Von Christian Schwägerl
13. Oktober 2006 In Tübingen und Freiburg gibt es schon lange Gesichter. Der baden-württembergische Wissenschaftsminister Peter Frankenberger (CDU) hat den beiden Universitäten mitgeteilt, sie hätten keine Chancen, am Freitag nachmittag als strahlende Gewinner in der Endrunde des Exzellenzwettbewerbs von Bund und Ländern dazustehen. In einer Mammutsitzung von prominenten Wissenschaftlern und Forschungsministern mit Bundesministerin Annette Schavan (CDU) an der Spitze wird heute in Bonn über rund eine Milliarde Euro Lohn für harte Arbeit und große Ideen entschieden.
Mit dem Ausscheiden der beiden Südwest-Universitäten wachsen die Hoffnungen bei den anderen acht Kandidaten, die mit ihren Zukunftskonzepten den Rang von Spitzenuniversitäten anstreben: Die RWTH Aachen, die FU Berlin, die LMU und die TU München sowie die Universitäten Bremen, Karlsruhe, Heidelberg und Würzburg. In zwei weiteren Kategorien wird es noch mehr Gewinner geben: Graduiertenschulen und Exzellenzcluster wird es im ganzen Land geben, doch Zukunftskonzepte, für die es einen wahren Millionensegen gibt, werden in Bonn nur wenige prämiert.
Exzellenz statt Elite
Am Anfang stand ein großes Wort. Eliteuniversitäten im Stile von Harvard und Princeton solle es in Deutschland bald geben, so drang es aus einer Klausurtagung der SPD-Bundestagsfraktion im Januar 2004. Das provokante E-Wort haben Wissenschaftspolitiker schnell wieder einkassiert, doch das Ziel, mit der seit Jahrzehnten praktizierten Gleichmacherei zwischen den 120 deutschen Universitäten zu brechen, entwickelte sich dennoch zur offiziellen Regierungspolitik von Rot-Grün wie später von Rot-Schwarz: Statt um Elite geht es seither um Exzellenz.
Einmal in Gang gesetzt, konnte selbst die Verblödelung durch die frühere Forschungsministerin Bulmahn (Brain Up! Deutschland sucht seine Spitzenuniversitäten) das Projekt nicht mehr aufhalten. Nach langwierigen Verhandlungen einigten sich der Bund und die sechzehn Länder im Juni 2005 auf die Exzellenzinitiative. Sie lobten knapp zwei Milliarden Euro aus, um die Deutschlands beste Hochschulen kämpfen sollen. Am Freitag nachmittag wird nun ein Gremium aus Wissenschaftlern und Wissenschaftsministern in Bonn endgültig über die erste Hälfte dieser Summe entscheiden. Bei den Bewerbern ist das große Zittern ausgebrochen.
319 Anträge von 74 Hochschulen
Wenn Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) heute nachmittag das Wort ergreift, werden an vielen Hochschulen die Korken knallen, und andernorts wird es lange Gesichter geben. Ein wahrer Geldregen steht jenen ins Haus, die sich erfolgreich im Wettbewerb durchsetzen. Entsprechend groß war der Run auf die Fördermittel, 1,9 Milliarden Euro bis zum Jahr 2011. Insgesamt 74 Hochschulen reichten im Herbst 2005 bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und beim Wissenschaftsrat die ersten 319 Anträge ein. Dabei geht es um drei verschiedene Vorhaben, Säulen im Jargon der Forschungsförderer: Graduiertenschulen, in denen Nachwuchswissenschaftler Lehre und Forschung zu innovativen Themen eng verknüpfen; Exzellenzcluster, in denen verschiedene Institutionen einer Region eine gemeinsame Frage verfolgen; und schließlich Zukunftskonzepte, in denen eine Hochschule ihren Weg an die internationale Spitze beschreibt.
Daß die Auswahl schwierig werden würde, war DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker von vornherein klar. Ihm war wichtig, daß die Wissenschaft möglichst allein nach Kriterien der Qualität entscheiden sollte, und nicht Politiker, die das Geld gleichmäßig zwischen Regionen und Wahlkreisen verteilen möchten. DFG und Wissenschaftsrat durften denn auch die Vorauswahl ganz selbständig bestreiten, mit Gutachtern aus aller Welt, darunter auch mancher Exildeutsche wie der Physiknobelpreisträger Wolfgang Ketterle, der am Massachusetts Institute of Technology (MIT) forscht. Anfang 2006 präsentierten die Gutachter eine erste Auswahl, übrig blieben 36 Hochschulen, die ihre Anträge präzisieren und in die Endrunde schicken durften. Schon diese Auswahl erzeugte einen Schock: Der Norden und der Osten gingen fast leer aus, Bayern und Baden-Württemberg standen als die großen Sieger da. Besonders deutlich fiel das Ungleichgewicht bei den erfolgreichen Zukunftskonzepten aus, die das Prädikat Exzellenzuniversität erst wirklich glaubhaft verleihen sollen: Nur Bremen, Berlin und Aachen konnten sich von außerhalb der Südstaaten durchsetzen. Winnacker betont, das sei keine Absicht oder gar Bösartigkeit gewesen: Viele der ausländischen Gutachter hätten überhaupt nicht gewußt, wo genau die Bewerberstädte liegen.
Im Ozean der Zukunft
Das Themenspektrum der Anträge, über deren Schicksal in diesen Stunden entschieden wird, ist breit: Aachen will eine Graduiertenschule für Unbegrenzte Materialforschung einrichten, Tübingen eine für Kulturdynamik. Kiel will in einem Cluster den Ozean der Zukunft entwerfen lassen, Konstanz die kulturellen Grundlagen von Integration untersuchen. Unter dem Strich ist ein deutliches Übergewicht der Natur- und Ingenieurswissenschaften zu verzeichnen. Die Sozial- und Geisteswissenschaften konnten sich zur Antragstellung entweder nicht aufraffen oder bei den Gutachtern, bei denen sie in der Minderheit waren, nicht durchsetzen. Eine vollständige Liste der Anträge bietet die DFG auf ihrer Internetseite: Homepage der DFG
Nur etwa die Hälfte der Antragsteller wird sich durchsetzen können, die Auswahl ist also streng. Am Tag der Entscheidung dürfen dann auch die Politiker, die Steuermittel zur Verfügung gestellt haben, ein Wörtchen mitreden. Nachdem sich am Vormittag das siebenundzwanzigköpfige Wissenschaftlergremium eine Auswahl getroffen hat, tritt der sogenannte Bewilligungsausschuß zusammen, dem die sechzehn Wissenschaftsminister der Länder und Bundesforschungsministerin Schavan angehören.
Wissenschaftler überstimmen Politiker
In dieser Runde wird es spannend, ob die Politiker den Vorstellungen der Wissenschaftler folgen oder ob sich doch der Regionalproporz zu Wort meldet, ob etwa die Nordstaaten Widerspruch einlegen würden, wenn sie ganz aus dem Rennen fallen sollen. Die Stimmenmehrheit im Bewilligungsausschuß liegt allerdings bei der Wissenschaft: Ihre 27 Vertreter haben je 1,5 Stimmen, während jedes Bundesland eine Stimme und Bundesministerin Schavan 16 Stimmen hat. Interessant wird, wie immun sich die Wissenschaftler gegen politische Einflußnahme zeigen, denn schließlich denken sie bereits an das Jahr 2011, wenn entschieden wird, ob die Exzellenzinitiative zum Dauerinstrument wird oder sich in die lange Serie interessanter Pilotprojekte einreiht.
Auf der Pressekonferenz, die für 15.30 Uhr angesetzt ist, wird zumindest der Parteiproporz beachtet: Baden-Württembergs Forschungsminister Frankenberger, ein CDU-Mann, darf die siegreichen Graduiertenschulen verkünden, der Mainzer SPD-Politiker Jürgen Zöllner die Exzellenzcluster und schließlich die Bundespolitikerin Schavan die fünf gekrönten Sieger bei den Zukunftskonzepten.
Die Verlierer beim zweiten Mal dabei
Für die Verlierer gibt es ein Trostpflaster: Ihre Mühen sollen nicht vergebens gewesen sein, denn sie werden in der zweiten Staffel des Exzellenzwettbewerbs automatisch berücksichtigt. Die zweite Hälfte der 1,9 Milliarden soll nämlich schon im Frühjahr 2007 vergeben werden, damit die Hochschulen dann bis zum Jahr 2011 ihre Graduiertenschulen, Cluster und Zukunftskonzepte in die Tat umsetzen können. Die Ausschreibung für die zweite Staffel ist bereits vorbei, siebzig Hochschulen aus allen Bundesländern haben 135 Antragsskizzen für Graduiertenschulen, 157 Vorschläge für Exzellenzcluster und zwanzig Zukunftskonzepte eingereicht.
Selbst wenn der Wettbewerb nicht über das Jahr 2011 hinaus fortgeführt werden sollte, dürfte er die deutsche Forschungslandschaft verändern. Neu ist zum Beispiel das Instrument der Vollkosten nach angelsächsischem Vorbild, das schon seit vielen Jahren von der Wissenschaft gefordert und jetzt verwirklicht wurde. Erfolgreiche Wissenschaftler, die effizient Drittmittel aus staatlichen Wettbewerben und von Unternehmen einwerben, hatten bisher nämlich das Problem, daß ihre Kosten für Personal, Verwaltung und Geräte in den Fördersummen nicht enthalten waren. Diese mußten sie sich von ihrer Hochschule besorgen - und machten sich dabei oftmals unbeliebt, da sie anderen die Ressourcen wegnahmen. Künftig soll Forschungsministerin Schavan zufolge die Forschungsförderung einen automatischen Vollkostenzuschlag von zwanzig Prozent beinhalten, um eine schnelle Expansion erfolgreicher Arbeitsgruppen zu ermöglichen und die Besten vor dem Vorwurf zu schützen, auf Kosten ihrer Kollegen zu arbeiten. Die Vollkostenfinanzierung wird im Rahmen der Exzellenzinitiative erprobt und Schavan zufolge möglichst bald zur Regel der gesamten Forschungsförderung.
Am langen Gängelband der Politik
Doch am wichtigsten ist wohl der psychologische Effekt des Wettbewerbs. Zwar reicht auch nach dem Freitag keine einzige deutsche Hochschule an die Milliardenbudgets und die Autonomie der amerikanischen Privatuniversitäten heran. Obwohl sie von der Politik in den Wettbewerb um internationale Spitzenplätze und Nobelpreise geschickt werden, dürfen die meisten deutschen Hochschulen sich nur am langen Gängelband der Ministerpräsidenten bewegen. Sie dürfen mit ihren Mitteln nicht wirtschaften, sondern sind auf Regelwerke festgelegt, die für Bürokratien entworfen wurden. Ein professionelles universitäres Personal- und Finanzmanagement, wie es an amerikanischen Eliteuniversitäten selbstverständlich ist, hat sich deshalb in Deutschland noch nicht entwickelt.
Der Exzellenzwettbewerb durchbricht nun zumindest das Prinzip der Gleichmacherei, das seit den siebziger Jahren praktiziert worden ist, und stärkt deswegen die Kräfte der Erneuerung und des Wettbewerbs. Das erhöht den Druck auf die Ministerpräsidenten, den Hochschulen ein Höchstmaß an Autonomie zu geben, und den Druck auf Universitätspräsidenten, für das Personalmanagement Profis zu engagieren und das Fundraising nicht dem nächstbesten Angestellten zu überlassen. Außerdem zwingt der Wettbewerb die Universitäten, ihre Stärken zu identifizieren und ihre Schwächen auszubügeln.
Befürchtungen in Ostdeutschland
Spannend wird die Frage, was mit den vielen Verlieren geschieht, die ein solcher Wettbewerb automatisch hervorbringt. Die Bundesländer sind klamm, ihre Finanzminister jubeln über jede neue Begründung dafür, Hochschulausgaben eindampfen zu können. Da könnte es manchem ganz recht kommen, wenn eine Hochschule an diesem Freitag durchfällt oder es gar nicht erst in die Endrunde geschafft hat. Eine solche Gefahr sehen besonders die Rektoren der ostdeutschen Universitäten. Mit Ausnahme der TU Dresden hat es keine von ihnen in die Endrunde geschafft. Das liegt, so die Verliererrektoren, auch daran, daß die westdeutschen Universitäten schon viel länger im DFG-Geschäft sind und daß es an Unternehmen im Umfeld fehlt, die Drittmittel für die Forschung in die Labors investieren. Würden die Verlierer von ihren Geldgebern in den Staatskanzleien abgestraft, wäre das ein fataler Schritt: Dann würde jener Unterbau fehlen, der Spitzenleistungen erst ermöglicht.
Natürlich findet die Politik Gefallen an Wettbewerben dieser Art, weil es ihr auch erlaubt, sich als Geldgeber zu inszenieren. Neue Wettbewerbe sind schon deshalb bereits in der Planung: Der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Peter Strohschneider, fordert einen Exzellenzwettbewerb für gute Lehre, damit diese Grundlage akademischen Erfolgs nicht hinten runter fällt. Er glaubt, daß in einem solchen Wettbewerb die ostdeutschen Hochschulen reüssieren könnten. Forschungsministerin Schavan hingegen denkt in eine ganz andere Richtung, ganz im Sinne ihrer Vorgängerin Bulmahn, die am Ende ihrer Amtszeit nur noch fördern wollte, was Arbeitsplätze schafft. Mit der Hightech-Strategie hat sich Schavan zur Überraschung vieler auf ein ähnliches Leitprinzip festgelegt. Im Berliner Ministerium wird deshalb ein Wettbewerb konzipiert, der die vorbildliche Zusammenarbeit von Hochschulen und außeruniversitären Instituten mit privaten Firmen belohnen soll.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa