Zentrum für Türkeistudien

Vorstand will Faruk Sen entlassen

Faruk Sen: “Er polarisiert, statt zur Integration beizutragen“

Faruk Sen: "Er polarisiert, statt zur Integration beizutragen"

26. Juni 2008 Der Vorstand des Zentrums für Türkeistudien hat am Donnerstag auf einer außerordentlichen Sitzung beschlossen, beim Vorsitzenden des Kuratoriums die Abberufung des langjährigen Direktors Faruk Sen zu beantragen. Außerdem bat er darum, den Direktor mit sofortiger Wirkung von der Wahrnehmung seiner Geschäfte zu entbinden.

Anlass für die Sondersitzung war ein Vergleich gewesen, den Sen in einem türkischen Zeitungsartikel am 19. Mai zwischen der Lage der Juden in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in Europa und der gegenwärtigen Situation der Türken auf dem Kontinent gezogen hatte.

„Die neuen Juden Europas“?

In einem Artikel in der Zeitschrift „Referans“ hatte Sen in einem Beitrag, der eigentlich antisemitische Anwürfe gegen den bekannten türkischen Geschäftsmann jüdischen Glaubens, Ishak Alaton, kritisieren sollte, davon gesprochen, die Türken seien heute die „neuen Juden Europas“ (Avrupa´ nin yeni Yahudileri) und „Schicksalsgenossen“ (kaderdainiz).

Der Vorstand des Zentrums nannte diesen Vergleich „unverantwortlich“. In der Begründung für seinen Schritt teilte er mit: „Nicht nur die aktuellen Äußerungen des Direktors widersprechen dem Stiftungszweck nachhaltig. Sie schädigen darüber hinaus die Reputation des Zentrums“.

„Verzerrter Eindruck“

Die jüngsten öffentlichen Äußerungen hätten dem Vertrauensverhältnis zum Vorstand schweren Schaden zugefügt. „Durch sie“, so hieß es weiter, „vermittelt der Direktor insbesondere auch in türkischen Medien einen verzerrten Eindruck über das Zusammenleben von Deutschen und Türken und polarisiert damit, statt zur Integration beizutragen. Er fördert nicht das gegenseitige Verständnis und verstößt fortlaufend gegen den Stiftungszweck. Er wurde bereits mehrfach vom Vorstand auf seine Pflichten hingewiesen.“

Der nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet (CDU) kündigte als Vorsitzender des Kuratoriums an, das Gremium werde frühestens in zwei Wochen über eine Abberufung entscheiden. „Mit seinen unbedachten Äußerungen schadet Faruk Sen dem deutsch-türkischen Verhältnis und der Integrationspolitik in Deutschland“, sagte Laschet.

Bedauern bei Sen

Sen konnte wegen einer Erkrankung am Donnerstag nicht an der Sitzung teilnehmen, gab jedoch eine schriftliche Stellungnahme zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen ab. Er kündiget an, sich gegen eine mögliche Entlassung juristisch wehren zu wollen. „Das ist eine Überreaktion des Vorstands“, sagte er der Berliner „Tageszeitung“. In einer Erklärung bedauerte er abermals eine umstrittene Äußerung. Es sei „vollkommen klar, dass nicht nur das Schicksal der Juden in der Nazizeit und das der Türken unvergleichbar sind, sondern die gesamte zweitausendjährige Geschichte der Judenverfolgung eine einmalige Qualität hat, die historische Vergleiche überhaupt verbietet“.

Auch nach einem Gespräch mit Michel Friedman, dem ehemaligen stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, bedauerte Sen die Verwendung der Bezeichnung „neue Juden Europas“ für die Türken. Sein Einsatz gegen Antisemitismus in der Türkei sei bei Friedman auf Anerkennung gestoßen.

Der 1948 in der türkischen Hauptstadt Ankara geborene Sen, Absolvent der Deutschen Schule in Istanbul, bereits lebt seit 1971 in Deutschland. Die Leitung des Zentrums für Türkeistudien in Essen hatte er seit dem 1. Oktober 1985 inne. Immer wieder ist en auch mit Beiträgen für türkische Zeitungen wie „Milliyet“ hervorgetreten.

Text: wgl., F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Nutzen Sie jetzt Ihr Sonderkündigungsrecht. Beim Wechsel Ihrer Kfz-Versicherung winken bis zu 500 € Ersparnis. Jetzt online vergleichen und gleich abschließen.

Blättern
ÜberKreuz

Kleine Kirchenkomödie

Von Reinhard Bingener

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche