Von Rainer Herrmann, Istanbul
03. Mai 2006 Lange war es im Irak von Vorteil, Deutscher zu sein. Die sunnitischen Araber schätzten es, daß die Bundesregierung unter Führung von Gerhard Schröder den Krieg, der zum Sturz des Regimes von Saddam Hussein führte, nicht unterstützt hatte. Auch die schiitischen Araber taten sich im Umgang mit Deutschen leichter als mit Briten oder Amerikanern. Nur im Norden des Landes schüttelten die meisten Kurden ungläubig darüber den Kopf, daß sich Deutschland nach ihrer Ansicht letztlich auf die Seite von Saddam Hussein geschlagen hat und nicht auf die Seite derer, die dieses Joch abschüttelten. Daher war es lange nicht sonderlich gefährlich, sich als Deutscher im Irak zu bewegen: Die Schiiten und arabischen Sunniten ließen sie in Ruhe, bei den Kurden herrschte Sicherheit.
Wer unmittelbar nach Einstellung Kampfhandlungen in den Irak reiste, konnte in Bagdad und in den arabischen Provinzen auf viele einfache Sunniten treffen, die jeden Fremden zunächst mißtrauisch beäugten. Erst als sich herausstellte, daß er aus Deutschland kam, wuchs rasch die Sympathie. So konnte es einem geschehen, daß sich arabische Sunniten und Anhänger Saddams bei Deutschen dafür bedankten, daß die Bundesregierung - leider vergeblich - versucht habe, den Krieg zu verhindern und das Baath-Regime zu retten.
Zweifelhafte Komplimente
Die Schiiten schätzten an den Deutschen, daß sie in dem Konflikt nie Partei ergriffen und sich weder auf die Seite der ungeliebten Amerikaner schlugen, noch - wie die Arabische Liga - versuchten, das Unrechtssystem Saddams am Leben zu halten. Nur für die Kurden blieb es befremdlich, daß das offizielle Deutschland, das seine Kontakte zu den von Saddam verfolgten Kurden nach ihrer Ansicht ohnehin nie sonderlich gepflegt hatte, nun zum Wiederaufbau des Iraks weniger beiträgt, als es aufgrund seiner Wirtschaftskraft könnte. Zudem vergaßen einige Kurden nicht, daß auch deutsche Unternehmen Waffen an Saddam Hussein geliefert hatten, mit denen er seine eigene Bevölkerung und die Nachbarn angriff.
In der arabischen Welt und damit auch im Irak ist Deutschland zudem nicht nur wegen seiner Autos und Fußballspieler beliebt. Für die Judenvernichtung unter Hitler gibt es immer wieder zweifelhafte Komplimente. Besonders unter antisemitischen arabischen Nationalisten kommt das immer wieder vor. Zuletzt spielte in der Region auch eine Rolle, daß deutsche Zeitungen ebenfalls die dänischen Mohammed-Karikaturen nachdruckten, die die meisten Muslime als Beleidigung empfunden haben. Unter den arabischen Sunniten, die sich im neuen Irak ausgegrenzt fühlen, kam hinzu, daß Deutschland schon unter der Regierung Schröder einen größeren Beitrag zum Wiederaufbau geleistet hat, als es jenen recht war, die sich den Aufständischen angeschlossen hatten. Genau verfolgt die irakische Öffentlichkeit ferner, daß sich die neue Bundesregierung den Vereinigten Staaten annähert. Einigen gefällt das, anderen aber nicht.
Durch Nachrichtensender wie Al Dschazira und Al Arabija ist die irakische Öffentlichkeit besser über das informiert, was im Westen geschieht, als es andersherum oft der Fall ist. Die interessierte irakische Öffentlichkeit wußte daher sehr gut darüber Bescheid, wie Deutschland den Wiederaufbau unterstützt: Mit der Ausbildung von Soldaten in Abu Dhabi und von Diplomaten in Berlin, mit Fachleuten für den Verfassungsprozeß und für die Organisation von Wahlen, mit einen Programm für den akademischen Austausch und für die Förderung der Archäologie. Während des Kriegs hatte Deutschland der amerikanischen Luftwaffe zudem Überflugrechte gewährt. Das ist wenig im Vergleich zur amerikanischen Besatzung. Den Extremisten ist es dennoch zu viel.
Viele Spekulationen
Weniger bekannt ist, wie viele deutsche Unternehmen im Irak tätig sind. Genaue Zahlen gibt es nicht. Die Firmen müssen sich nirgendwo melden, und aus Gründen der Sicherheit sind sie nicht daran interessiert, daß über ihr Engagement im Irak gesprochen oder geschrieben wird. Lange war darüber spekuliert worden, es könnten vielleicht 100 bis 200 Deutsche sein, die im Auftrag eines Unternehmens im Irak einen Auftrag abwickeln. Nachdem Mitte Februar das Privatflugzeug eines bayrischen Unternehmens nahe der kurdischen Stadt Sulaimanije abgestürzt war, korrigierte man diese Zahl auf etwa tausend. Selbst nach der Entführung der Leipziger Ingenieure blieben die meisten, nur wurden sie besser geschützt. Kein Vertreter eines großen deutschen Unternehmens spricht gerne darüber. Da deutsche Firmen in der Vergangenheit im Irak viele Anlagen gebaut haben, die instand gesetzt und gewartet werden müssen, werden dort weiterhin Ingenieure und Monteure gebraucht. An ihnen haben die Iraker und die Besatzungsmächte ein Interesse, aber auch die Unternehmen selbst.
In wenigen Unternehmen taucht der Irak in der Bilanz auf. Viele schreiben einzelne Projekte lieber einem Auftrag in einem Nachbarland zu. Nur nicht auffallen, heißt die Devise. Daneben suchen deutsche Unternehmen auch nach irakischen Mitarbeitern. Die sind zwar weniger gefährdet als Deutsche. Aber auch ihre Sicherheit ist nicht gewährleistet. Mit der Entführung von Susanne Osthoff war es für Unternehmen wieder schwieriger geworden, deutsches Personal zu finden - auch nachdem die Entführung glimpflich ausgegangen war. Zu häufig war in den Medien die Frage gestellt worden, was denn eine Deutsche unter diesen Bedingungen im Irak zu suchen habe. Die Entführung der beiden Leipziger Ingenieure hatte die Bereitschaft, in den Irak zu gehen, gewiß weiter verringert. Ihre unerwartete Freilassung wird das Engagement deutscher Unternehmen aber nicht schlagartig erhöhen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP