Rohstoffe

Teures Öl

Von Rainer Hermann

07. Mai 2004 Der Ölpreis ist hoch, und er wird weiter steigen. Das erwartet jedenfalls der amerikanische Notenbankchef Greenspan, und die Ölbranche widerspricht ihm nicht. In den vergangenen Wochen mag die politische Instabilität im Nahen Osten den Ölpreis nach oben getrieben haben. Langfristig stützen aber andere Faktoren diesen Trend: das schnelle Wachstum in China und Indien sowie die teurer werdende Ölförderung außerhalb der Golfstaaten. Greenspan hat seine Prognose aus den steigenden Terminpreisen für Öl abgeleitet, das in sechs Jahren ausgeliefert wird. Schon in den vergangenen fünf Jahren sind die Terminpreise mit dieser Frist um zehn Dollar pro Barrel Rohöl (je 159 Liter) gestiegen.

Zu Beginn des Sommers klettern die Öl- und die Benzinpreise weiter, in Europa nicht anders als in den Vereinigten Staaten. Denn für Unruhe haben auf den Ölmärkten zwei Anschläge auf Öleinrichtungen gesorgt, für die das Terrornetzwerk Al Qaida verantwortlich gemacht wird. Zunächst haben am 24. April drei Selbstmordanschläge auf Verladeeinrichtungen südlich von Basra die Verwundbarkeit des irakischen Ölexports bloßgelegt. Über diese Verladeplattformen hatte der Irak bis zum März seine gesamte Ölausfuhr abgewickelt, denn Sabotageakte hatten die Ölleitung vom Nordirak in die Türkei wiederholt beschädigt. Die prekäre Sicherheitslage des Iraks hat damit alle Pläne auf Eis gelegt, das Land rasch zu einem führenden Ölexporteur zu machen.

„Politischer“ Preis

Dann sind am vergangenen Samstag in der saudischen Hafenstadt Yanbu fünf ausländische Ölfachleute bei einem Terroranschlag getötet worden. Für diesen Anschlag hatte ein Mitglied von Al Qaida drei saudische Bürger angeworben, die zuvor nicht durch islamistische Neigungen aufgefallen waren. Als Folge des Anschlags haben alle ausländischen Fachleute in Yanbu ihre Koffer gepackt, und der Ölpreis machte einen weiteren Sprung nach oben. Nun ist er so hoch wie seit dem Oktober 1990 nicht mehr.

Der iranische Ölminister Zanganeh argumentiert daher, der Ölpreis hänge gegenwärtig nicht von der Menge des geförderten Öls ab, sondern von der "politischen Situation" des Nahen Ostens. Als "passend" bezeichnet er einen Ölpreis am oberen Ende des Bands von 22 Dollar bis 28 Dollar pro Barrel Rohöl. Die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) hatte sich verpflichtet, den Preis innerhalb dieser Spanne zu halten. Der Ölminister der Vereinigten Arabischen Emirate, al Nasseri, deutete nun aber an, daß die Opec prüfe, dieses Preisband anzuheben. Alle Opec-Staaten klagen, daß der Anstieg des Ölpreises noch immer nicht die Dollarschwäche kompensiere.

Unsicherheit durch Terror

Zum Weltölmarkt von 80 Millionen Barrel am Tag steuern die zehn Mitgliedstaaten der Opec, ohne den Irak, lediglich 32 Prozent bei. Mit der Senkung der Förderquoten zum 1. April um eine Million auf 23,5 Millionen Barrel haben die Opec-Mitglieder Hoffnungen auf einen sinkenden Preis zunichte gemacht. Selbst wenn sie weiterhin 1,5 Millionen Barrel am Tag über ihre Förderquoten hinaus produzieren, was der indonesische Präsident der Opec, Yusgiantoro, zugibt. Andere nennen sogar noch eine höhere Überschreitung der Opec-Förderquoten. Gerade deshalb erwartet Yusgiantoro nicht, daß die Opec bei ihrem nächsten Ministertreffen am 3. Juni die Quoten wieder anheben könnte.

Der Terror schafft Unsicherheiten, schneller als erwartet wächst aber die Nachfrage nach Öl. Bereits zum fünften Mal hat die Internationale Energieagentur (IEA) ihre Projektion für die Ölnachfrage in diesem Jahr angehoben und hat nun ein Wachstum von 2,1 Prozent auf 80,2 Millionen Barrel errechnet. Damit ist das Wachstum nahezu doppelt so hoch wie im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre. Drei Viertel des Wachstums der Ölnachfrage sollen 2004 auf China und Indien entfallen. Allein der Ölverbrauch Chinas werde in diesem Jahr als Folge der hohen Autoverkäufe und des Ausbaus der ölbefeuerten Kraftwerke um 13 Prozent auf 6,2 Millionen Barrel am Tag steigen, prognostiziert die IEA. Im ersten Quartal ist die chinesische Volkswirtschaft um 9,7 Prozent gewachsen. China und Indien stellen eine Einheit ihres Bruttosozialprodukts mit einem besonders hohen Energieaufwand her.

Die Nachfrage für Öl wächst auch in den Vereinigten Staaten schneller, wo die Popularität von Geländewagen den Verbrauch in die Höhe treibt. Auf der Angebotsseite schränken aber zwei Faktoren den Spielraum ein. So wird die Ölförderung in den Ländern außerhalb der Opec jedes Jahr teurer. Seit 1997 haben sich ihre Kosten zur Erschließung von Ölfeldern auf über sieben Dollar pro Barrel mehr als verdoppelt. Gleichzeitig ist das Ölangebot der Nicht-Opec-Staaten seit 1997 jeweils unter den Prognosen der IEA geblieben. Auch die Opec-Staaten schöpfen ihre Kapazität bereits zu 95 Prozent aus. Lediglich Saudi-Arabien verfügt über nennenswerte Förderreserven. Noch sind also keine Anzeichen zu erkennen, daß sich der Weltölmarkt entspannen wird.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.05.2004, Nr. 107 / Seite 1
Bildmaterial: dpa

 
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