Erinnerungen

Die Bändigung des Papstrummels

Von Albert Schäffer, Marktl am Inn

Vorboten des Papst-Besuches: Kreuze, soweit das Auge reicht

Vorboten des Papst-Besuches: Kreuze, soweit das Auge reicht

08. September 2006 Zumindest für einen Tag wird es zum „Benediktland“ werden - das Land zwischen Inn und Salzach, in dem der Papst seine Kindheit verbracht hat. Ein mehrstündiger Aufenthalt in Altötting, eine kurze Visite in seinem Geburtsort Marktl am Inn, dann wird Benedikts XVI. Rückkehr zu seinen biographischen Wurzeln schon wieder beendet sein. Doch zumindest ein Hauch der Geschichte wird auch durch die anderen Orte der Region wehen, in denen der Gendarmensohn Joseph Ratzinger aufgewachsen ist - dafür werden schon die Marketing-Fachleute sorgen, die sich jeder Facette seiner Biographie bemächtigt haben.

Unmittelbar nach der Papstwahl war Marktl, der Geburtsort Benedikts, bis in die kleinste Nebenstraße zugeparkt gewesen mit Übertragungswagen. Journalistische Höchstleistungen mußten vollbracht werden, hat Joseph Ratzinger doch nur zwei Jahre (1927 bis 1929) in dem Ort verbracht. Allein mit Bildern des Beckens, über dem der Säugling am 16. April 1927 getauft wurde, und des Geburtshauses ließen sich weder die gängigen Sendeformate noch Zeitungsspalten füllen. Mehr und mehr rückten deshalb die Marktler in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, genauer gesagt ihre bescheidenen merkantilen Anstrengungen mit Kreationen wie „Papst-Törtchen“, wahlweise mit Schoko- oder Cappuccinocreme, und „Papst-Mützen“ aus Hefeteig mit Rosinen.

„Mediamarktl, der Geburtsort des Papstes“

Was an Wallfahrtsorten als Ausbund der Harmlosigkeit belächelt wird - etwa Plastikflaschen für Weihwasser mit abschraubbaren Marienköpfen -, wird seither den Marktlern als neoliberales Neuheidentum angekreidet. Kabarettistische Möglichkeiten, die der Name Marktl eröffnet - „Mediamarktl, der Geburtsort des Papstes“ -, schürten die Aufgeregtheit auch in bischöflichen Beratungszimmern. Es fehlte nicht viel, und Marktl wäre bei der Planung der Papstvisite als Buße für angebliche Vermarktungssünden aus dem Programm gestrichen worden.

Wer sich jetzt in Marktl umsieht, wird freilich nichts entdecken, woran sich solche Bestrafungsphantasien entzünden könnten - zumal Bürgermeister Hubert Gschwendtner durch diskrete Gespräche dafür gesorgt hat, daß manche Marketingideen in die Schublade wanderten. Besucher stoßen auf das übliche Sortiment des Devotionalienhandels, nicht anziehender und nicht abstoßender als an anderen vergleichbaren Orten; wer sich unbedingt eine besondere spirituelle Bindung zum Papst von einem miniaturisierten Weißbierglas mit seinem Bild verspricht, kann es in Marktl erstehen. Ein Rummelplatz der Geschmacklosigkeiten ist der Ort mit seinen 2700 Einwohnern aber nicht geworden, obwohl auf die mediale eine touristische Springflut gefolgt ist.

Etwa 150.000 Gäste seit der Papstwahl

Wurden bis zur Papstwahl zweitausend Gäste im Jahr gezählt, angelockt durch die Radwege am Inn, lauten vorsichtige Schätzungen für die Zeit danach auf 150.000 bis 160.000 - mit einem hohen Anteil ausländischer Besucher. Gschwendtner, von Beruf Lehrer, versieht die Aufgaben des Bürgermeisters ehrenamtlich; andere an seiner Stelle hätten sich unter Hinweis auf das Verursacherprinzip nach Asylmöglichkeiten im Vatikan erkundigt. Ein Besucherzentrum, ein Busparkplatz, eine zweisprachige Beschilderung, ein mehrsprachiger Internetauftritt - in Windeseile mußte ein zeitgenössisches Tourismuspaket geschnürt werden, mißtrauisch beäugt von Experten in Fragen der Scheidung von Wahrem und Falschem.

Sie können beruhigt nach Marktl reisen. Es führt keine Kleinbahn namens „Benedikt-Express“ von der Kirche St. Oswald, in der das Taufbecken steht, zu seinem Geburtshaus, das von einer kirchlichen Stiftung erworben wurde und dessen Fassade termingerecht zum Papstbesuch restauriert ist. Es gibt kein allabendliches Spektakel „Son et Lumière“ auf dem Marktler Sportplatz, in der die päpstlichen Babyjahre in Ton- und Lichteffekte umgesetzt werden. Es wurde kein Musical-Theater errichtet, in dem der junge Ratzinger zusammen mit Mozart und Ludwig II. eine Wallfahrt nach Altötting unternähme.

Der stärkste Eindruck war die Gnadenkapelle“

Dennoch ist es nicht einfach, etwas von dem ursprünglichen Benedikt-Fluidum zu erhaschen, denn auch ein päpstlicher Geburtsort ist nicht aus der Zeit genommen. Die festgefügte dörfliche Gemeinschaft, in die Ratzinger hineingeboren wurde - mit einem selbstverständlich gelebten Glauben und dem Ortspfarrer als unverrückbarer Autorität -, hat nur fragmentarisch überlebt. Der Marktler Pfarrer Josef Kaiser kämpft mit den gleichen Schwierigkeiten wie andere Seelsorger - mit jungen Familien, die sich abschotten, mit Eltern, die Erstkommunion und Firmung nur als Event verstehen, mit Jugendlichen, die mit der traditionellen kirchlichen Jugendarbeit wenig anfangen können.

Ein wenig anschaulicher wird der katholische Urgrund, in dem Ratzingers Kindheit verankert war, wenige Kilometer von Marktl entfernt - in Altötting. Die Familie Ratzinger hat zwar dort nie gewohnt; in einem Beitrag für einen Altöttinger Stadtführer beschreibt der Papst aber, daß die gemeinsamen Wallfahrten mit seinen Eltern und Geschwistern zu diesem traditionsreichen Gnadenort zu seinen „frühesten und schönsten Erinnerungen“ gehörten: „Der stärkste Eindruck war natürlich die Gnadenkapelle, ihr geheimnisvolles Dunkel, die kostbar gekleidete schwarze Madonna, umgeben von Weihegeschenken, das stille Beten vieler Menschen, dazu dann der Umgang, in dem die Menschen ihr Kreuz sichtbar tragen.“

Tittmoning, „das Traumland meiner Kindheit“

Dem heutigen Besucher mögen manche Formen der Volksfrömmigkeit - Ikonen mit dem Antlitz Benedikts - in Altötting einen metaphysischen Schrecken einjagen. Die religiöse Intensität, in der Ratzinger aufgewachsen ist, mit einem tiefgläubigen Vater, der an Sonntagen dreimal in die Kirche ging und der Marianischen Männerkongregation in Altötting angehörte, ist aber noch spürbar. Der Magie der Gnadenkapelle in der Stiftspfarrkirche, der Basilika St. Anna, können die vielen Devotionaliengeschäfte nichts anhaben. Die haben für den Papstbesuch noch einmal aufgerüstet: Wer „kleine Bleistiftsünden einfach wegradieren will“, kann einen „Ratzefummel“ mit päpstlichem Konterfei erstehen.

Wem die Altöttinger Mischung aus Erhabenem und Trivialem eher Unbehagen bereitet, sollte nach Tittmoning fahren, am westlichen Ufer der Salzach gelegen. Die Tittmoninger verdienten eine päpstliche Auszeichnung, so diskret gehen sie damit um, daß Ratzinger drei Jahre (1929 bis 1932) seiner Kindheit bei ihnen verbracht hat. Keine „Papst-Törtchen“, keine „Ratzefummel“, keine Benedikt-Ikonen. Tittmoning sei „das Traumland meiner Kindheit“ geblieben, schreibt Ratzinger in seinen Lebenserinnerungen und bescheinigt in einem fast Mozartschen Schreibduktus dem Stadtplatz, daß er „größeren Städten Ehre machen würde.“

„Alles war vom Glauben umschlossen“

Nach Tittmoning kommt Benedikt nicht - vielleicht ein nicht nur für Päpste ratsamer Umgang mit einem Traumland der Kindheit, dem er damit auch eine Besetzung durch die Kreuzritter der Neuzeit, die Medien, erspart. Auch die weiteren Orte seiner Kindheits- und Jugendjahre bleiben vom Besuchsprogramm ausgespart - Aschau am Inn und Traunstein. Aschau war die letzte berufliche Station des Gendarmen Ratzinger, der nach den Worten seines Sohnes darunter litt, einer Staatsgewalt dienen zu müssen, „deren Träger er als Verbrecher ansah“. Hier lebte die Familie Ratzinger von 1932 bis 1937; Joseph wurde in dem „behäbigen Bauerndorf“, wie er in seinen Erinnerungen schreibt, eingeschult und feierte in der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt seine Erstkommunion.

Vor dem einstigen Wohnhaus der Ratzingers in Aschau steht ein steinerner Stuhl - ein Denkmal, das den kühnen Bogen schlägt zwischen dem Kind, das auf einem Stuhl in der Küche seine Hausaufgaben machte, und dem Mann auf dem Stuhl Petri. Aschau ist in der öffentlichen Wahrnehmung der Biographie Benedikts an den Rand gerückt worden - ein wenig zu Unrecht. Dort erlebte er mit der Wachheit eines Schulkindes eine Welt, die in dieser Form nicht mehr lange bestehen sollte: „Das bäuerliche Leben war noch in einer festen Symbiose mit dem Glauben der Kirche zusammengefügt“, schreibt er in seinen Erinnerungen: „Geburt und Tod, Hochzeit und Krankheit, Saat und Ernte - alles war vom Glauben umschlossen.“

„Man soll der Güte Gottes keine Grenze setzen“

Der Zentralort des „Benediktlandes“ ist Traunstein, wo er als Gymnasiast und Zögling des Erzbischöflichen Studienseminars St. Michael prägende Jahre verbrachte. Die Stadt sei seine „wahre Heimat“ geworden, resümiert er in seinen Erinnerungen. Unüberhörbar ist ein melancholischer Unterton in einem Brief, den der Papst an den Traunsteiner Oberbürgermeister geschrieben hat und der in einem Schaukasten im Rathaus ausgestellt ist. Er wage fast nicht zu hoffen, noch einmal nach Traunstein zu kommen, schreibt Benedikt: „Aber man soll ja der Güte Gottes keine Grenze setzen.“ Sollte das ein dezenter Hinweis an das vatikanische Protokoll gewesen sein, so wurde er zumindest bei diesem Besuch des Papstes übersehen.

Die Traunsteiner finden sich ohne allzu vernehmliches Murren damit ab. Ohnehin pflegt die Kommune mit ihren rund 18.400 Einwohnern einen gelassenen, wenig plakativen Umgang mit ihrem Benedikterbe. Wer will, kann die Stadt mit Hilfe eines Büchleins oder eines örtlichen Cicerone auf den Spuren Ratzingers durchstreifen. Das kleine Bauernhaus, das die Familie 1937 in Hufschlag bei Traunstein bezog, ist noch das Idyll, das Ratzinger in seinen Erinnerungen schildert: „Wenn wir am Morgen die Vorhänge öffneten, standen vor uns wie greifbar der Hochfelln und der Hochgern, die beiden Traunsteiner ,Hausberge'.“ In der Nachbarschaft ist freilich längst die Baukultur der Vorstädte eingezogen.

Gute Vorbereitung auf päpstlichen Terminkalender

1939 folgte Joseph seinem Bruder Georg ins Erzbischöfliche Studienseminar St. Michael auf der Traunsteiner Wartberghöhe. „In einen Studiersaal mit etwa sechzig anderen Buben eingefügt zu sein war für mich eine Folter, in der mir das Lernen, das mir vorher so leicht gewesen war, fast unmöglich schien.“ Längst sind zwar die großen Schlaf- und Studiersäle des Internats, die Ratzinger so viel Pein bereiteten, durch kleinere Zimmer ersetzt worden, doch der Tagesrhythmus der Seminaristen ist so festgefügt wie eh und je - keine schlechte Vorbereitung auf einen päpstlichen Terminkalender. Lange währte Ratzingers Zeit auf der Wartberghöhe allerdings nicht; im Krieg wurde das Seminar die meiste Zeit als Lazarett genutzt, und die Seminaristen mußten in Ausweichquartieren oder zu Hause wohnen.

1943 wurde Ratzinger als Flakhelfer nach München einberufen - im Alter von sechzehn Jahren. Damit endete seine Kindheits- und Jugendzeit zwischen Inn und Salzach. Nach Kriegsende kehrte er zwar im Juni 1945 zurück ins Elternhaus in Hufschlag, bezog aber bald das Priesterseminar in Freising. In seinen Erinnerungen beschreibt er das Dreieck, das Inn und Salzach bilden, als „altes keltisches Kulturland, das dann Teil der römischen Provinz Rätien wurde und immer stolz auf diese doppelte kulturelle Wurzel geblieben ist“. Den Kelten im Römer Benedikt zu entdecken könnte eine Herausforderung für Biographen des Papstes werden, zumal wenn sie einen weiteren Fingerzeig in seinen Memoiren für die Spurensuche im „Benediktland“ beherzigen: „Manche meinen sogar, auch byzantinische Einflüsse feststellen zu können.“

Text: F.A.Z., 09.09.2006, Nr. 210 / Seite 3
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.

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