CDU/CSU

Keine gute Woche

Wahlkämpfer Kauder und die Kandidatin: Chancen verspielt?

Wahlkämpfer Kauder und die Kandidatin: Chancen verspielt?

05. August 2005 Die Kanzlerkandidatin der Union habe, so witzelt man in Berlin, in den vergangenen Tagen viel gelernt - etwa den Unterschied zwischen brutto und netto. Anlaß zum Spott war auch die Scheu der CDU-Vorsitzenden, sich mehreren Fernsehgesprächen mit dem Kanzler zu stellen.

Als lachhaft wurde insbesondere die Begründung empfunden, Frau Merkel habe dazu keine Zeit, sie suche die Begegnung mit den Menschen. Auch konnte man lernen, was Frau Merkel unter innerparteilicher Solidarität versteht. Insbesondere der Innenminister von Brandenburg konnte das erfahren.

Schönbohms Entschuldigung

Ein kräftiger Schlag in den Rücken muß jedenfalls nicht immer als Ermutigung verstanden werden. Überhaupt zeigen die Reaktion der Parteikollegen Schönbohms und auch jene der künftigen Koalitionspartner von der FDP (Westerwelle/Pieper) viel über Anstand und Verbindlichkeit innerhalb der Parteien, die demnächst das Land regieren möchten.

Schönbohm mußte sich am Donnerstag für einzelne seiner Äußerungen entschuldigen, die aus dem Zusammenhang seiner Erschütterung über den Säuglingsmord gerissen und in die Wahlkampfmanege geworfen wurden.

Mehr Fairness in Brandenburg

Der gebürtige Brandenburger, der seit Wochen als einer der wenigen kompetenten Kandidaten der Union für das Amt eines Verteidigungsministers gehandelt wird, stieß im brandenburgischen Lande auf mehr Fairness als in der eigenen Partei.

Nach kurzem Aufwallen erklärte sich die Potsdamer Führung der Linkspartei/PDS bereit, das Mord-Geschehen nach dem Wahlkampf zu erörtern und zu ergründen und nicht mit neun toten Babys Politik zu machen. Auch der SPD-Ministerpräsident war bereit, Schönbohm aus dem Sumpf zu helfen, in den er geraten war, als er über Zusammenhänge zwischen DDR-Gesellschaft und sozialen Zuständen der Gegenwart sprach.

Rücktrittsforderungen

Ganz anders Schönbohms Parteikollegen: Landauf landab fanden sich CDU-Politiker in Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, die Schönbohm niederredeten. Auch der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Böhmer, nutzte die Gelegenheit, sein väterliches Sorgengesicht im Fernsehen zu präsentieren. Der Verkehrsminister des Landes, ein Herr nicht merkenswerten Namens, äußerte sich ebenfalls. „Es fordern Leute meinen Rücktritt, deren Namen ich bisher nicht kannte - sie kommen so in die Zeitung“, sagt Schönbohm dazu, mehr erstaunt als verärgert.

Und im Westen? Da wollte man sich nicht äußern, um nicht gleich als „Wessi“ beschimpft zu werden. Dort, so war Äußerungen zu entnehmen, die nicht veröffentlicht werden sollten, wolle man eigentlich ganz gerne über allerlei Mißstände in den östlichen Ländern reden, beispielsweise darüber, daß es immer schwerer werde, trotz eigener Nöte das Geld für den Aufbau Ost aufzubringen, das dann nicht investiert, sondern für Zinszahlungen und tagtägliche Ausgaben verwendet werde.

Doch die wahlkämpfende CDU fürchtet die wilde Wut der Ostens. Mit Merkel hatte Schönbohm am Donnerstag wohl telefoniert. Ob die Parteivorsitzende ihm dabei schon gesagt hat, daß sie ihn danach auch öffentlich ohrfeigen werde? Schönbohm sagte am Freitag: „Ich habe einiges erlebt, ich habe viel Erfahrung gesammelt. Dazu werde ich mich später einmal äußern“.

Text: pca.; F.A.Z., 06.08.2005, Nr. 181 / Seite 4
Bildmaterial: REUTERS

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