Irak

Der Vertraute Khomeinis wollte keinen Gottesstaat im Irak

Von Rainer Herrmann, Istanbul

Forderte für den Irak ein “modernes islamisches Regime“: Baqir al-Hakim

Forderte für den Irak ein "modernes islamisches Regime": Baqir al-Hakim

29. August 2003 Saddam Hussein hatte 22 Angehörige der großen schiitischen Theologenfamilie Hakim exekutieren lassen, bevor er 1980 seinen Krieg gegen Iran begann. Der junge Muhammad Baqir al Hakim entkam seiner Exekution nur durch eine Flucht nach Iran. Auch in der Zeit nach Saddam ist die Gelehrtenfamilie vor Anschlägen nicht sicher. Am vergangenen Sonntag überlebte Großayatollah Muhammad Said al Hakim in Nadschaf ein Attentat nur knapp. In derselben Stadt ist nur wenige Tage später vor dem Schrein von Imam Ali nun sein Neffe Muhammad Baqir al Hakim von einer Autobombe getötet worden.

Erst am 10. Mai war Muhammad Baqir al Hakim aus seinem Exil in den Irak zurückgekehrt. In Basra hatten ihn lediglich 2000 Anhänger begrüßt, deutlich weniger als erwartet. Die meisten von ihnen hatten den Badr-Brigaden angehört. Hakim hatte sie mit iranischen Geldern und Ausbildern während seines Exils aufgebaut. Ihre Stärke soll 15.000 Mann erreicht haben, mit ihnen wollte sich Hakim am Sturz Saddams beteiligen. Daneben gründete er als politische Plattform den "Hohen Rat der islamischen Revolution im Irak" (Sciri).

Trotz seiner Nähe zu Iran hat Hakim stets Wert darauf gelegt, einer irakischen Oppositionsgruppe vorzustehen. Seine Kritik an den Vereinigten Staaten verschärfte er, nachdem Washington im Frühjahr 1991 nach der Befreiung Kuweits die Unterstützung für die schiitischen Aufständischen im Südirak eingestellt hatte, so daß Saddam den Aufstand blutig niederwalzen konnte.

Gegner eines Gottesstaats

Auch wenn der 63 Jahre alte Ayatollah Hakim enge Kontakte zum iranischen Revolutionsführer Khomeini unterhalten hatte, lehnte er die Errichtung eines Gottesstaats nach dem Vorbild Irans im Irak ab. Eine neue Regierung des Irak solle aus Wahlen hervorgehen, forderte er noch unmittelbar vor seiner Rückkehr in den Irak. Dort wuchs die Unterstützung für den politischen Religionsgelehrten in dem Maße, wie die Iraker den Glauben an die Amerikaner verloren. Er stieg zum wichtigsten Führer der religiösen Schiiten auf. Zugute kamen ihm dabei die möglicherweise 700 Millionen Dollar an Hilfsgeldern, die er aus Iran mitbrachte und mit denen er populäre Wohlfahrtsprojekte für die verarmte Bevölkerung finanzierte, zum Beispiel Armenküchen und Krankenhäuser.

Vor ihm war ein anderer prominenter Schiitenführer einem Attentat zum Opfer gefallen. Unmittelbar nach Ende des Irak-Kriegs wurde der liberale schiitische Theologe Khoi bei einem Attentat getötet. Hinter dem Anschlag wird bis heute der radikale Schiitenführer Muqtada Sadr vermutet, der ebenfalls Unterstützung aus Iran genießen soll. Hakim war gewiß kein Liberaler wie Khoi, aber ungleich gemäßigter als Sadr, der in Kufa, nur zehn Kilometer von Nadschaf entfernt, für die Errichtung eines strikt religiösen Staats kämpft und dafür die "Armee der Gläubigen" gegründet hat, die auch in den Schiitenvierteln von Bagdad ihre Mitglieder rekrutiert. Sadrs Feinde sind gemäßigte Schiitenführer wie Khoi und Hakim, aber auch Quietisten wie Großayatollah Sistani, der aus Angst vor einem Anschlag über Monate sein Haus in Nadschaf nicht verlassen hatte.

Rivalität zwischen jungen Fanatikern und traditionellen Geistlichkeit

Der Kampf um die Führung innerhalb der größten Bevölkerungsgruppe ist deshalb wichtig, weil sich die Schiiten nicht mehr wie in der Vergangenheit unter die Minderheit der Sunniten unterordnen, sondern erstmals die Geschicke des Landes in die Hand nehmen will. Trotz einiger säkularer schiitischer Politiker wie Ahmad Tschalabi und Nuri Badran haben Kleriker die Führung der Schiiten übernommen.

Eine Rivalität ist dabei zwischen jungen Fanatikern wie Muqrada Sadr und der traditionellen Geistlichkeit entstanden, die in der Hawza lehrt, dem Zentrum der schiitischen Gelehrsamkeit in Nadschaf. Hakim forderte, anders als Sadr, die Vereinigten Staaten nicht offen heraus. So hatte er einen seiner Verwandten in den Übergangsrat entsandt. Von etwa 22 Millionen Irakern gehören etwa 60 Prozent der schiitischen Konfession an, die im Nachbarland Iran Staatsreligion ist. Offizielle Angaben liegen nicht vor; die konfessionelle Gliederung der Bevölkerung war eines der bestgehüteten Tabus unter Saddam Hussein.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.08.2003, Nr. 201 / Seite 6
Bildmaterial: AP

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