Flugzeug, das entführt wurde, aber dieses vierköpfige palästinensische Kommando, angeführt von einem stets brüllenden Mahmud, übertraf alles Bisherige an Brutalität. Vor den Augen der vor Schreck wie gelähmten Passagiere erschoss Mahmud den Kapitän des Flugzeugs, Jürgen Schumann. Danach musste Kopilot Vietor die Boeing allein von Aden nach Mogadischu fliegen: neben sich im Cockpit den Mörder, der unbedingt Kapitän genannt werden wollte.
Wir wussten nichts von der Befreiungsaktion
Auch war es ungewiss, ob die Boeing, die zuvor neben der Piste in Aden notgelandet war, weil die damalige Regierung im Südjemen alle Landebahnen blockiert hatte, nicht schwere Schäden davongetragen hatte. Kurz nach Mitternacht, in der ersten Stunde des 18. Oktober, stürmte die heimlich nach Mogadischu eingeflogene Anti-Terror-Einheit GSG 9 des Bundesgrenzschutzes die Maschine und befreite die 86 Geiseln. Mahmud hatte etwas anderes erwartet: ein Flugzeug mit den freigepressten deutschen Terroristen aus Stammheim.
Vietor, nun ein gesetzter Herr in Jeans und offenem Hemd, erinnert sich: Wenn ich durch die Kabine gehen musste, vermied ich es, die Passagiere anzusehen, die Alten, die Kinder, ja nicht einmal diesen Dackel. Nur so konnte ich mich auf meine fliegerische Aufgabe konzentrieren. Und weiter: Wir wussten nichts von der Befreiungsaktion. Aber kurz bevor es losging, hörte ich ein Kratzgeräusch außen am Flugzeug.
Brutale Peinigerin kommt fast ungestraft davon
Und weiter erzählt er: Da verließ ich, ohne zu wissen, warum, unter einem Vorwand das Cockpit und ging nach hinten. Erst später erfuhr ich: Das Geräusch rührte von den Leitern her, die sie außen anstellten. Der Sturm auf die Landshut begann mit Blendgranaten, die vor dem Cockpit gezündet wurden, um die Entführer erst einmal reaktionsunfähig zu machen.
Der Irrflug der Landshut hatte von Mallorca über Rom, Larnaca, Dubai, Bahrein und Aden nach Mogadischu geführt. Drei der Entführer wurden bei der Aktion erschossen; ihre weibliche Komplizin Souhaila Andrawes, die nachher vor allem in Skandinavien nicht wenige Sympathisanten fand, kam verletzt davon. Gabriele von Lutzau und Jürgen Vietor, ihre Opfer, werden nie verstehen, dass ihre brutale Peinigerin fast ungestraft davonkam.
Externe Gruppentherapie hat nicht geholfen
Die Chefstewardess von Flug LH 181 hat es sich schriftlich geben lassen, dass ein neuerlicher Dokumentarfilm über die Landshut nun doch nicht den Titel Der Engel von Mogadischu tragen darf. Über frühere Spielfilme und Dokumentationen sagt sie, nichts davon könne an die Bilder in meinem Kopf heranreichen.
Ihr Mann, damals Kopilot bei der Lufthansa, habe in den folgenden Jahren in dem Luftfahrtunternehmen das Critical Incident Stress Management (CISM) mit aufgebaut. Eine solche Hilfe in Ausnahmesituationen sei wichtig. Die externe Gruppentherapie, an der sie seinerzeit mit Passagieren teilnahm, hat ihr hingegen nicht geholfen.
Gabriele von Lutzau: Ich bin ein glücklicher Mensch
Gabriele von Lutzau akzeptiert es klaglos, dass ihr die Rolle einer Zeitzeugin zugefallen ist, wenngleich sie Medienauftritte nicht liebt. Dafür, dass der Fall Landshut über all die Jahre hinweg die Öffentlichkeit beschäftigt, hat sie eine Erklärung: Es ist ein nationales Trauma. Eine neue Generation wolle sich nun abermals des Themas bemächtigen. Für ihr neues Leben gelte: Ich bin ein glücklicher Mensch.
An jedem 18. Oktober, dem Tag der Erstürmung des Flugzeugs, gratuliere ihr Mann ihr zum Geburtstag. Und die Bildhauerei? Die ehemalige Stewardess stellt zur Zeit in einer Galerie im Frankfurter Westend aus. Erhoffte sie sich von ihrer schöpferischen Arbeit eine befreiende Wirkung? Dazu sagt sie nur: Alle Künstler schöpfen aus einem tiefen inneren Fundus.
Text: F.A.Z., 04.08.2007, Nr. 179 / Seite 9
Bildmaterial: AP, CINETEXT, ddp, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance / WDR
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