25. Februar 2005 Seine telefonische Mitteilung Die Arbeit ist erledigt charakterisiert nicht nur die dramatischsten Stunden im Leben Hans-Jürgen Wischnewskis, sondern auch die politische Tätigkeit und die Verdienste des nun in Köln gestorbenen Sozialdemokraten.
Eine knappe Viertelstunde nach Mitternacht, am 18. Oktober 1977, rief der Staatsminister im Bundeskanzleramt aus Mogadischu Bundeskanzler Schmidt an und teilte ihm mit, die von einem palästinensischen Terrorkommando entführten 86 deutschen Touristen in der Lufthansa-Maschine Landshut seien befreit. Der Einsatz der Antiterrorgruppe GSG 9 des Bundesgrenzschutzes hatte unter der Führung Wischnewskis gestanden. Schmidt aber hatte sich vorgenommen, im Falle eines Mißlingens der Befreiungsaktion vom Amt des Bundeskanzlers zurückzutreten.
Verästelungen in die arabische Welt
Die damaligen Würdigungen, Wischnewski sei der Held von Mogadischu, hängen eng mit dem freundlich-ironisch gemeinten Titel Ben Wisch zusammen. Ohne Wischnewskis vielfältige und schon damals fast 20 Jahre alte Kontakte in die verschiedenen Verästelungen der arabischen Welt wäre der Einsatz deutscher Antiterrorspezialisten auf dem Flugfeld von Mogadischu vielleicht gar nicht zustande gekommen.
Die Beziehungen und das Ansehen, über die Wischnewski verfügte, haben die Aktion zumindest erleichtert. Den Palästinenserführer Arafat hatte er schon 1967 kennengelernt. Um die algerischen Befreiungskämpfer hatte er sich seit Ende der fünfziger Jahre gekümmert. Eine Zeitlang hütete er sogar deren Kriegskasse.
Um Dialog bemüht
Immer wieder wurde er mit Sondermissionen beauftragt. Auch die Regierung von Bundeskanzler Kohl nutzte die Beziehungen Wischnewskis. Diese beruhten auf einem Geflecht von persönlichen Bekannten, auf einem Vertrauen, das Ergebnis vieler und auch streitiger Gespräche war.
Bundeskanzler Schröder beschrieb diese Leistungen und Fähigkeiten Wischnewskis mit den Begriffen der heutigen Zeit: Hans-Jürgen Wischnewski hat sich sehr früh um den Dialog zwischen den Kulturen gekümmert, und er hat nicht zuletzt deswegen großes Vertrauen in der arabisch-islamischen Welt genossen.
Letzter Einsatz in Tripolis
Der letzte Einsatz Wischnewskis dieser Art war die Bereinigung der Folgen des Anschlags libyscher Geheimdienstler auf die La-Belle-Diskothek in Berlin. Im vergangenen Mai führte er Gespräche in Tripolis, danach erklärte sich die libysche Staatsführung unter Gaddafi zu Entschädigungszahlungen bereit.
Es verstand sich von selbst, daß Schröder bei seinem Besuch im vergangenen Herbst in Tripolis Wischnewski mitnahm. Wischnewski wurde von den Machthabern als alter Freund begrüßt. Hinter den auf die arabische Welt konzentrierten Einsätzen sind - ein wenig - ähnliche Aktionen in Lateinamerika in Vergessenheit geraten. In El Salvador trug seine Vermittlung dazu bei, die Entführung der Tochter des Präsidenten Duarte zu beenden. Ein Jahr später erreichte er es, daß acht von den sogenannten Contras entführte Deutsche freigelassen wurden.
Engster Vertrauter von Helmut Schmidt
Doch war das nur der eine Teil der Tätigkeit Wischnewskis. Er war nicht nur Krisenmanager, sondern sozialdemokratischer Parteipolitiker alter Prägung. In den Jahren der Kanzlerschaft Schmidts zählte er zu dessen engsten Vertrauten, der - solange es ging - für das Funktionieren der SPD/FDP-Koalition und der Zusammenarbeit Schmidts mit dem Parteivorsitzenden Brandt und dem Fraktionsvorsitzenden Wehner sorgte.
Dabei hat Wischnewski nur kurze Zeit ein Ministerium geführt - als Entwicklungshilfeminister zu Beginn der Großen Koalition 1966. Bald wurde er Bundesgeschäftsführer der SPD und organisierte den Wahlkampf 1969. Der Regierung Brandt gehörte er nicht an. Zu Beginn der Amtszeit Schmidts wurde er Staatsminister im Auswärtigen Amt, und 1976 wechselte er mit diesem Titel in das Bundeskanzleramt.
Streit mit den Parteilinken
Wischnewski, der der SPD 1946 beigetreten ist, war ein streitiger Sozialdemokrat. Als die Partei Anfang der siebziger Jahre seiner Forderung nicht folgte, der Bundesgeschäftsführer bedürfe des Vertrauens und damit der Wahl des Parteitages, trat er von diesem Amt zurück. Viele Jahre stritt er sich mit der Parteilinken - über die Ausrichtung der SPD im allgemeinen und über die Zusammenarbeit mit kommunistischen Gruppen im besonderen.
Als Schatzmeister der SPD konnte er sich in den achtziger Jahren nicht mit der Forderung durchsetzen, die defizitäre Zeitschrift Vorwärts einzustellen. Doch minderten - je mehr die Jahre vergingen - solche Differenzen nicht das Ansehen, über welches der 1922 - als Sohn eines Zollbeamten in Allenstein in Ostpreußen - geborene und später als gelernter Kölsche bezeichnete Sozialdemokrat in der Partei verfügte.
Von 1957 bis 1990 vertrat er Kölner Wahlkreise im Bundestag. Mit stehenden Ovationen haben am vergangenen politischen Aschermittwoch die Kölner Sozialdemokraten Wischnewski im Gürzenich gefeiert. Wischnewski ist am Donnerstag im Alter von 82 Jahren gestorben. Am Freitag wurde im Bundestag seiner gedacht.
Text: ban.; F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa/dpaweb